Pharmazeutische Zeitung online

Keine Entwarnung

25.06.2001  00:00 Uhr
DROGENKONSUM

Keine Entwarnung

PZ  Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) haben vergangene Woche die Ergebnisse zweier Langzeitstudien zum Drogenkonsum von Erwachsenen und Jugendlichen in Deutschland veröffentlicht. "Die Entwicklung des Drogenkonsums und des Suchtverhaltens hat sich in den vergangenen Jahren deutlich differenziert. Wir müssen ganz genau hinschauen, um neue Entwicklungen rechtzeitig zu entdecken und keinen Trend zu übersehen", so Marion Caspers-Merk, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, in einer Presseerklärung.

Der Zigarettenkonsum sei seit 1980 deutlich rückläufig, aber seit 1995 nehme der Anteil der Raucherinnen wieder zu, während der Anteil der männlichen Raucher weiter abnehme. Nach einem leichten Rückgang bis Mitte der 90er Jahre, steige der Alkoholkonsum bei jungen Erwachsenen wieder an. Besorgniserregend sei die Zunahme des so genannten Rauschtrinkens bei Jugendlichen, listet Caspers-Merk die wichtigsten Ergebnisse der im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellten "Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland 2000" auf.

Die von der BZgA initiierte Studie "Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2001" zeige, dass es eine Vielzahl von Ursachen und Umständen gibt, die den Substanzgebrauch bei Jugendlichen initiieren, motivieren und aufrecht erhalten. Gleichzeitig existierten aber auch Schutzmechanismen, die verhindern, dass aus Probieren oder Experimentieren regelmäßiger Konsum wird oder die dazu führen, dass kaum oder überhaupt nicht konsumiert wird. "Suchtprobleme, die bereits im Kindes- und Jugendalter ihren Anfang nehmen, werden im allgemeinen erst im Erwachsenenalter sichtbar. Um dem entgegen zu wirken, muss Prävention frühzeitig und umfassend ansetzen", betonte Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der BzgA.

Kontinuierliche Datenerhebung

Für die Bundesstudie werden im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit seit 1980 alle zwei bis fünf Jahre 18- bis 59-jährige Erwachsene zum Gebrauch psychotroper Substanzen befragt. Bei der nun veröffentlichten Untersuchung handelt es sich um die dritte Erhebung in Folge, an der mehr als 8000 Menschen teilnahmen. Für die Drogenaffinitätsstudie wird seit 1973 in regelmäßigen Abständen von drei bis vier Jahren beobachtet, wie sich der Gebrauch von Zigaretten, Alkohol und illegalen Drogen bei den 12- bis 25-Jährigen in Deutschland entwickelt.

Die verbreitetste illegale Droge in Deutschland ist Cannabis: Ungefähr jeder Zehnte im Osten und jeder Fünfte im Westen hat einmal im Leben Cannabis konsumiert. Wachsendes Interesse an Ecstasy spiegeln auch die Daten der Bundesstudie wider, allerdings erreiche der Konsum im Durchschnitt bei weitem noch nicht das Ausmaß des Cannabiskonsums. 4,4 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Westdeutschland und 6,5 Prozent in Ostdeutschland haben schon einmal Ecstasy-Pillen eingenommen. Erfahrungen mit halluzinogenen Pilzen gaben 4,1 Prozent der westdeutschen und 4,3 Prozent der ostdeutschen 18- bis 29-Jährigen an.

Einen riskanten Alkoholkonsum mit durchschnittlich mehr als 30 bis 60 g Reinalkohol pro Tag für Männer beziehungsweise 20 bis 40 g für Frauen gaben 11,7 Prozent der Befragten an, gefährlichen Konsum (mehr als 60 bis 120 g beziehungsweise 40 bis 80 g) hatten 3,9 Prozent und mehr als 120 g beziehungsweise 80 g reinen Alkohol nahmen 0,7 Prozent der Befragen zu sich.

Drogenkonsum ist keine Bagatelle

Bei jungen Menschen sind Erfahrungen mit Alkohol, Tabak und illegalen Drogen weit verbreitet, zeigte die Drogenaffinitätsstudie. Vielfach beschränken sich diese Erfahrungen jedoch auf Experimentier- und Probierkonsum. Es gebe jedoch auch Teilgruppen von Jugendlichen, die regelmäßig, mindestens einmal pro Woche, Alkohol trinken (30 Prozent), ständig oder gelegentlich rauchen (38 Prozent) oder illegale Drogen konsumieren (5 Prozent).

"Die Ergebnisse der Drogenaffinitätsstudie zeigen keine dramatischen Veränderungen im Vergleich zu den Vorjahren, sondern insgesamt eine positive Entwicklung in Richtung auf unsere Präventionsziele. Es könnte deshalb fälschlicherweise der Eindruck entstehen, dass man beim Thema Drogenkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener zur Tagesordnung übergehen kann", erklärt Pott. "Mit aller Deutlichkeit warne ich jedoch davor, den Drogenkonsum junger Menschen in Deutschland zu bagatellisieren. Es ist richtig, dass die überwiegende Mehrzahl Jugendlicher weder raucht noch trinkt, noch illegale Suchtmittel konsumiert. Es ist aber auch richtig, dass es junge Menschen gibt, die hochgefährdet sind, abhängig zu werden, weil sie einen riskanten Konsum von Suchtmitteln aufweisen."

Caspers-Merk fordert eine "übergreifende Gesamtstrategie für den Umgang mit Suchtmitteln in unserer Gesellschaft". Der 1990 verabschiedete "Nationale Rauschgiftbekämpfungsplan" entsprechen nicht mehr den aktuellen Erkenntnissen der Forschung und Praxis und sei zu stark auf illegale Drogen ausgerichtet. "Eine derartige Fixierung übersieht aber die gravierenden sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen des Missbrauchs legaler Suchtstoffe." Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa