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Millionen Tote im Straßenverkehr

05.04.2004
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Weltgesundheitstag 2004

Millionen Tote im Straßenverkehr

von Christina Hohmann, Eschborn

Verkehrsunfälle sind ein Problem mit bisher unterschätztem weltweiten Ausmaß: Sie kosten jedes Jahr mehr als einer Million Menschen das Leben – Tendenz steigend. Bis zum Jahr 2020 könnten Unfälle die dritthäufigste Todesursache werden, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), weshalb sie den diesjährigen Weltgesundheitstag, den 7. April, dem Thema Verkehrssicherheit widmete.

Sicherheitsgurt, Kindersitz, Vorder- und Seitenairbag sowie Geschwindigkeitsbegrenzungen und sogar Helme für Fahrradfahrer: In den Industrienationen ist der Straßenverkehr in den vergangenen Jahren deutlich sicherer geworden. So halbierte sich zum Beispiel in Deutschland die Zahl der Verkehrstoten in den letzten 20 Jahren. Während 1980 mehr als 15.000 Menschen auf deutschen Straßen starben, waren dies im Jahr 2003 nur noch 6600.

Doch weltweit sieht die Situation ganz anders aus: Jedes Jahr werden nach Angaben der WHO rund 50 Millionen Menschen in Unfällen verletzt, etwa 1,2 Millionen kommen im Straßenverkehr um. Überproportional stark sind dabei Entwicklungsländer betroffen. Auf sie entfallen etwa 90 Prozent aller Verkehrstoten, obwohl die Zahl der Fahrzeuge pro Kopf hier deutlich geringer als in Industriestaaten ist. Mehr als ein Drittel der tödlichen Verkehrsunfälle im Jahr 2002 ereigneten sich in Südostasien. Auch Afrika ist stark betroffen. In einigen afrikanischen Staaten treten etwa 100 Verkehrstote pro 10.000 Fahrzeuge auf – im Vergleich dazu sind dies in Schweden nur etwa 1,3 Tote.

Ironischerweise sterben in Entwicklungsländer vor allem Menschen, die zu arm sind, sich selbst ein Auto leisten zu können, nämlich Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer und Benutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln. Besonders Fußgänger sind gefährdet. In einigen Städten Afrikas machen sie zwischen 70 und 90 Prozent der Verkehrstoten aus, ergab eine Studie der Economic Commission for Africa (ECA). In Industrienationen dagegen kommen hauptsächlich Autofahrer und deren Mitreisende in Verkehrsunfällen um.

Vor allem junge Menschen sterben

Die meisten Verkehrsopfer sterben jung – etwa die Hälfte von ihnen ist zwischen 15 und 44 Jahren alt. In Deutschland ist besonders die Gruppe der Fahranfänger im Alter von 18 bis 24 Jahren gefährdet. Jeder vierte Verkehrstote gehört dieser Altersgruppe an, obwohl sie nur 8 Prozent der Bevölkerung ausmacht, informiert die Bundesvereinigung für Gesundheit.

Da vor allem junge Menschen betroffen sind, bringen Verkehrsunfälle neben dem menschlichen Leid auch erhebliche ökonomische Konsequenzen mit sich. Häufig verlieren Familien ihren Ernährer oder geraten durch Kosten für die Pflege und Rehabilitation von Verletzten in die Armut. Weltweit belaufen sich die durch Verkehrsunfälle verursachten Kosten auf etwa 518 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Etwa 100 Milliarden davon entfallen auf einkommensschwache Länder – das ist doppelt so viel, wie sie jährlich an Entwicklungshilfe erhalten.

In einigen Entwicklungs- und Schwellenländern steigt die Zahl der Fahrzeuge, vor allem Motorroller und Motorräder, so rasch an, dass die Länder dem wachsenden Problem der Verkehrssicherheit kaum nachkommen können. Somit werden auch die Verkehrsunfälle weiter zunehmen. „Wenn sich nichts ändert, wird die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 um 60 Prozent zunehmen“, sagte WHO-Generaldirektor Jong Wook Lee auf einer Pressekonferenz in Genf. Dann wären Verkehrsunfälle in Entwicklungsländern die zweithäufigste und weltweit die dritthäufigste Todesursache – noch vor Aids, Tuberkulose oder Malaria.

Bisher sei der Verkehrssicherheit zu wenig Aufmerksamkeit zugekommen, räumt die WHO in ihrem Report „Global road safety crisis“ ein. Zum einen, weil das Ausmaß des Problems nicht bekannt war, und zum anderen wegen einer fatalistischen Haltung gegenüber Verkehrsunfällen. Doch diese lassen sich mit verschiedenen Maßnahmen vermeiden. Die wohl wichtigste Rolle spielt das Rasen – überhöhte Geschwindigkeit ist für fast ein Drittel aller Unfälle verantwortlich. Auch Alkoholkonsum ist ein entscheidender Faktor. Alkoholisierte Autofahrer, aber auch Fußgänger sind deutlich häufiger in tödliche Unfälle verwickelt als vollständig Nüchterne.

Ein weitere Aspekt ist die persönliche Sicherheit: Kaum eine Maßnahme hat so viele Leben gerettet wie die Einführung der Anschnallgurte. Sie reduzieren aktuellen Studien zufolge das Risiko für eine tödliche Verletzung bei Verkehrsunfällen um etwa 60 Prozent. Und auch Sturzhelme sind lebenswichtig. Doch gerade in einkommensschwachen Ländern, die eine besonders hohe Zahl an Motorrollern haben, gelten sie als unbequem, zu warm und zu teuer.

Um die Unfallquote zu senken, wird sich die WHO hauptsächlich dieser Aspekte annehmen und effektive Interventionsstrategien erarbeiten und umsetzen. Am Weltgesundheitstag wird die Organisation zusammen mit ihren Partnern eine für ein Jahr angelegte weltweite Verkehrssicherheitskampagne vorstellen. „Großes menschliches Potenzial wird täglich durch Unfälle im Straßenverkehr zerstört“, sagte Frankreichs Präsident Jacques Chirac anlässlich des Weltgesundheitstages. „Zusammen müssen wird den Kampf um dieses Leben gewinnen.“ Top

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