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Vernachlässigte Angst

09.07.2001
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GENERALISIERTE ANGSTSTÖRUNG

Vernachlässigte Angst

von Christina Hohmann, Eschborn

Ständige Niedergeschlagenheit, soziale Vereinsamung, dauerhafte Arbeitsunfähigkeit bis hin zum Selbstmord können die Folgen der Generalisierten Angststörung (GAS) sein. Aber meistens bleibt die psychische Erkrankung unerkannt - mit gravierenden Auswirkungen für Patienten und Versorgungssystem. Das ergab die GAD-P-Studie (Generalisierte Angst- und Depressionsstudie in der primärärztlichen Versorgung) der Technischen Universität in Dresden.

Bei zwei von drei Patienten mit Generalisierter Angststörung erkennt der Hausarzt die psychische Erkrankung nicht. Diesen Missstand deckte die von Wyeth Pharma, Münster, unterstützte GAD-P-Studie auf, die am 25. Juni auf einer Pressekonferenz in München vorgestellt wurde. Für die Untersuchung befragten Forscher unter der Leitung von Professor Dr. Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität in Dresden 558 zufällig ausgewählte Hausärzte und über 20.000 Patienten. Alle Personen, die zu einem bestimmten Stichtag die Praxen besuchten, erhielten Fragebögen zu ihrem Befinden sowie zu Art und Häufigkeit ihrer Ängste und Sorgen. Unabhängig davon wurde die Diagnose des behandelnden Arztes erfasst.

Diagnostische Unsicherheit

Die Auswertung ergab, dass am Erhebungstag 5,3 Prozent der Patienten an einer klinisch relevanten Angsterkrankung litten. Allerdings stellte der Hausarzt nur bei jedem dritten Patienten mit Angststörung (34,4 Prozent) die richtige Diagnose. Bei rund 30 Prozent der Betroffenen äußerte der Arzt nicht einmal den Verdacht auf eine psychische Erkrankung. Dagegen meinten die Mediziner, bei einigen Patienten eine GAS zu erkennen, bei denen keine vorlag. Bei insgesamt 29 Prozent der GAS-Diagnosen fanden die Forscher nicht ein einziges Hauptmerkmal der Angststörung. Die Ergebnisse belegen die diagnostische Unsicherheit bei diesem Krankheitsbild.

"Doch selbst eine richtige Diagnose ist keine Garantie für eine gute Therapie", erklärt Wittchen. Wie die Studie zeigte, erhielten nur etwa die Hälfte der GAS-Patienten eine adäquate Behandlung. Venlafaxin (Efexor®), das einzige Präparat, das derzeit für diese Erkrankung zugelassen ist, bekamen nur 9 bis 19 Prozent verschrieben. Mehrere Multizenterstudie haben gezeigt, dass dieser serotonerge/noradrenerge Wiederaufnahme-Hemmer bei GAS-Patienten sehr gut wirkt, wie aus den Presseunterlagen hervorgeht. Circa 18 Prozent der Patienten wurden jedoch mit trizyklischen Antidepressiva und 20 bis 28 Prozent mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern behandelt, deren Wirksamkeit weniger gut dokumentiert ist. Außerdem verschrieben die Ärzte auch pflanzliche Präparate (19 bis 24 Prozent), Beruhigungsmittel (17 bis 23 Prozent) und Neuroleptika (7 bis 9 Prozent). Ein Drittel der Patienten wurde psychotherapeutisch behandelt, wobei allerdings nur ein Bruchteil eine kognitive Verhaltenstherapie erhielt, die sich laut Presseunterlagen als erfolgreich erwiesen hat.

Keine Befindlichkeitsstörung

"Dieses Vorgehen steht im krassen Gegensatz zur Bedeutung der Generalisierten Angststörung für die Betroffenen und unser Gesundheitssystem", erklärt Wittchen. Die GAS sei nämlich keine "chronische Befindlichkeitsstörung", sondern eine ernsthafte Erkrankung. "Das Ausmaß der Beeinträchtigung von Arbeitsproduktivität und Sozialleben, die Häufigkeit der Inanspruchnahme des Gesundheitssystems sowie auch die Selbstmordgefährdung bei GAS und Depressionen sind vergleichbar", betont der Studienleiter. Außerdem nähmen Betroffene überproportional häufig Gesundheitsdienste in Anspruch, was die Störung zu einer der "teuersten" Erkrankungen im Gesundheitssystem mache, heißt es in der Presseerklärung.

Die Generalisierte Angststörung ist mit einer Prävalenz von 5,3 Prozent am Befragungstag genauso häufig wie eine Depression (5,6 Prozent) und "hat auch ebenso schwerwiegende Folgen". In den vergangenen zehn Jahren sei die Aufmerksamkeit der Wissenschaft hauptsächlich auf das Krankheitsbild der Depression gerichtet gewesen, deren Erforschung auch einige Fortschritte gemacht hat. Die GAS habe dagegen im Abseits gestanden. Bis vor wenigen Jahren war sie nicht als eigenständige Diagnose anerkannt. Erst Mitte der neunziger Jahre stellte die DSM-IV-Klassifikation zuverlässige und hinreichende Kriterien für die früher als "Angstneurose" bezeichnete Generalisierte Angststörung auf.

Lösungen finden

Der geringe Bekanntheitsgrad des Krankheitsbildes könnte mit ein Grund sein, warum nur zwei Drittel der GAS-Patienten erkannt wurden, wobei sie mit der Depression zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in der Allgemeinarztpraxis gehört. Bereits die Befragung der Ärzte vor dem Erhebungstag habe die diagnostische Unsicherheit der Mediziner gezeigt, die zwar das Krankheitsbild zu kennen glaubten, aber an ihrer diagnostischen und therapeutischen Kompetenz zweifelten. Als konkrete Schwierigkeiten nannten sie sowohl "große differenzialdiagnostische Einordnungsprobleme" sowie "Schwierigkeiten bei der Auswahl geeigneter Therapieverfahren".

Hier könnten den Ärzten einfache Screeningbögen helfen, die nach Wittchens Ansicht viel zu selten eingesetzt werden. In ihnen sind "Markerfragen" zusammengefasst, mit denen die GAS relativ sicher und ohne großen Zeitaufwand diagnostiziert werden kann. Offenbar ist aber vielen Ärzten die Bedeutung oder Handhabung der Fragebögen nicht geläufig. 

Ein weiterer Grund für die schlechte diagnostische Erkennensrate könnte der Zeitdruck sein, unter dem niedergelassene Ärzte stehen. Deutsche Hausärzte sehen im Durchschnitt 64 Patienten pro Tag, was kaum Spielraum für ein ausführliches Gespräch lässt. Außerdem machen es Patienten dem Mediziner im Allgemeinen nicht leicht, eine vorhandene GAS zu diagnostizieren, da sie körperliche Beschwerden wie Schlaflosigkeit oder Verspannungen in den Vordergrund stellen und ihre "namenlosen" Ängste und Sorgen nicht ansprechen. 

Um die Versorgungslage zu verbessern und mehr Aufmerksamkeit auf das vernachlässigte Krankheitsbild der Generalisierten Angststörung zu lenken, sind daher "öffentliche Aufklärung, Patientenratgeber und ärztliche Weiterbildung" gefragt, wie Wittchen erklärt.

 

Kriterien der Generalisierten Angststörung (nach DSM-IV)

  • Übermäßige andauernde Angst und Sorgen bezüglich mehrerer Lebensumstände, Ereignisse, Tätigkeiten (über mehr als sechs Monate hinweg)
  • Person kann Sorgen nicht kontrollieren
  • Punkt 1 und 2 sind mit mindestens drei der folgenden Symptome verbunden: 
    - Ruhelosigkeit
    - leichte Ermüdbarkeit
    - Konzentrationsschwierigkeiten
    - Reizbarkeit
     -Muskelverspannungen
    - Schlafprobleme jeglicher Art
  • Symptome verursachen klinisches Leiden und Beeinträchtigungen
  • Symptome sind nicht körperlich oder durch Substanzen bedingt und nicht auf das Auftreten anderer psychischer Krankheiten beschränkt

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