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Bakterienangriff auf das Zahnfleisch

20.09.2004
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Mundhygiene

Bakterienangriff auf das Zahnfleisch

von Elke Wolf, Rödermark

Ein einziger Zahn kann von einer Milliarde Bakterien besiedelt sein. Dass die Erreger Löcher in den Zahn ätzen, ist bekannt. Doch dass sie sich auch ins Zahnfleisch fressen, Gewebe abbauen und Zähne lockern, wurde erst vor kurzem entdeckt. Gegen Karies und Parodontitis hilft nur eins: konsequente Mundhygiene.

In der Mundhöhle tummeln sich weit mehr Mikroorganismen, als bislang angenommen. Etwa 500 Spezies sind derzeit identifiziert. Wie in jedem anderen Ökosystem gibt es friedliche Vertreter, aber auch ein paar schädliche, die das Gebiss angreifen. So löste die Art Streptococcus mutans Karies aus. Doch auch das Zahnfleisch steht in der Schusslinie von Mikroben. Hierfür nutzen die Bakterien gezielt die Schwachstelle des Zahnfleischs aus: die Saumzellen, die direkt am Zahn haften und diesen im knöchernen Zahnfach verankern. Bakterientoxine stoßen am Saumhäutchen in das Bindegewebe des Zahnfleischs vor, wodurch dieses sich entzündet, was als Gingivitis bezeichnet wird.

Wird diesem Prozess nicht mit der richtigen Zahnpflege und einem Zahnarztbesuch Einhalt geboten, kann es zur Parodontitis kommen – das Zahnfleisch rötet sich und schwillt an. Beim Essen und bei leichter Berührung blutet das Gewebe. Zwischen Zahn und Zahnfleisch entstehen Taschen, die sich 6 bis 30 Millimeter tief eingraben können. Essensreste geben den Bakterien Nahrung, und deren Zahl nimmt explosionsartig zu. Dem Zahnfleisch bleibt nur der Rückzug, weil die Bakterien in der Zahnfleischtasche Gewebe abbauende Kollagenasen aktivieren. Der Zahn wird locker und fällt schlimmstenfalls aus.

Gemeinsam sind Bakterien stark

Für die Schäden ist nicht eine spezielle Bakterienart verantwortlich. Mikrobiologen vermuten vielmehr, dass die Kombination bestimmter Erreger den Gewebeschaden verursacht und die zerstörerische Wirkung eher von der Ökologie und dem Stoffwechsel der Bakterienplaque abhängt als von einzelnen Spezies. Denn Bakterien sind keine schwachen Einzeller, sie schließen sich zu komplexen Verbänden zusammen, so genannten Biofilmen. Werden die Mikroben nicht täglich entfernt, bilden sich aus der abgegebenen Matrix aus polymeren Kohlenhydraten und Proteinen dreidimensionale Strukturen mit Poren, Kavernen und Kanälchen zur Versorgung der weiter innen liegenden Organismen. Der zähe Belag treibt nach und nach einen Keil zwischen Zahn und Zahnfleisch. Verschiedenartige Bakterienarten leben in diesem Biofilm einträchtig zusammen, ihre unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten machen solche Lebensgemeinschaften für alle profitabel. Die Matrix bietet ihren Bewohnern auch einen gewissen Schutz vor widrigen Umwelteinflüssen, etwa vor Attacken des Immunsystems oder der Zahnbürste. Auch Antibiotika können gegen diese Biofilme weniger ausrichten als gegen frei lebende Bakterien.

Wissenschaftler haben bestimmte Leitkeime der Parodontitis ausgemacht. Einer von ihnen ist Porphyromonas gingivalis, der bei 63 Prozent aller Patienten zu finden ist. Er besitzt von allen parodontalen Krankheitserregern das breiteste Spektrum an gewebeabbauenden Enzymen. In ungeheurer Geschwindigkeit bauen die Proteasen Kollagen, Immunglobuline oder Proteine des Komplementsystems ab. Das Bindegewebe des Zahnfleischs wird förmlich zerstückelt. Ein weiterer Paradontitis-Keim ist Actinobacillus actinomycetemcomitans, der bei rund 30 Prozent der Betroffen vertreten ist. Er umhüllt sich mit einer Kapsel und ist dadurch weitgehend vor dem Komplementsystem und Phagozytose gefeit. Ansonsten gehören noch Kollagenasen und Fimbrien zu seinem Werkzeug, letzteres ist ein Lipopolysaccharid mit extrem starker knochenresorbierender Aktivität.

Zu selten behandelt

Die neuen Erkenntnisse haben sich anscheinend in vielen Zahnarztpraxen noch nicht herumgesprochen. Denn die Zahl der Parodontitisbehandlungen in Deutschland entspricht bei weitem nicht dem tatsächlichen Bedarf, teilt die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGP) mit. 40 bis 50 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an einer Erkrankung des Zahnhalteapparates. Behandelt wurden 2002 aber nur 717 000 Patienten, das sind knapp 1,5 Prozent der Erkrankten. Therapiebedarf sieht die DGP bei etwa 25 Millionen Erwachsenen, hieß es auf der Jahrestagung der Gesellschaft in Dresden. Damit dürfte die Parodontitis weltweit die häufigste Infektionskrankheit nach Karies sein. Meist wird die Erkrankung erst entdeckt, wenn die Zähne bereits wackeln.

 

Gefahren der Parodontitis Vermutlich hat Parodontitis nicht nur in der Mundhöhle, sondern auch im restlichen Körper schädliche Auswirkungen. Neuen Erkenntnissen zufolge erhöht die Erkrankung das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen um das zweifache. Andere Leiden wie Lungen- oder Magenschleimhautentzündungen könnten gefördert werden. Die Blutzuckereinstellung bei Diabetes wird, wie bei anderen chronischen Infektionen, erschwert. Parodontitis könnte außerdem zu Frühgeburten und niedrigem Geburtsgewicht führen. Statistisch gesehen steigt das Risiko einer Frühgeburt bei Schwangeren mit der Infektion um das Siebenfache.

Personen mit profunder Parodontitis haben eine Wundfläche im Mund, die mit etwa 1011 Mikroorganismen besiedelt ist, also mehr als es Menschen auf der Erde gibt, informiert das Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Köln. Immer wenn das entzündete Zahnfleisch belastet wird, etwa beim Essen oder Zähneputzen, gelangen Mikroben durch kleine Wunden in den Blutstrom und werden somit in jeden Winkel des Körpers gespült. Das ist der Grund, warum die Parodontitis-Keime nicht nur im Mund Schäden anrichten.

 

Allerdings entfalten die Bakterien nicht in jedem Mund ihre zersetzende Kraft. Manche Menschen scheinen immun zu sein. Etwa 40 bis 80 Prozent der Anfälligkeit für Parodontitis sind vermutlich genetisch bedingt, haben Zwillingsstudien ergeben. Rauchen hat verheerende Folgen. Der Qualm, der ständig durch die Mundhöhle streicht, mindert Durchblutung und Abwehrkraft des Zahnfleisches. Dadurch steigt das Parodontitis-Risiko um das Siebenfache.

Sind die Zahnstrukturen erst einmal zerfressen, müssen sie so gut es geht saniert werden. Der Zahnarzt schabt mit speziellem Besteck die Bakterien vom Zahn, säubert die Zahnfleischtaschen und versucht mit hoch dosierten Fluorid-Präparaten, die Strukturen wieder aufzubauen. Fäden oder Mini-Implantate, die Antibiotika enthalten, sollen die Bakterien abtöten. Alle Sanierungsmaßnahmen sind jedoch nur bedingt erfolgreich: Nach ein paar Monaten erlangen die Mikroben wieder die Oberhand. Keime wie Actinobacillus actinomycetemcomitans sind sehr widerstandsfähig, sie überleben am Zungenrücken, in der Wangenschleimhaut oder an den Mandeln. Deshalb müssen die Bakterien-Reservoire ein- bis zweimal im Jahr gereinigt werden.

Die korrekte Zahnpflege

Auf Zähnen, der mehrmals täglich geputzt werden, finden sich nur 1000 bis 100.000 Bakterien auf einem Zahn. Bei Putzmuffeln können dies bis zu einer Milliarde werden. Das Wichtigste bei der Zahngesundheit ist, die Zahl der Keime im Mund möglichst gering zu halten. Doch scheint sich dieses einfache Rezept nicht überall herumgesprochen zu haben. Denn tatsächlich putzen nur zwei Drittel aller Deutschen zweimal täglich ihre Zähne, 14 Prozent verwenden Zahnseide, Zahnzwischenraumbürsten nur 2 Prozent. Laut einer Studie des Nürnberger Meinungsforschungsinstituts GFK putzen sich 69.000 Deutsche nie die Zähne und 2,5 Millionen nur alle zwei bis drei Tage.

Die Anforderungen an eine gute Zahnbürste sind simpel, doch erfüllen viele handelsüblichen Produkte diese nicht. Die Industrie ist erfinderisch, und so hindert handelsüblicher Schnickschnack mitunter das korrekte Putzen eher als dass er es fördert. Geeignet sind Bürsten mit mittelharten, abgerundeten Kunststoffborsten, damit das Zahnfleisch nicht verletzt wird. Auf Naturborsten sollte verzichtet werden. Sie bieten Bakterien einen idealen Nährboden, weil sie schwer trocknen und innen hohl sind. Elektrische Zahnbürsten mit rotierenden oder oszillierenden Bürsten sind für Kinder, Kranke oder Ältere vermutlich leichter zu handhaben als herkömmliche Bürsten. Die Zahnbürste sollte alle zwei bis drei Monate gewechselt werden, da sie schon nach dreimonatigem Gebrauch 30 Prozent ihrer Putzkraft eingebüßt hat.

Bei der Zahnpasta ist ein ausreichender Fluoridgehalt das Wichtigste. Er sollte für Erwachsene 0,1 bis 0,15 Prozent und für Kinder unter sechs Jahren 0,05 Prozent betragen. Fluoride fördern die Remineralisierung des Zahnschmelzes und wirken somit als Schutzschild. Zusätzlich inhibieren sie den Stoffwechsel der Bakterien. Klinisch gut erprobt ist die Kombination von Aminfluorid und Zinnfluorid (zum Beispiel Meridol®).

Auch andere Wirkstoffe gegen spezielle Zahnprobleme sind im Handel. Gegen Zahnfleischentzündung kommen Pasten mit Vitamin A (zum Beispiel aronal forte®), basischen Alkalisalzen (zum Beispiel Ajona®) oder Kräuterextrakten (zum Beispiel Parodontax®) auf die Bürste. Bei schmerzhaften, freiliegenden Zahnhälsen soll die Kombination aus Aminfluorid und einem speziellen Polymer (zum Beispiel elmex sensitive®) die Reizweiterleitung erschweren. Und Pyrophosphate, häufig in Kombination mit Copolymeren (zum Beispiel Blendax® Antibelag), sollen die Neubildung von Zahnstein erschweren. Derzeit besonders häufig nachgefragt sind Pasten mit aufhellendem Effekt (zum Beispiel Theramed® Perfect Express Weiß).

Fluoride vom ersten Milchzahn an: Die Menge des zugeführten Fluorids in den ersten Lebensjahren bestimmt die Widerstandsfähigkeit des Zahnschmelzes gegenüber den Säureattacken der Mikroorganismen. Die Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) schreibt in einer aktuellen Stellungnahme, dass der lokale Einsatz von Fluoriden der systemischen Applikation vorzuziehen ist. Fluoride wirkten in erster Linie durch direkten Kontakt mit der Zahnhartsubstanz hemmend gegen Karies. Vor dem sechsten Lebensmonat benötigen Säuglinge noch keine Fluoride. Trotzdem raten hier zu Lande die meisten Kinderärzte frisch gebackenen Müttern bei der dritten Vorsorgeuntersuchung des Säuglings (U3) in der vierten Lebenswoche zur Fluorsubstitution mittels Tabletten. Die DGZMK empfiehlt dagegen, ab dem Durchbruch des ersten Milchzahns mit Kinderzahnpasten mit maximal 0,05 Prozent Fluorid (zum Beispiel nenedent®) zu putzen. Kinder ab sechs Jahren können Erwachsenen-Zahncremes benutzen. Die DGZMK empfiehlt nur Fluorid-Supplemente in Form von Tabletten, wenn keine fluoridhaltige Zahnpasta und kein fluoridhaltiges Speisesalz verwendet werden. Auch höher dosierte Fluoridlacke, -lösungen oder -gele (zum Beispiel elmex® fluid) sollten im Kindesalter nur zum Einsatz kommen, wenn es der Zahnarzt ausdrücklich empfohlen hat.

 

Tag der Zahngesundheit Am 25. September findet zum 13. Mal der „Tag der Zahngesundheit“ statt. Ziel der diesjährigen Initiative unter dem Motto „Gesund beginnt im Mund“ ist es, darüber aufzuklären, wie sich Zahn- und Munderkrankungen vermeiden lassen. Neben Zahnärzten und Dentallabors können auch Apotheker über die richtige Mundhygiene und Zahnpflege informieren.

 

Zu einer optimalen Mundhygiene gehören neben Zahnbürste und Creme auch Zahnseide oder Interdentalbürstchen, weil sie die für die Bürste nicht zu erreichenden Zahnzwischenräume reinigen. Diese machen immerhin 30 Prozent der Zahnoberfläche aus. Auch Mundspüllösungen sind eine gute Wahl, weil sie Zahnflächen erreichen, die der Bürste entgehen. Sie sind jedoch nur als Ergänzung zum Zähneputzen gedacht. Die Auswahl ist groß: Sie reicht von Lösungen mit schmelzhärtendem Amin- und Zinnfluorid (zum Beispiel Meridol®) über Präparate mit pflanzlichen Wirkstoffen wie Myrrhe oder Kamille (Pyralvex®, Kamillosan®) bis hin zu desinfizierenden Lösungen mit Chlorhexidin (zum Beispiel Corsodyl®) oder Hexetidin (zum Beispiel Hexoral®). Letztere wirken gut gegen die Neubildung von Zahnbelag und Zahnfleischentzündungen. Top

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