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Neue Impfempfehlungen

15.07.2002  00:00 Uhr

STIKO

Neue Impfempfehlungen

von Ulrike Wagner, Eschborn

Die ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) hat ihre Impfempfehlungen neu gefasst und im Epidemiologischen Bulletin 28/2002 veröffentlicht. Der Impfkalender enthält nun auch generelle Impfempfehlungen für Erwachsene. Zudem empfiehlt die STIKO die Postexpositionsprophylaxe jetzt für mehr Erkrankungen als bisher.

Der Impfkalender umfasst für Säuglinge Impfungen gegen Diphtherie (D/d), Pertussis (aP), Tetanus (T), Haemophilus influenzae Typ B (Hib), Hepatitis B (HB), Poliomyelitis (IPV) sowie für Kinder zwischen elf und vierzehn Monaten die Immunisierung gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR). Unter Beachtung der Mindestabstände sollten die Grundimmunisierungen spätestens bis zum Alter von 14 Monaten vollendet sein, empfiehlt die STIKO.

Kinder im Vorschulalter sollten eine Auffrischimpfung (A) gegen Diphtherie und Tetanus erhalten. Für Jugendliche werden Auffrischimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Polio und Pertussis empfohlen. Bei unvollständigem Impfschutz sollten die Impfungen vervollständigt werden. Laut STIKO ist für Jugendliche eine vollständige Immunisierung gegen Hepatitis B sowie gegen Masern, Mumps und Röteln unverzichtbar. Für Erwachsene empfiehlt das RKI ebenfalls regelmäßige Auffrischimpfungen gegen Diphterie und Tetanus und für die über Sechzigjährigen generell die Pneumokokkenimpfung (alle fünf Jahre) und die Influenzaimpfung (jährlich).

Allgemein gilt, dass es keine unzulässig großen Abstände zwischen Impfungen gibt. Jede Impfung zählt. Auch eine für viele Jahre unterbrochene Grundimmunisierung muss nicht neu begonnen werden, so die STIKO.

Standardimpfungen

Pneumokokken- und Influenzaimpfung gelten als Standardimpfungen (S). In diese Kategorie teilt die STIKO Impfungen ein, die für den Gesundheitsschutz des Einzelnen und der Allgemeinheit von hohem Wert sind und deshalb allen Alters- und Bevölkerungsgruppen empfohlen werden.

Indikationsimpfungen betreffen Risikogruppen mit individuell erhöhtem Expositions-, Erkrankungs- oder Komplikationsrisiko. So sollten zum Beispiel Zwölf- bis Fünfzehnjährige, die nicht gegen Windpocken geimpft sind und die Erkrankung auch noch nicht durchgemacht haben, nach Meinung der STIKO unbedingt geschützt werden.

Die STIKO gibt jedoch nicht nur Empfehlungen zu Schutzimpfungen, sondern auch zu Maßnahmen der spezifischen Vorbeugung übertragbarer Krankheiten. Für eine Reihe von Infektionskrankheiten lässt sich bei einer Person, die Erregern ausgesetzt war, die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung verringern - entweder durch eine nachträgliche Impfung (aktive Immunisierung mit Impfstoff oder passiver Schutz durch Immunglobuline) oder durch Antibiotika beziehungsweise Virustatika. Solche Maßnahmen empfiehlt die STIKO jetzt auch nach Exposition mit Haemophilus influenzae Typ B, Meningokokken, Pertussis und Diphtherie.

Bislang hatte sich die STIKO auf die Empfehlung postexpositioneller Maßnahmen bei Tollwut, Windpocken, Masern, Mumps, Röteln sowie Hepatitis A und B beschränkt. Diese bestanden vor allem in aktiven und passiven Immunisierungen. Die aktuellen Empfehlungen enthalten jedoch auch Angaben zur Prophylaxe mit Antibiotika. Genauere Daten finden sich im Epidemiologischen Bulletin 28/2002, das Interessierte entweder beim Robert-Koch-Institut, Nordufer 20, 13353 Berlin, Fax (0 18 88) 7 54 26 01, info@rki.de, bestellen können (unter Einsenden der Adresse und Briefmarken im Wert von 1,53 Euro, ohne Rückumschlag) oder unter www.rki.de/GESUND/IMPFEN/STIKO/STIKO.HTM abrufen.

HB bei Neugeborenen

Um Hepatitis-B-Infektionen bei Neugeborenen zu verhindern, empfiehlt die STIKO bei allen Schwangeren kurz vor der Geburt das Serum auf ein Oberflächenprotein des Hepatitis-B-Virus zu untersuchen. Ist das Ergebnis positiv, dann hat sich die Schwangere mit Hepatitis B infiziert. Die Ärzte sollten dann innerhalb von zwölf Stunden nach der Geburt mit einer HB-Immunisierung bei dem Neugeborenen beginnen. Dabei werden simultan die erste Dosis HB-Impfstoff und HB-Immunglobulin verabreicht. Einen Monat und ein halbes Jahr danach sollten die zweite beziehungsweise die dritte Impfung folgen. Bei Neugeborenen inklusive Frühgeborenen, von deren Müttern nicht bekannt ist, ob sie mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert waren, und bei denen vor beziehungsweise direkt nach der Geburt die serologische Kontrolle nicht möglich ist, wird unabhängig vom Geburtstermin sofort mit der Grundimmunisierung begonnen. Im Gegensatz zur HB-Impfung bei Kindern und Jugendlichen empfiehlt die STIKO bei der HB-Impfung von Neugeborenen eine anschließende Titerkontrolle.

Polioimpfung ist nicht out

Die Impfung gegen Polio (IPV) ist noch immer Bestandteil des Impfkalenders, obwohl die gesamte EU und damit auch Deutschland inzwischen als poliofrei gelten. "Gerade jetzt ist die Polio-Impfung weiterhin unverzichtbar, jeder sollte ausreichend geimpft sein, um die erreichten Erfolge nicht zu gefährden. Es ist nicht auszuschließen, dass Polioviren durch infizierte Reisende aus Übersee nach Deutschland eingeschleppt werden, so dass ein umfassender Impfschutz auch hier unverzichtbar ist", betonte Reinhard Kurth, Präsident des RKI. Nach den neuen STIKO-Empfehlungen gelten Personen mit vier oder mehr dokumentierten Polio-Impfungen als vollständig immunisiert.

Seit Ende vergangenen Jahres steht wieder ein Impfstoff gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis für Kinder zur Verfügung. Encepur® von Chiron Behring ist für Kinder vom ersten bis zum zwölften Lebensjahr zugelassen. Damit stehe erfreulicherweise wieder eine sichere FSME-Prophylaxe für Kinder zur Verfügung, auch wenn kindliche FSME-Erkrankungen im Allgemeinen leichter als beim Erwachsenen verlaufen, informiert das RKI. Einige Monate zuvor hatte die Firma Baxter auf die Zulassung des Impfstoffs Ticovac® verzichtet, weil es besonders bei Kindern häufig zu Fieberreaktionen, teilweise mit raschem Temperaturanstieg bis über 40 Grad Celsius, und gelegentlich zu Fieberkrämpfen gekommen war. Auch der neue Impfstoff ist nicht völlig frei von unerwünschten Wirkungen. Da Fieberreaktionen von mehr als 38 Grad Celsius bei 15 Prozent der ein- bis zweijährigen geimpften Kinder beobachteten wurden - gegenüber 5 Prozent bei drei- bis elfjährigen Kindern, empfiehlt die STIKO vor der Impfung von Kindern unter drei Jahren eine besonders sorgfältige Indikationsstellung. Top

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