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Das Problem zwischen den Zähnen

24.06.2002  00:00 Uhr

Karies

Das Problem zwischen den Zähnen

von Hannelore Gießen, München

Karies ist noch immer die häufigste Erkrankung des Menschen überhaupt. Zwar haben weniger Kinder und Jugendliche kariöse Kauflächen als vor zehn Jahren, doch in den Zahnzwischenräumen wird bei Erwachsenen verstärkt Zahnschmelz abgebaut. Zu dem Schluss kamen Experten während einer Veranstaltung der Gaba GmbH am 19. Juni in München.

Noch im 18. Jahrhundert dachte man, Würmer würden die Zähne zerstören. Doch schon kurze Zeit später wurde der Zusammenhang mit Speiseresten erkannt. Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass Plaque und Bakterien wie Streptococcus mutans und Streptococcus sobrinans den Boden für den Zerstörungsprozess bereiten.

Aus den Zuckern in der Nahrung bauen Enzyme Polysaccharide auf, ein Prozess, der organische Säuren freisetzt und so Mineralien aus der Zahnoberfläche löst. Schreitet die Zerstörung weiter fort, bilden sich im Zahnschmelz kreidig-weiße Veränderungen, so genannte "white spots", bis schließlich die Oberfläche einbricht. Der Prozess sei jedoch keine Einbahnstraße, erläuterte Dr. Petra Hahn. Die Zahnärztin vom Universitätsklinikum Freiburg beschrieb Demineralisierung und Remineralisierung als Gleichgewicht, das sich sich zu beiden Seiten hin verlagern kann. Karies könne auch wieder ausheilen, wenn er früh erkannt und behandelt werde.

Individueller Kariesschutz

Für wen welche Maßnahmen sinnvoll sind, beschrieb Frau Dr. Hahn an Hand eines Stufenplans: Die Minimalanforderung sei

  • zweimal täglich Zähne putzen,
  • regelmäßige, möglichst tägliche Zahnzwischenraumpflege,
  • die Verwendung von fluoridierter Zahnpaste,
  • sowie ein- bis zweimal jährlich eine zahnärztliche Untersuchung.

Wer stärker anfällig ist für Karies, muss häufiger zum Zahnarzt, benötigt eine professionelle Zahnreinigung und eine individuelle Beratung über Mundhygiene. Außerdem sind bei starker Kariesanfälligkeit ein Fluoridgel sowie eine antibakterielle Prophylaxe mit Chlorhexidin-haltigem Mundwasser sinnvoll.

Neben Zucker greift auch Säure die Zahnoberfläche stark an. Nach dem Verzehr von säurehaltigen Speisen und Getränken sollte man die Zähne erst nach einer halben bis einer Stunde putzen, wenn der Speichel die Säuren neutralisiert hat, riet die Zahnmedizinerin. Neben Fruchtsäften hätten vor allem Cola, aber auch Weißwein einen niedrigen pH-Wert, mahnte Hahn.

Als Antwort auf die Frage "Fluoridtabletten ja oder nein?" lieferte die Referentin die neuen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Zahn- und Kieferheilkunde. Deren Basis bilden fluoridhaltiges Kochsalz sowie die lokale Fluoridierung mit Zahnhygieneprodukten. Eine systemische Gabe von Fluoriden wird nur noch bei erhöhter Kariesanfälligkeit empfohlen.

Handzahnbürste reicht aus

Richtig angewandt, reinige eine Handzahnbürste die Zähne gleich gut wie eine elektrisch betriebene, lautete Hahns Statement. Allerdings seien elektrische Zahnbürsten einfacher zu handhaben, gab die Zahnmedizinerin zu bedenken. Nur die wenigsten Menschen würden den korrekten Handbetrieb beherrschen, der Geduld und Geschick erfordere. Die elektrisch betriebene Variante sei deshalb die praktischere Alternative.

In die Zahnzwischenräume kommen jedoch weder Handzahnbürsten noch elektrische, denn gesunde Zähne liegen dicht nebeneinander. Zur Reinigung der Zahnzwischenräume stehen Zahnseide, spezielles Floss, Interdentalbürsten und Zahnhölzer zur Verfügung. Stoßen die Zähne direkt aneinander, ist Zahnseide, für die Reinigung unter Brücken, Implantaten und Zahnspangen Zahnfloss die beste Methode.

Gewachst oder ungewachst

Hauptsache ist, dass die Zahnzwischenräume überhaupt gereinigt werden. Allerdings kommen Ungeübte mit gewachster Seide besser zurecht; auch für eng stehende Zähne ist sie besser geeignet. Zahnhölzer reinigen schlechter als Seide, aber als Sofortmaßnahme leisten sie gute Dienste. Sowohl Zahnseide als auch -hölzer stehen mit einer Fluoridimprägnierung zur Verfügung, die während der Reinigung an den Zahnschmelz abgegeben wird. Dabei wird nicht nur der Zahnschmelz gehärtet, sondern auch die Vermehrung von Streptokokken gehemmt. Welche Hilfsmittel für wen die richtigen sind, hängt vom individuellen Interdentalraum, den motorischen Fähigkeiten sowie der Zeit ab, die in die Zahnpflege investiert wird. Auch die Zahnärztin Dr. Beate Helling von Gaba plädierte deshalb für eine persönliche Beratung.

Deutschland ist in Bezug auf Zahnzwischenraumpflege ein Entwicklungsland. Bisher benutzt der Durchschnittsbürger nur einen Zentimeter Zahnseide pro Tag. Für eine korrekte Fädelaktion sind jedoch 30 bis 40 Zentimeter nötig. In den USA gibt es viermal so viele Benutzer von Zahnseide. Der Grund: "Pretty Woman" hat es vorgemacht. Nach dem Genuss von Erdbeeren verschwand Julia Roberts im Bad - mit einem mysteriösen Gegenstand in der Hand. Sie nahm keine Drogen, sie benutzte Zahnseide. Top

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