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MRSA mit neuer Pathogenität in Deutschland

20.09.2004
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MRSA mit neuer Pathogenität in Deutschland

von Brigitte M. Gensthaler, Nürnberg

Ein neuartiger Vertreter von Staphylococcus aureus aus den USA tritt inzwischen auch in Deutschland auf. Diese Variante des bislang als Krankenhauskeim eingestuften MRSA (Methicillin-resistenter Staphyloccocus aureus) kommt in- und außerhalb medizinischer Einrichtungen vor und ist besonders pathogen.

Infektionen werden in Deutschland in der Regel nicht unter-, sondern übertherapiert. Etwa ein Drittel aller Antibiotika-Therapien ist fehlerhaft, weil entweder gar keine bakterielle Infektion vorliegt oder die Medikamente falsch dosiert oder appliziert werden, hieß es bei einem Pressegespräch zur World Conference on Dosing of Antiinfectives.

Weltweit nehmen Resistenzen gegen Antibiotika zu. „Diese Entwicklung kann nur durch einen rationalen, kalkulierten Einsatz der Arzneistoffe gebremst werden“, sagte Kongressorganisator Professor Dr. Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg.

Der internationale Kongress, zu dem 1100 Wissenschaftler aus 83 Ländern sowie mehr als 600 Ärzte und Apotheker nach Nürnberg kamen, erinnert an den vor 150 Jahren geborenen Forscher Paul Ehrlich, der mit Salvarsan das erste Chemotherapeutikum entwickelte (siehe Titelbeitrag in PZ 11/04). Heute forschen weltweit nur noch wenige Pharmaunternehmen an Antibiotika. Angesichts der immensen Kosten für die Entwicklung eines Medikaments konzentrieren sie sich lieber auf chronische Krankheiten, die eine Dauertherapie erfordern.

Neben einer Multiresistenz können Bakterien auch neue Pathogenitätsfaktoren erwerben, erklärte Privatdozent Dr. Hans-Jörg Linde, Oberarzt Diagnostik am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Regensburg. Ein aktuelles Beispiel ist der ambulant erworbene (community acquired) Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, kurz cMRSA. Neben seiner Antibiotikaresistenz besitzt der Erreger ein Toxin namens Panton-Valentine-Leukozidin (PVL), das multiple Abszesse sowie – selten – nekrotisierende Pneumonie auslösen kann.

Ärzte in den USA wurden auf den Keim aufmerksam, weil Personen ohne Immunsuppression, auch Kinder und junge Erwachsene, die keinen Kontakt zu Krankenhäusern hatten, schwer erkrankten. Nach sporadischen Befunden bei Patienten in Deutschland wurde der Erreger bei Pilotstudien in der Region Straubing und Regensburg auch in Altenheimen entdeckt. Dazu kamen weitere Infektionen nach Auslandsaufenthalten sowie bei Patienten ohne Kontakt zu medizinischen Einrichtungen. Damit unterscheidet sich cMRSA von klassischen MRSA-Keimen, die bislang hauptsächlich in medizinischen Einrichtungen gefunden werden. Seit Anfang 2004 ist der Keim in Ostbayern bei insgesamt 114 Personen entdeckt worden, wobei bei etwa der Hälfte eine Infektion vorlag, berichtete der Arzt.

Eine Kolonisation ist ein Risikofaktor für eine Infektion, falls eine Eintrittspforte für den Keim entsteht. Auf Grund der bisherigen Daten ist eine hohe Dunkelziffer wahrscheinlich. Professor Dr. W. Witte vom Nationalen Referenzzentrum für Staphylokokken berichtete Anfang des Jahres in einer Publikation über das sporadische Vorkommen von cMRSA (weniger als 30 Fälle) in Deutschland.

Der 1998 erstmals in der Literatur beschriebene cMRSA siedelt sich auf Schleimhäuten und der Haut an und wurde beispielsweise aus Nasensekret isoliert, erklärte Linde im Gespräch mit der PZ. Die infektiöse Dosis ist deutlich niedriger als bei anderen Bakterien. Selbst nach kleinen Verletzungen wie Mückenstichen könnten multiple Abszesse entstehen. Nach dem Keim sollte gesucht werden, wenn – auch familiär gehäuft – multiple rezidivierende Abszesse auftauchen, riet Linde.

In einem Pilotversuch konnte man Keimträger mit Kolonisation der Nase mit einer Mupirocin-Lokaltherapie sanieren. Die Effektivität einer systemischen Therapie mit Cotrimoxazol und Rifampicin ist nach Lindes Angaben umstritten. Top

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