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Innovationen in der Pipeline

02.06.2003  00:00 Uhr
Pharmacon Meran 2003

Innovationen in der Pipeline

Auch über Wirkstoffe in der Pipeline müssten Apotheker die Ärzte informieren können, motivierte Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Universität Frankfurt seine Zuhörer. Mit seinem Vortrag über noch nicht in Deutschland zugelassene Arzneimittel wollte er den Offizinapotheker in der Beratung unterstützen.

Außerdem holen sich immer mehr Patienten ihr Wissen über neue Arzneimittel aus dem Internet und suchen dann Rat in der Offizin. Ein typisches Beispiel: Atomoxetin (Strattera®), das in den USA seit kurzem für Kinder und Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zugelassen ist. Der Wirkstoff ist kein Psychostimulans wie Methylphenidat, sondern ein selektiver Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor (SNRI) wie Reboxetin. Ursprünglich wurde er als Antidepressivum konzipiert. In klinischen Studien wirkte Atomoxetin vergleichbar gut wie Methylphenidat, war aber besser verträglich, berichtete der neue Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker. Atomoxetin könne daher eine Alternative zu Methylphenidat bieten.

Arthrosepatienten können auf neue Stoffe hoffen. Lumiracoxib ist der erste selektive COX-2-Inhibitor mit sauren Eigenschaften, der strukturell stark dem Diclofenac ähnelt. Der Neuling hat jedoch eine deutlich höhere COX-2-Selektivität und reichert sich außerdem im sauren Milieu des entzündeten Gewebes an, könnte also potenziell gewebeselektiv sein. In einer Studie linderten 400 mg Lumiracoxib (Prexige®) die Beschwerden ebenso gut wie Diclofenac. Der Wirkstoff ist gastrointestinal besser verträglich als etablierte nicht steriodale Antirheumatika. Mit Etoricoxib ist demnächst ein weiteres Coxib zu erwarten, kündigte Schubert-Zsilavecz an.

Licofelone wird ebenfalls bei Arthrosepatienten geprüft. Der Wirkstoff ist der erste Vertreter der dualen LOX-COX-Hemmer und wurde von deutschen Forschern entwickelt. Licofelone blockiert die Cyclooxygenase (COX) und die Lipoxygenase (LOX). Hintergrund: Werden nur COX-1 und -2 inhibiert, verstoffwechselt die LOX Arachidonsäure vermehrt zu Leukotrienen, die die Schleimhaut schädigen können. Dies will man mit der gleichzeitigen Blockade beider Enzymwege vermeiden. In Studien war Licofelone bei guter Magenverträglichkeit ebenso gut wirksam wie Diclofenac.

Kein neues Wirkprinzip bietet das als „Super-Statin“ angepriesene Rosuvastatin, das als Crestor® in den Niederlanden auf dem Markt ist. Es ist hoch potent und interagiert nicht mit Cytochrom CYP 3A4. Die Zukunft der lipidsenkenden Therapie dürfte in der Kombination eines Cholesterol-Resorptionshemmers mit einem niedrig dosierten Statin liegen, vermutet Schubert-Zsilavecz.

Nach dem Subtyp 5 der Phosphodiesterase (PDE) könnte jetzt auch die PDE-4 Karriere machen. Hier greifen Cilomilast (Ariflo®) und Roflumilast an. Die PDE-4-Hemmstoffe erhöhen die Konzentration von cAMP in Immun-, Entzündungs- und glatten Muskelzellen und wirken bronchodilatatorisch und antientzündlich. Bei Patienten mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) verbesserte sich in Studien die Lungenfunktion signifikant. Die Kombination mit etablierten Beta-2-Agonisten und Anticholinergika ist möglich.

Eine ganz neue Strategie verfolgt der erste selektive, nicht peptidische Neurokinin-1-Rezeptorantagonist Aprepitant. Als Antiemetikum könne er die Lebensqualität von Patienten nach Chemotherapie verbessern, betonte der Referent. Während Serotonin eher das akute Erbrechen nach einer Chemotherapie auslöst, wird das verzögerte Erbrechen mit Neurokininen in Zusammenhang gebracht. Daher wird der neue Arzneistoff, der die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann, mit 5-HT3-Antagonisten und Dexamethason kombiniert. Damit konnte man Übelkeit und Erbrechen besser verhindern als mit den Standardmedikamenten: „ein deutlicher Vorteil für die Patienten“.

Eine „Renaissance der Aldosteron-Antagonisten“ läutet Eplerenon ein, das kürzlich in den USA zugelassen wurde. Ein Molekülvergleich mit Spironolacton zeigt, dass wenige Strukturänderungen die Selektivität des Moleküls deutlich erhöhten. Eplerenon ist ein selektiver Aldosteron-Rezeptorantagonist (SARA) und hat weniger antiandrogene und progestagene Effekte als sein Vorgänger. Seinen klinischen Stellenwert bei Patienten mit Hypertonie und Herzinsuffizienz habe Eplerenon bereits bewiesen, berichtete Schubert-Zsilavecz.

Begeistert war er von Ximelagatran (Exanta®). Dieser erste peroral bioverfügbare direkte Thrombininhibitor wird bereits als Blockbuster propagiert. Das Prodrug wird in vivo zu Melagatran gespalten, das im aktiven Zentrum von Thrombin andockt. Der Wirkstoff soll zur Prophylaxe und Behandlung der Thrombose eingesetzt werden. Pluspunkt neben der oralen Einnahme einer festen Dosis: Eine engmaschige Blutgerinnungskontrolle ist nicht nötig. Damit könnte Ximelagatran eine Alternative zu Heparinen bieten und vielleicht sogar zu Phenprocoumon.

 

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