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Wege aus dem Organnotstand

05.05.2003  00:00 Uhr
Transplantationsmedizin

Wege aus dem Organnotstand

von Hannelore Gießen, München

„Die Transplantationsmedizin ist so erfolgreich, dass sie an ihre Grenzen stößt“, erklärte Professor Dr. Peter Neuhaus von der Berliner Charité. Wege, dem immer größer werdenden Mangel an Organen zu begegnen, diskutierten Experten beim 120. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie Ende April in München.

Neue Immunsuppressiva, moderne Technik und eine bessere Intensivmedizin machen es möglich: Ein Jahr nach einer Organverpflanzung leben noch 90 Prozent aller Patienten. Immer häufiger stellen Mediziner deshalb die Indikation für eine Transplantation, doch die Organe fehlen. 11.157 Patienten stehen auf der Warteliste, aber nur 1029 Organe wurden im letzten Jahr gespendet. Das Transplantationsgesetz von 1997 hat mehr Gerechtigkeit und Rechtssicherheit geschaffen, aber mehr Spender gibt es deshalb nicht. Im Gegenteil, die Zahl der Organspenden sinkt langsam, und so wurden in den letzten Jahren auch weniger Herzen und Nieren verpflanzt, die von toten Spendern stammen. Nur die Zahl der Lebertransplantationen steigt, aber allein deshalb, weil die Zahl der vorhandenen Organe besser ausgeschöpft wird.

Die Ursache für die nachlassende Spendenbereitschaft sieht der Transplantationsmediziner Neuhaus in der seit Jahren anhaltenden kontroversen gesellschaftlichen Debatte um die Organspende. In anderen Ländern sei das anders. Spanier spenden doppelt so oft ihre Organe wie Deutsche. Wird bei uns an Angehörige die Bitte gerichtet, einer Organentnahme bei einem Verstorbenen zuzustimmen, lehnen 35 Prozent ab.

Lebendspende

Deshalb werden immer häufiger Organe verpflanzt, die Verwandte oder Freunde gespendet haben. Möglich ist eine Lebendspende bei Niere und Leber. Bei Nierentransplantationen stammt in den USA bereits die Hälfte aller Organe von lebenden Spendern, in Deutschland ein Fünftel. Wird eine neue Leber benötigt, wenden einige Zentren seit knapp vier Jahren ein spezielles Verfahren an, bei dem nur der rechte Leberlappen verpflanzt wird. Der Prometheus-Mythos wird Realität: Die Leber des Spenders regeneriert sich weitgehend innerhalb eines Jahres, und auch das transplantierte Organteil bildet sich zu einer funktionsfähigen Leber aus, die sich dem Stoffwechsel anpasst.

Problematisch ist eine Lebendspende jedoch unter zwei Gesichtspunkten. Zum einen werden die Organspender - gesunde Menschen - einem Risiko ausgesetzt: Bei immerhin 15 bis 30 Prozent aller Organverpflanzungen kommt es zu Komplikationen, 0,5 bis 1 Prozent der Spender sterben. Ein zweites Problem liegt in einer möglichen Kommerzialisierung der Lebendspende, die in den vergangenen Monaten auch für Schlagzeilen gesorgt hat.

Das deutsche Transplantationsgesetz sieht eine Organspende nicht nur bei verwandten, sondern auch emotional gebundenen Menschen vor. Ob eine Organspende jedoch tatsächlich freiwillig und auf der Basis freundschaftlicher Beziehung erfolgt, ist oft schwer zu überprüfen. Mit dieser Aufgabe werden jeweils die Ethikkommissionen der Ärztekammern betraut. Es gebe auch Länder wie den Iran, in denen eine bezahlte Organspende legal sei, führte Neuhaus an. 90 Prozent der deutschen Transplantationsmediziner würden jedoch eine solche Kommerzialisierung ablehnen, betonte der Transplantationsmediziner mit Nachdruck.

Xenotransplantation

Wenn menschliche Organe Mangelware sind, liegt es nahe, auf tierische zurückzugreifen. Hilfe durch Schweineherzen werde es in den nächsten 10 bis 20 Jahren jedoch nicht geben. Sowohl Neuhaus als auch sein Münchner Kollege, Professor Dr. Rüdiger Siewert, wiesen auf die zahlreichen physiologischen Probleme hin, die neben allen immunologischen Schwierigkeiten bei der Transplantation ganzer Organe auftreten. Gute Chancen sehen die Experten jedoch für die Verpflanzung von Inselzellen tierischen Ursprungs, zumal es jetzt gelungen ist, Retroviren-freie Schweine zu züchten: „Für Diabetiker wird es eine reelle Chance geben, durch Pankreasinselzellen Hilfe zu bekommen.“

Organe aus dem Reagenzglas

Wird Tissue Engineering Menschen helfen, die ein neues Organ benötigen? Professor Dr. Fred Fändrich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: „In absehbarer Zeit wird es nicht möglich sein, ganze Organe aus einzelnen Zellen oder Zellverbänden wachsen zu lassen.“ Für viel sinnvoller halte er es, mit einer Stammzelltherapie bereits einzugreifen, wenn Organe Schwächen zeigen, aber noch nicht versagen. „Der Weg der Zukunft wird eine kausale Therapie mit Stammzellen bei degenerativen Erkrankungen sein“, sagte Fändrich.

Erfolge verzeichnet das Konzept der Stammzelltherapie bereits bei hämatopoetischen Stammzellen aus Blut oder Knochenmark, die zu Haut-, Fett-, Leber- und Muskelzellen weiter entwickelt wurden. Schwierig gestaltet sich jedoch noch immer die Vermehrung isolierter Stammzellen in Kultur, um so eine für die Therapie ausreichende Menge zu gewinnen.

Diese Probleme umgeht die schleswig-holsteinische Forschergruppe um Fändrich mit einen anderen Ansatz: Zellen aus dem Blut werden zunächst in einem geeigneten Wachstumsmilieu einer Rückdifferenzierung unterworfen. Damit stehen Zellen zur Verfügung, die wieder programmierbar wird. In Tierversuchen ist es so bereits gelungen, Leber-, Haut- und auch Insulin-produzierende Zellen herzustellen. Damit würde ein nicht limitiertes Reservoir an Stammzellen zur Verfügung stehen, die vom Patienten selbst stammen, so dass immunologische Probleme entfallen.

Old-for-Old-Programm

Xenotransplantation und Tissue Engineering liegen in weiter Ferne, Abhilfe beim Organmangel ist jetzt nötig. Eine Möglichkeit besteht auch darin, die vorhandenen Ressourcen besser auszuschöpfen und zum Beispiel auch Organe älterer Menschen zu verpflanzen. Mit der steigenden Lebenserwartung werden die Menschen immer älter, die ein neues Organ benötigen. Gerade alte Patienten können zudem nicht lange mit Hilfe der Dialyse warten. Aus diesem Dilemma heraus wurde das Old-for-Old-Programm initiiert: Alte Patienten, deren Lebenserwartung nicht mehr so hoch ist und die dringend Hilfe benötigen, erhalten alte Organe, die jungen Menschen nicht transplantiert werden können.

Schnell und kurz - lautet heute die Devise in der Transplantationsmedizin. Eine Gewebetypisierung auf die charakteristischen HLA-Antigene (humane Leukozyten-Antigene) dauert ihre Zeit, während der das Transplantat Funktionseinbußen erleidet. Deshalb wird heute oft darauf verzichtet. Durch die neuen Immunsuppressiva ist die Übereinstimmung der HLA-Merkmale nicht mehr so wichtig wie noch vor einigen Jahren. Stattdessen wird schnell entschieden: Im Idealfall ist eine Niere schon nach wenigen Stunden beim Organempfänger. Top

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