Pharmazeutische Zeitung online

Lebenswissen im Überfluss

17.09.2001  00:00 Uhr

Lebenswissen im Überfluss

von Stephanie Czajka, Berlin

In Berlin war Wissenschaftssommer. Von Mittwoch vergangener Woche an gab es sechs Tage lang Ausstellungen, Vorträge, Tagungen, Podiumsdiskussionen, Filme, Kunstprojekte und vieles mehr zum Thema Lebenswissenschaften. Höhepunkt war die "Lange Nacht der Wissenschaften", in der bis zwei Uhr morgens neben den üblichen Ausstellungs- und Tagungsorten auch über 80 wissenschaftliche Institutionen Berlins ihre Türen geöffnet hatten und Vorträge, Führungen und Diskussionen anboten, Experimente erklärten oder sogar mit den Besuchern durchführten. Das Spektrum reichte von wissenschaftlichen Tagungen bis hin zu Spielen bei Wein und Musik.

 

Es ist zu früh für klinische Studien mit adulten Stammzellen

Wissenschaftler versuchen derzeit adulte Stammzellen aus dem Knochenmark so umzuprogrammieren, dass sie nicht nur Blutzellen, sondern auch Zellen oder Gewebe eines anderen Organs ersetzen können. Skeptisch äußerten sich Stammzellforscher der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über bereits laufende klinische Studien dieser Art. "Ich habe sehr viele Fragen zu diesen Versuchen", sagte Professor Anthony Ho, Universität Heidelberg, auf einer Pressekonferenz der DFG.

Man könne zwar aus einem Zelltyp einen anderen entwickeln, die zu Grunde liegenden Mechanismen seien jedoch unbekannt, sagte die Koordinatorin des DFG-Schwerpunktprogrammes "Embryonale und gewebsspezifische Stammzellen", Dr. Anna Wobus, Gatersleben. Die Wissenschaft sei daher "weit davon entfernt", Stammzellen in dieser Weise therapeutisch einsetzen zu können. Vermehrung der Zellen, spezifische Differenzierung und Selektion, organspezifische Integration und der Nachweis einer dauerhaften Funktion im neuen Organismus müssten erst bewiesen werden.

Grundlagenforschung ist also nötig und sie kann Wobus zufolge auf Experimente mit embryonalen Stammzellen nicht verzichten. "Wir glauben, mit humanen embryonalen Stammzellen arbeiten zu müssen", sagte sie. Solange nicht klar sei, ob sich ein bestimmter Stammzelltyp für alle Krankheiten eigne, dürften die anderen nicht vernachlässigt werden. Versuche an adulten, fetalen und an embryonalen Stammzellen seien vergleichend durchzuführen. Das gelte zum Beispiel für Genomanalysen. Es sei wichtig, Expressionsmuster verschiedener Stammzelllinien in verschiedenen Entwicklungsstadien zu untersuchen.

Zunehmend befassen sich die Forscher außerdem mit epigenetischen Faktoren und der extrazellulären Umgebung. Denn nicht allein lösliche Stoffe wie Wachstumsfaktoren scheinen für die Proliferation und Differenzierung der Stammzellen wichtig zu sein, sondern auch der Methylierungszustand der DNA, die chemische Modifikation von Kernproteinen (Histonen) und die Architektur des umgebenden Gewebes. Im Tierversuch lassen sich den Wissenschaftlern zufolge für viele Krankheiten Fragen der Stammzellforschung nicht befriedigend klären.

 

Gläserner Mensch derzeit undenkbar

Kein Tier kann dem Menschen ausreichend Modell stehen, glaubt Professor Dr. Christiane Nüsslein-Volhard, Nobelpreisträgerin vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Funktionen wie Sprachvermögen oder Denken lassen sich an der Maus nicht testen. "Dazu ist die Maus zu dumm", sagte sie auf einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Gentechnik in der Medizin. Menschen zu Klonen scheint ihr unrealistisch. Denn auch den wenigen überlebenden geklonten Tieren fehlten hinterher Gene. "Wer weiß, ob diese beim Menschen nicht doch für irgendetwas wichtig waren."

Dennoch betonte Nüsslein-Volhard, dass Tierversuche mehr Ergebnisse liefern könnten, als dies zur Zeit der Fall sei. Man dürfe beim Menschen nur die Methoden einsetzen, die man bei Tieren wirklich beherrscht. Sie habe das Gefühl, dass klinische Studien in Deutschland wegen der strengen Tierschutzgesetze gelegentlich zu früh durchgeführt würden. Ethikkommissionen sollten stärker darauf achten.

 

Ein Gen wirkt selten allein

Im Mediensumpf brodelnde Gerüchte über Chancen und Risiken der Gentechnik versuchten auch die anderen Teilnehmer der Diskussion zu relativieren. Gentherapie beispielsweise werde es in nächster Zukunft höchstens für sehr seltene monogene Erbkrankheiten geben, sagte Professor Dr. Christoph Peters, Universität Freiburg. Für die sichere gentherapeutische Behandlung von Aids oder Krebs fehle zum Beispiel vor allem die Kenntnis der pathophysiologischen Vorgänge.

Von 4000 gentherapeutisch behandelten Patienten weltweit starb bisher einer an einer Überdosis. Das Adenovirus, das als Genfähre benutzt worden war, rief eine zu starke Immunreaktion hervor. Immerhin konnten aber in Paris acht Kinder mit schwerem kombiniertem Immundefekt (SCID-X1), einer monogenen Erbkrankheit, erfolgreich therapiert werden. Sie erhielten ein Wachstumsfaktor-Gen in einem retroviralen Vektor. Die Kinder leben jetzt schon im dritten Jahr und benötigen keinen sterilen Schutzanzug mehr, der sie vorher gegen alle Keime des täglichen Lebens schützen musste.

Nicht nur den geklonten, auch den gläsernen Menschen fürchten die Wissenschaftler nicht. Große Volkskrankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Krebs seien zu komplex, zwischen Gen und Krankheit liegen zuviele andere Einflussfaktoren, meinte Professor Dr. Jens Reich vom Max-Delbrück-Zentrum Berlin. "Wir können vom Zustand der Gene bei weitem nicht sicher auf die Funktion der dazugehörigen Organismen schließen." Professor Dr. Claus Bartram, Humangenetiker aus Heidelberg, hält es ebenso für unmöglich, Verhaltensweisen von der Genstruktur abzuleiten. Bartram wies außerdem auf die Vielfalt der Zusammenhänge zwischen Mutation und Krankheit hin. Über 900 verschiedene Mutationen in einem Gen können Cystische Fibrose verursachen. Das Krankheitsbild ist entsprechend uneinheitlich. Aber auch eine einzige Mutation kann, wie bei der Neurofibromatose, eine Krankheit mit breitem Symtomen-Spektrum von Hautauffälligkeiten bis hin zum Gehirntumor hervorrufen.

 

Kritik an Pharmakogenomik

Wird das Genom eines Patienten analysiert, können möglicherweise Arzneimittel individueller und zielgenauer angepasst werden, prophezeite Professor Günter Stock, Schering AG, Berlin. Das spare Zeit und Geld. Zurzeit sprechen bis zu Dreiviertel der Patienten auf bestimmte Medikamente nicht an.

Ulrike Riedel, bis Anfang dieses Jahres Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, hält diese Individualisierung gesundheitspolitisch für problematisch. Die Unternehmen planen ihrer Ansicht nach auch, Medikamente je nach Ergebnis eines Gentests prophylaktisch anzubieten. Ohne Einbeziehung dieser "gesunden Kranken" würden sich die Kosten für die Entwicklung individualisierter Medikamente nicht lohnen, sagte Riedel. Bei individualisiertem, also erweitertem Medikamentenspektrum würden sich außerdem Verschreibungsfehler häufen, der nötige Datenaustausch nähme drastisch zu und die Kosten würden auf ein nicht bezahlbares Maß ansteigen. Riedel forderte, dass Prävention und gesunde Lebensstrukturen ähnlich finanziell gefördert werden, wie die biotechnologische Forschung. "Wo Erfolge vermutet werden, sollte intensiv geforscht werden, aber wo schon gesicherte Erkenntnisse über die positiven Wirkungen einer Maßnahme vorhanden sind, muss sofort gehandelt werden."

 

Wissenschaft zum Anfassen

"Ich habe endlich gelernt, was ich im Biologie-Unterricht nicht begriffen habe...", schrieb eine Schülerin in das Gästebuch der Ausstellung "vCell.die virtuelle Zelle". Grundlagen der Zellbiologie vermittelte diese Ausstellung der Max-Planck-Gesellschaft im Technikmuseum. Insbesondere die Texte sind im Internet unter www.vCell.de nachzulesen. Eine Million Mark kostete das Projekt. 1000 Besucher, davon 600 bis 800 Schüler, kamen täglich, um sich Computeranimationen, Laborgerät oder mutierte Zebrafische im Aquarium anzuschauen, einen Blick durchs Mikroskop zu werfen, sich von den anwesenden Wissenschaftlern Speichelzellen anfärben und einen genetischen Fingerabdruck anfertigen zu lassen oder um sie mit Fragen zu löchern.

Genlabore und Schülerprogramm gab es auch im Schaufenster der Wissenschaft am Potsdamer Platz. In den Arkaden des Einkaufszentrums hatten hauptsächlich Universitätsinstitute Stände aufgebaut, um ihre Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zu erklären. Wo Veterinäre, Zoologen, Lebensmittelchemiker und Mediziner auftraten, fehlten auch die Pharmazeuten nicht. Die Arbeitsgruppe für Arzneimittel-Epidemiologie und Sozialpharmazie der Humboldt- Universität unter Professor Dr. Marion Schäfer erklärte Passanten Pharmazeutische Betreuung anhand praktischer Beispiele.

 

Herzschlag im Wassereimer

Stellen Sie sich ein Chorkonzert vor, bei dem die Herztöne von 16 Australiern den Rhythmus vorgeben. Alles klar? Es war nicht wenig, was an Kunst zum Thema Lebenswissenschaften geboten wurde. "Kadoum", eine Mischung aus Installation und Chorkonzert, war einer der prominenteren Beiträge. Per Handy und Internet wurden australische Herztöne life in 16 Berliner Wassereimer übertragen. Zeitgleich mit jedem Herzschlag bewegte ein Rotorblatt das Wasser. Die Eimer hingen auf verschiedenen Ebenen in einem Baugerüst, an jedem Eimer stand ein Sänger und nahm durch Handkontakt den Impuls ab. Der Dirigent gab zwar die Takte vor. Innerhalb dieser Takte aber platzierte jeder Sänger seine Töne oder Geräusche zeitgleich mit dem Herzschlag seines Australiers, beziehungsweise Drehmoment seines Rotorblattes. Das halbstündige Werk erinnerte an einen gregorianischen Choral.

Die Komposition stammt von den international bekannten Künstlern Johan Wagenaar und Daan Manneke (Komponist). Es soll, so der Pressetext, medizinische, technologische künstlerische und kommunikative Fragen unserer Zeit verbinden. Es geht den Künstlern außerdem um die "Verflechtung zweier thematisch wie räumlich unterschiedener Komplexe: dem privaten und symbolischen Bereich des eigenen Herzens und seiner Darstellung im öffentlichen Raum, dem Rhythmus des lebendigen Herzenschlags und seiner technischen Übertragung, der körperlichen Anwesenheit eines Menschen auf der einen Seite der Welt und seinen Auswirkungen auf der anderen Erdhälfte". Das Projekt besteht aus "rhythmischen Elementen, musikalischer Ausführung und den archetypischen Teilen der Installation: Gehäuse, Eimer, Wasser und Herz". Der Begriff "Kadoum" stelle den Zusammenhang zwischen diesen Teilen her, denn er bedeute einerseits im hebräischen "alt, ursprünglich, ehrwürdig" andererseits gebe er lautmalerisch das Geräusch des schlagenden Herzens wieder: kadoum - kadoum - kadoum - kadoum...

 

Der Wissenschaftssommer

"Wissenschaft im Dialog" ist eine -Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, der großen deutschen Forschungsorganisationen und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Die Initiative wurde 1999 gegründet, um die wissenschaftliche Forschung Nicht-Wissenschaftlern näher zu bringen. 2000 war das Jahr der Physik, 2001 ist das Jahr der Lebenswissenschaften. Im Frühjahr gab es bereits in verschiedenen deutschen Städten Veranstaltungsreihen. Ende Oktober und Ende November folgen zwei weitere in Frankfurt am Main und Köln. Höhepunkt war jedoch der "Wissenschaftssommer". Im Jahr 2002 wird es Veranstaltungen rund um die Geowissenschaften geben. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.wissenschaft-im-dialog.de und www.lebenswissen.de.

 

Reaktion auf die Terroranschläge

Einen Tag nach den Anschlägen in den Vereinigten Staaten von Amerika sollte der Wissenschaftssommer feierlich eröffnet werden. Professor Dr. Joachim Treusch, Vorsitzender des Lenkungsausschusses von Wissenschaft im Dialog, schrieb in einer Presseerklärung: "Die Wissenschaft fühlt sich solidarisch mit dem amerikanischen Volk in dessen Trauer und in der Bereitschaft, die Fundamente unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung zu verteidigen, die gestern so schrecklich attackiert wurden. Die vorurteilsfreie Begegnung der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit ist eines dieser Fundamente. Deswegen haben die Veranstalter des Wissenschaftssommers Berlin 2001 entschieden: Wissenschaft bleibt im Dialog."

So fanden die meisten Veranstaltungen statt. Nur die festliche Eröffnungsshow, an der auch Bundeskanzler Gerhard Schröder teilnehmen sollte, wurde wie alle öffentlichen Feiern vergangenen Mittwoch in Berlin abgesagt. Einzelne Ausstellungen waren erst ein oder zwei Tage später zu besichtigen, manche Institutionen änderten kurzfristig das Programm. Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa