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Mikronährstoffversorgung von Senioren

27.09.2004  00:00 Uhr
Mineralstoffe und Spurenelemente

Mikronährstoffversorgung von Senioren

von Margarete Rükgauer, Stuttgart

Im vergangenen Jahrhundert hat sich in den Industrieländern die Lebenserwartung fast verdoppelt. Die gewonnene Lebenszeit ist jedoch häufig durch altersspezifische Krankheiten wie Krebs, Osteoporose, degenerative oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinträchtigt. Viele der Leiden werden mit einem Mangel an Mikronährstoffen in Verbindung gebracht.

Die Mechanismen, die das biologische Altern steuern, sind bisher nicht vollständig aufgeklärt. Die verschiedenen Alternstheorien liefern unterschiedliche Ansätze für die Gesundheitsvorsorge. Nach der "Radikaltheorie" sind aggressive Sauerstoffverbindungen, so genannte Sauerstoffradikale, maßgeblich an der zunehmenden Schädigung von zellulären Strukturen und DNA sowie an der abnormalen Synthese von Proteinen und Repairenzymen, die für das Altern typisch sind, beteiligt. Zum Schutz gegen eine Schädigung durch Sauerstoffradikale benötigt der Körper Antioxidantien, also bestimmte Spurenelemente, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe. Eine Gesundheitsförderung muss daher bestrebt sein, das Gleichgewicht zwischen Sauerstoffradikalen und Antioxidantien zu erhalten. Der "oxidative Stress", der durch einen Überschuss an oxidationsfördernden Prozessen gegenüber oxidationshemmenden (antioxidativen) Prozessen entsteht, ist möglichst zu vermeiden.

Gesundes Altwerden ist eine lebenslange Aufgabe. Schon ab der Kindheit und Jugend sollte auf eine gesunde Lebensführung, ohne Tabak- und mit mäßigem Alkoholkonsum sowie regelmäßiger körperlicher Aktivität, und eine ausgewogene Ernährung mit möglichst viel frischem Obst und Gemüse geachtet werden. Doch auch im Alter sind Ernährungsmaßnahmen notwendig, um frühzeitige und behandlungsbedürftige Alterserkrankungen zu reduzieren. In nationalen und internationalen Empfehlungen wird der Bedarf älterer, gesunder und selbstständig lebende Menschen für Spurenelemente und Vitamine mit derjenigen von jungen Menschen weitgehend gleichgestellt. Unberücksichtigt bleibt hierbei die andersartige körperliche und soziale Situation von Senioren, die häufig die Bedarfsdeckung im Alter erschwert.

Prinzipiell kann es zu einer Mangelversorgung kommen, wenn die Zufuhr an Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen sowie deren Resorption im Darm vermindert oder der Bedarf und der Verlust von Mikronährstoffen über die Niere durch Degeneration des Organs im Alter erhöht ist. Aber auch bei verschiedenen Erkrankungen kann eine Mangelversorgung auftreten.

Bei älteren Menschen sind Zufuhr und Aufnahme von Nahrung häufig eingeschränkt durch einen verminderten Appetit, oder einen verminderten Geschmacks- und Geruchssinn (Tabelle). Kaubeschwerden, Schluckstörungen, Mundtrockenheit durch verminderte Speichelsekretion, Sehstörungen und Bewegungseinschränkungen der Hände wirken sich ebenfalls auf die Nahrungszufuhr beziehungsweise deren Zubereitung aus. Durch eine relative Immobilität, aber auch durch die „neue Armut“, werden Einkäufe erschwert. Der Mikronährstoffgehalt von Obst und Gemüse, der bei einigen Vitaminen und Spurenelementen durch intensive Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten bereits abgenommen hat, verringert sich durch lange, unsachgemäße Lagerung sowie durch Weichkochen und Aufwärmen der Mahlzeiten noch weiter.

 

Tabelle: Ursachen eines Mineralstoff- und Spurenelementmangels bei Senioren

Ursacheausgelöst durch verminderte Zufuhr verminderten Appetit
verminderten Geschmackssinn
Kaubeschwerden, Schluckstörungen
erschwerte Einkäufe, zum Beispiel durch verminderte Mobilität
einseitige Diät
Weichkochen, Aufwärmen der Mahlzeit erhöhter Bedarf eventuell altersbedingt höheren Vitaminbedarf
verminderten Grundumsatz/Energiebedarf (dadurch erschwerte Bedarfsdeckung an Mikronährstoffen) verminderte Resorptionsfähigkeit Atrophie von Belegzellen
Verdauungsstörungen durch Medikamente
Interaktionen von Mikronährstoffen mit Medikamenten
entzündliche Darmerkrankungen Verlust über Niere beeinträchtigte Fähigkeit zur Urinkonzentration
Diuretikatherapie
schlecht eingestellten Diabetes mellitus
Dialysebehandlung soziale Situation erschwerte Einkäufe durch „neue Armut“
Appetitmangel zum Beispiel durch Einsamkeit, psychische Belastungen, Klinikatmosphäre, ungewohnte Zubereitung

 

Darüber hinaus ist mit zunehmendem Alter häufig der Grundumsatz und infolgedessen der Energiebedarf vermindert, weshalb ältere Menschen weniger essen. Eine bedarfsgerechte Zufuhr an Mikronährstoffen ist damit zusätzlich erschwert, zumal es sogar Anhaltspunkte für einen altersbedingt höheren Bedarf an wasserlöslichen Vitaminen (zum Beispiel Folsäure, Vitamin C, B6 und B12) gibt. Altersunabhängig ist der Bedarf an Mineralien und Spurenelementen bei zahlreichen Krankheiten gesteigert, zum Beispiel bei schweren Akuterkrankungen, Infektionskrankheiten oder Verbrennungen.

Verringerte Resorption

Mit der sinkenden Leistungsfähigkeit der Organe nimmt auch die Resorptionsfähigkeit des Magen-Darm-Trakts ab. So vermindert die Atrophie der Belegzellen, bestimmter Drüsenzellen in der Magenschleimhaut, die Magensäureproduktion und damit die peptische Verdauung. Dadurch sinkt die Bioverfügbarkeit verschiedener Nährstoffe wie Kalzium, Eisen, Folsäure, Vitamin B6 und B12. Der hohe Medikamentenkonsum älterer Menschen kann die Resorption der Mikronährstoffe durch medikamentöse Interaktionen weiter vermindern. Beispiele sind Entzündungen und Ulcus-Erkrankungen durch nicht steroidale Antirheumatika, Übelkeit und Obstipation durch opiathaltige Analgetika und Antitussiva, sowie Diarrhöe durch Antibiotika. Cholestyramin, Antazida, Biguanide und eine orale Östrogensubstitution beeinträchtigen außerdem die Resorption verschiedener Vitamine. Andere Medikamente verursachen Interaktionen mit Mikronährstoffen im Darmtrakt.

Neben der glomerulären Filtrationsrate sind bei Senioren auch die Fähigkeit zur Urinkonzentration und die adaptive Kapazität, auf Veränderungen der Wasser- und Elektrolytaufnahme zu reagieren, beeinträchtigt. Eine erhöhte Diurese führt zu einem renalen Verlust an wasserlöslichen Mikronährstoffen, etwa bei Diuretika-Therapie oder schlecht eingestelltem Diabetes mellitus. Auch eine Proteinurie oder Dialysebehandlung können Ursachen für einen Verlust von Spurenelementen sein.

Allein und appetitlos

Die Bedarfsdeckung an Mikronährstoffen wird zusätzlich durch die soziale Situation von älteren Menschen erschwert. So nehmen Senioren wegen Einsamkeit und psychischer Belastungen vielfach weniger Nahrung zu sich als junge Menschen. Bei geriatrischen Patienten in medizinischen Einrichtungen oder Altersheimen kommen Klinikatmosphäre, ungewohntes Essensangebot und Essenszeiten, Beschwerden nach der Mahlzeit sowie Multimedikation hinzu. Unspezifische Symptome eines Mikronährstoffmangels wie Müdigkeit, Haarausfall oder eine erhöhte Infektanfälligkeit (Kasten) werden häufig übersehen. Einem durch den verringerten Appetit entstehenden Mangel an Vitaminen und Spurenelementen sollte durch eine bedarfsgerechte Gabe an ausgewogenen Supplementen entgegengewirkt werden.

 

Allgemeine Symptomatik eines Mikronährstoffmangels
  • Müdigkeit
  • Hautveränderungen
  • Geschmacks-, Geruchsstörungen
  • Appetitlosigkeit
  • Gewichtsverlust
  • Wundheilungsstörungen
  • Infektanfälligkeit
  • Haarausfall
  • Durchfall
  • Depressionen

 

Eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung ist entsprechenden Präparaten immer vorzuziehen, denn sie ist weit mehr als nur die adäquate Versorgung mit Mikronährstoffen. Sie liefert viele, zum Teil noch nicht charakterisierte, essenzielle Nährstoffe, Ballaststoffe und Begleitstoffe, wie Geschmacks-, Geruchs- und Farbstoffe, die nicht zuletzt zum Genuss einer Mahlzeit beitragen. Diese Vielfalt und das natürliche Verhältnis der Inhaltsstoffe zueinander kann künstlich nicht hergestellt werden. Um die Aufnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen bei einer chronisch eingeschränkten Ernährung, bei eingeschränkter Resorption oder bei renalem Verlust zu ergänzen, empfehlen sich ausgewogene Kombinationspräparate. Diese können als Tabletten, Dragees oder – wie im Alter häufig bevorzugt – in flüssiger Form, zum Beispiel als Saft, Tropfen oder Brausetabletten eingenommen werden. Da über den Bedarf von Senioren noch wenig gesicherte Daten vorliegen, sind die DACH-Empfehlungen also die Referenzwerte der deutschen (D), österreichischen (A) und schweizerischen (CH) Ernährungsfachorganisationen, nur als Minimalzufuhr zu sehen. Eine Überversorgung an Mikronährstoffen ist bei sachgemäßer Dosierung unwahrscheinlich, da die Regulationsmechanismen des Körpers eine Überschreitung des Bedarfs ausgleichen.

 

Wo besteht ein Mangel?PZ  Der Energiebedarf von Senioren nimmt im Vergleich zu Menschen mittleren Alters ab, wogegen der Bedarf an Mikronährstoffen gleich bleibt. Dennoch ist die Versorgung für die meisten Vitamine und Spurenelemente befriedigend, zu Engpässen bei älteren, gesunden Menschen kommt es nur bei Calcium, Vitamin D und Folsäure.

Dies ergab der Ernährungsbericht 2000, den die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) alle vier Jahre erstellt. Die für diese Erhebung untersuchten Seniorinnen und Senioren waren mindesten 65 Jahre alt, gesund und lebten selbstständig in Privathaushalten.

Eine unzureichende Folsäureaufnahme kann das Risiko für Ateriosklerose erhöhen. Zudem gibt es Hinweise, dass eine Unterversorgung zu Gedächtnisstörungen führen kann. Die empfohlene tägliche Folsäurezufuhr liegt laut DGE-Angaben bei 400 µg. Das Vitamin ist vor allem in grünem Blattgemüse, verschiedenen Kohlarten, Spargel, Tomaten, Erbsen, Bohnen, Getreide und Nüssen enthalten.

Calcium und Vitamin D sind für die Knochengesundheit von entscheidender Bedeutung. Eine Unterversorgung mit den beiden Nährstoffen kann das Osteoporoserisiko deutlich erhöhen. Vitamin D wird nicht mit der Nahrung aufgenommen, sondern unter UV-Einstrahlung in der Haut vom Körper selbst gebildet. Die Fähigkeit der Vitamin-D-Produktion nimmt im Alter allerdings ab. Außerdem ist es vielen Senioren wegen ihrer Immobilität kaum möglich, sich im Freien der nötigen UV-Strahlung auszusetzen. Mit der Nahrung allein ist die empfohlene Vitamin-D-Zufuhr von 10 µg pro Tag kaum zu erreichen. Die besten Quellen sind Lebertran, fetter Fisch, Eier, Leber und Milchprodukte.

Auch für Calcium wird die empfohlene Aufnahmemenge von 1000 mg pro Tag von vielen Senioren nicht erreicht. Daher sollten Milch und Milchprodukte sowie calciumreiches Mineralwasser oder mit dem Mineralstoff angereicherte Fruchtsäfte verstärkt verzehrt werden.

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