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Der deutsche Notfallplan

03.03.2003  00:00 Uhr
Bioterrorismus

Der deutsche Notfallplan

von Gudrun Heyn, Berlin

Für den Fall eines Terroranschlages mit Pockenviren will Deutschland gut gerüstet sein. Auf dem 7. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin informierte das Robert-Koch-Institut (RKI) am 28. Februar über Pläne und Maßnahmen der Bundesregierung.

„Die Gefahr durch Biowaffen ist sehr schwer zu quantifizieren“, sagte Professor Dr. Reinhard Kurth vom RKI. Das größte Risiko geht seiner Meinung nach von Pocken aus. Schließlich würde das Virus in Deutschland auf eine relativ ungeschützte Bevölkerung treffen. Vor 25 Jahren wurde zuletzt geimpft, ein vollständiger Impfschutz bestehe nicht mehr.

„Wir sind in der Phase eins“, sagte Kurth. Dies entspricht der aktuellen Situation ohne Pockenerkrankung weltweit. Der Notfall wird vorbereitet. Laboratorien müssen benannt werden, die unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen die Diagnostik leisten können. Denn Pockenviren, Anthraxsporen oder etwa Botulinumtoxin müssen rechtzeitig und einwandfrei erkannt werden. Gleichzeitig baut die Zentrale Informationsstelle des Bundes für Biologische Sicherheit (IBBS) am RKI nationale und internatonale Informationsstrukturen auf und stellt Alarmpläne bereit.

Von den Bundesländern werden logistische und organisatorische Vorbereitungen für die Impfstrategie der Bundesregierung getroffen. Sollte außerhalb von Deutschland eine Pocken-Infektion diagnostiziert werden, tritt Phase zwei des RKI-Plans zur Pockenbekämpfung in Kraft. Phase drei wird ausgerufen, wenn es in Deutschland zu einer Pockeninfektion kommt.

Vollbevorratung in Sicht

Das RKI erwartet, dass bis Ende April 70 Millionen Dosen Pockenimpfstoff zur Verfügung stehen und bis Ende September die Vollbevorratung erreicht sein wird. Die Kosten der 100 Millionen Dosen übernimmt das Bundesministerium der Verteidigung. Für eine Dosis des konventionellen Vacciniavirus müssen etwa zwei Euro gezahlt werden. Als Problem bezeichnet Kurth die Beschaffung der Kühltruhen, die für die Massen an Impfstoff gebraucht werden. Immerhin hält sich die Vakzine gut gekühlt bis zu 14 Jahre lang.

Die Aufgaben der Phase eins sollen so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Mehr als 3000 Impfstätten richten die Bundesländer derzeit ein. Ganz bewusst habe man bei der Planung auf die Einbeziehung von Krankenhäusern und Hausärzten verzichtet, um immungeschwächte Patienten nicht zu infizieren und damit zu gefährden, sagte der Präsident des RKI. Zudem bleibe im Notfall zu wenig Zeit, um die Hausärzte zu trainieren. Immerhin soll die gesamte Bevölkerung innerhalb von fünf Tagen geimpft werden können, wenn die Phase drei eintritt. Denn die Vakzination auch wenige Tage nach einer Pockenexposition kann noch einen wirksamen Schutz bieten (siehe PZ 4/03, Seite 64).

Pflichtimpfung möglich

Auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes wäre eine Pflichtimpfung denkbar. Doch Menschen mit Hauterkrankungen sollten dem Vacciniavirus nicht ausgesetzt werden, so Kurth. Zu stark wären bei ihnen die Nebenwirkungen. Außer Massenimpfungen werden derzeit für die Phase drei Riegelungsimpfungen geplant. Die Szenarien des RKI gehen von Infektionen an mehreren Stellen gleichzeitig aus. Anschlagsziele von Selbstmordattentätern könnten Demonstrationen sein oder die Schalterhallen auf dem Frankfurter Flughafen. Vom 9. bis 14. Tag nach der Infektion sei der Terrorist dann so krank, dass er nicht mehr herumlaufen könne, sagte Kurth. Für die Menschen, die sich ab diesem Zeitpunkt im gleichen Raum mit dem Pockenkranken aufhalten, ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit groß: Das Virus breitet sich dann über die Atemluft aus.

Bereits in den ersten beiden Phasen des Vorsorgeplans der Bundesregierung sind Impfungen für bestimmte Personengruppen vorgesehen. In der Phase zwei gehören hierzu das medizinische Personal und ausgewählte Berufsgruppen, die das öffentliche Leben aufrechterhalten. In der jetzigen Phase eins wird die Vakzination einigen hundert Personen angeboten, die vor allem in Zentren zur Behandlung hoch ansteckender Erkrankungen arbeiten. Bisher hat jedoch in Deutschland noch keine Impfung stattgefunden.

Der Hauptgrund für die Zurückhaltung unter den Fachleuten sind die befürchteten Nebenwirkungen. Besonders schwer seien die Gehirnschäden, denn „diese heilen in der Regel nicht aus“, sagte Kurth. Bei einer Million Pockenimpfungen treten 15 bis 30 solch schwerer Erkrankungen auf.

Neueste Zahlen gibt es aus den USA. Dort wurden in den vergangenen Wochen mehr als 100.000 Armeeangehörige geimpft. Bei fünf Personen traten schwerere Nebenwirkungen auf, darunter auch eine Enzephalitis. Alle Betroffenen hätten sich jedoch inzwischen von den Erkrankungen erholt. „Doch diese Erfahrungen sind nicht so ohne weiteres auf eine normale Bevölkerung übertragbar, denn Rekruten sind üblicherweise sehr gesund“, sagte Kurth.

Impfungen in Israel

Professor Dr. Ethan Rubinstein von der Universität Tel Aviv schätzt etwa 7 bis 9 Prozent der Israelischen Bevölkerung als immungeschwächt ein. Dennoch wurden in Israel seit dem August 2002 bereits 17.000 Menschen geimpft. Dabei handelt es sich um medizinisches Personal, Feuerwehrleute und Personen aus dem Zivilschutz. Auch hier wurden Nebenwirkungen bei fünf Menschen bekannt. Unter anderem hatte sich die Frau eines geimpften Arztes mit dem Impfvirus angesteckt. Die Vakzination ist freiwillig. Bis Ende des Winters hofft man, etwa 40.000 Menschen immunisiert zu haben.

Die israelische Regierung bittet alle Geimpften um eine Blutspende. Für Kinder unter einem Lebensjahr werden daraus Antikörper für eine passive Impfung gewonnen. Mit steigendem Spendenaufkommen steht dann auch ein Antiserum für den Rest der Bevölkerung zur Verfügung.

„In Deutschland zwingen wir niemanden, sich immunisieren zu lassen, solange weltweit kein Pockenfall eintritt“, sagte Kurth. Wenn es soweit sei, müsse eben schnell gehandelt werden, auch wenn dann die frisch geimpften Ärzte bei der Vakzination der Bevölkerung wahrscheinlich selbst nicht gerade fit seien.

Trotz der Risiken schwört Kurth auf das Vacciniavirus: „Wir verwenden einen Impfstoff, der seine Tauglichkeit bewiesen hat.“ Verschwunden sind die Pocken bei uns in den 70er-Jahren, nicht zuletzt durch den Impfzwang mit dieser Vakzine. Sie steht in einer langen Tradition, denn seit 1721 wird in Deutschland mit einem Lebendvirus geimpft. Alle anderen Impfstoffe wurden erst nach der Ausrottung der Pocken entwickelt. In den USA werden derzeit neue Pockenvakzinen getestet. Doch bis diese eingesetzt werden können, vergehen noch drei bis fünf Jahre.

Auch Rubinstein hält das konventionelle Vacciniavirus für besonders wirksam. Schließlich könne es auch gegen Kamelpocken erfolgreich eingesetzt werden. Obwohl das Kamelpockenvirus nicht auf den Menschen übertragbar ist, lasse es sich doch leicht mikrobiologisch verändern, so der israelische Forscher.

Trotz aller präventiven Maßnahmen schätzen die Israelis in ihrem Land die Gefahr durch Anthrax sehr viel höher ein. „Pocken werden eher durch Terroristengruppen verbreitet“, sagte Rubinstein. Und für die sei es sehr viel schwieriger, nach Israel einzudringen. Dagegen würden Anthrax oder Botulinumtoxin auch mit Hilfe von Bomben verstreut.

In Deutschland ist beim IBBS eine Hotline zum Bioterrorismus für Fachleute und für die Öffentlichkeit geschaltet. Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr stehen die Experten des RKI unter der Rufnummer (0 18 88) 7 54 34 30 zur Verfügung. Top

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