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Impfkampagne in Indien stößt auf Misstrauen

17.02.2003
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Polio

Impfkampagne in Indien stößt auf Misstrauen

dpa  Mit der weltweit größten Impfkampagne gegen Kinderlähmung hofft Indien, die Polio-Epidemie im Norden des Landes zu stoppen. Während der Aktion sollten mehr als 165 Millionen Kinder geimpft werden. Bei der Bevölkerung trifft die Kampagne jedoch auf Misstrauen.

Indien registrierte 2002 nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 1556 Erkrankungen 85 Prozent aller Polio-Neuinfektionen weltweit. Problematisch ist demnach vor allem die Situation im Norden des Landes. An der Kampagne sind die indische Regierung, die WHO und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF beteiligt. Die Helfer, die 165 Millionen Kinder unter fünf Jahren erreichen sollten, stoßen jedoch häufig auf Misstrauen.

Vor allem unter Moslems verbreitete sich das Gerücht, der Impfstoff mache die Kinder unfruchtbar. Viele Moslems befürchteten, die Regierung wolle die moslemische Minderheit klein halten und verteile deshalb den Impfstoff. Ein anderes Gerücht ist, dass Kinderlähmung heilbar sei. Wenn ein Kind erkranke, dann werde es Medizin bekommen, sagen Eltern. Ashfaq Ahmad, ein Vater von sechs Kindern, sieht auch wirtschaftliche Gründe: „Wenn ich meine Zeit verschwende, um die Kinder zur Impfstation zu bringen, verliere ich einen Tag Lohn. Soll ich meine Kinder ernähren oder ihnen Medikamente verabreichen?“, fragt er.

Das Misstrauen rührt auch daher, dass die Eltern sich ihre eigenen Gedanken darüber machen, warum sich internationale Organisationen und die Regierung mit so viel Geld und Arbeit gegen Kinderlähmung engagieren, während sie die Armen ansonsten mit ihren Problemen wie Analphabetentum und mangelnder Gesundheitsfürsorge allein lassen.

Viele tausend Kinder sterben in Indien jährlich an Cholera und anderen Durchfallerkrankungen. Ähnliche Kampagnen zur Bekämpfung der Erreger und zur Versorgung mit sauberem Wasser gibt es aber nicht. Der Westen setze sich nur deshalb so ein, weil er selbst durch Polio bedroht sei, meinen manche Eltern deshalb.

Um die Skeptiker zu überzeugen, setzen das indische Polio-Überwachungsprojekt, die WHO und UNICEF Helfer vor Ort ein, die den Leuten in Einzelgesprächen oder mit Straßentheater erklären, was es mit dem Polio-Virus auf sich hat. Flugblätter würden wenig bewirken, da viele Menschen nicht lesen und schreiben können.

Auch moslemische Kleriker werden in die Aufklärungskampagne einbezogen. „Kinder sind ein Geschenk Gottes, und es ist die Pflicht der Eltern, dafür zu sorgen, dass sie nicht krank werden“, predigt Kalbe Jawwad in seiner Moschee in der Stadt Lucknow. Rukshana, von deren acht Kindern zwei an Kinderlähmung erkrankt sind, will ihre Kinder nicht impfen lassen. Sie glaubt ebenfalls an Gott. Wenn eines ihrer Kinder erkranke, sei das eben sein Wille. „Was er entscheidet, werden wir akzeptieren“, sagt sie. Top

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