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Atheroskleroseprävention in Deutschland

27.11.2000  00:00 Uhr

BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNG

Atheroskleroseprävention in Deutschland

von Jan Heidrich und Ulrich Keil, Münster

Herzkreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache in den westlichen industrialisierten Ländern. Die gesundheitliche Aufklärung der Bevölkerung und die aktive Prävention sind auf diesem Gebiet besonders wichtig. Eine Bevölkerungsbefragung in verschiedenen Regionen Deutschlands lieferte Daten zur Atheroskleroseprävention und dem Wissen zu diesem Thema.

2023 Männer und Frauen im Alter von 30 bis 90 Jahren wurden in einem semi-strukturierten, persönlichen Interview zu ihrem Wissen und Verhalten bezüglich Atheroskleroseprävention befragt. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen unterteilt: Gesunde, Träger von Risikofaktoren (Rauchen, Hypertonie, Hyperlipidämie, Diabetes mellitus, familiäre Disposition) und chronisch Kranke (jegliche Art von Erkrankung, verbunden mit Medikamentengebrauch innerhalb der letzten sieben Tage vor dem Interview). Insgesamt wurden 517 Gesunde (25,6 Prozent), 900 Träger von Risikofaktoren (44,5 Prozent) und 641 chronisch Erkrankte (31,7 Prozent) interviewt. Die etwas höhere Gesamtzahl der Teilnehmer (n = 2058) kommt durch Überschneidungen der Gruppen zustande.

An Bluthochdruck denken wenige

Der Begriff der Atherosklerose ist einem großen Teil der Befragten bekannt und wird größtenteils richtig beschrieben, mit Ausdrücken wie "Gefäßverkalkung", "Arterienverkalkung", "Verengung der Blutgefäße" oder "Gefäßverengung". Dagegen können 12 Prozent der Teilnehmer mit dem Begriff nichts anfangen. Unter den spontan genannten Risikofaktoren der Atherosklerose und des Herzinfarktes rangiert das Rauchen mit Abstand an erster Stelle (von 43 Prozent der Befragten genannt). Stress (24 Prozent), Alkohol (22 Prozent) und Übergewicht (21 Prozent) werden ebenfalls häufig genannt. 

Ein wenig klares Bild ergibt sich bei der Einschätzung der klassischen Risikofaktoren Hypertonie und Hypercholesterinämie: Einerseits verbindet nur eine kleine Zahl der Befragten diese Risikofaktoren auf Anhieb mit Atherosklerose und Herzinfarkt (17 Prozent beziehungsweise 16 Prozent). Andererseits wird bei Vorlage einer Liste von Risikofaktoren dem Bluthochdruck die größte Bedeutung zugemessen. Rauchen, Hypercholesterinämie und Übergewicht beziehungsweise eine fettreiche Ernährung werden ebenfalls als sehr wichtig angesehen. Stress, Diabetes mellitus oder eine familiäre Disposition, die von 10 Prozent der Befragten berichtet wird, beurteilen diese als wichtige Risikofaktoren, die nicht ganz so bedeutend sind wie die Hypertonie.

Drückt sich dieses Wissen auch im Lebensstil aus? Auf gezielte Nachfrage berichtet nur etwa die Hälfte der Befragten von einer aktiven, nicht-medikamentösen Prävention der Atherosklerose. Viel Bewegung und Sport (29 Prozent), eine gesunde Ernährung (13 Prozent) sowie Nichtrauchen (8 Prozent) sind hier die am häufigsten bewusst ergriffenen Maßnahmen. Dabei fallen allerdings die von den Befragten regelmäßig angewendeten allgemeinen Präventionsmaßnahmen wie gesunde Ernährung, Nichtrauchen und mäßiger Alkoholgenuss in den Bereich der Atherosklerose-Prävention.

Knoblauch genießt hohes Ansehen

Spontan fallen über der Hälfte aller Befragten keine gegen Atherosklerose wirksamen Medikamente ein. 14 Prozent assoziieren hingegen Knoblauch, 7 Prozent Vitamine jeglicher Art und 5 Prozent Acetylsalicylsäure als Substanzen gegen Atherosklerose. Knoblauch sehen die Befragten in diesem Zusammenhang als das geeignetste Mittel an (von 60 Prozent genannt) und verwendeten es auch am häufigsten (20 Prozent).

Etwas anders sieht das Bild bei Vorlage einer Liste von Medikamenten aus: Hier werden blutdruck- (43 Prozent) und cholesterinsenkende (34 Prozent) Medikamente, Vitamin C (36 Prozent) und E (31 Prozent) sowie Aspirin (31 Prozent) ebenfalls als sinnvoll beurteilt (Abbildung 2). Diese haben die Befragten jedoch wesentlich seltener schon einmal eingenommen, am häufigsten Vitamin C (15 Prozent) und E (10 Prozent); blutdruck- (8 Prozent) und cholesterinsenkende (3 Prozent) Medikamente sowie Aspirin (7 Prozent) nur in geringem Ausmaß. Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) würde zunächst den Arzt konsultieren und erst danach mit einer medikamentösen Prävention beginnen.

Bewegung halten viele für wichtig

Viel Bewegung und Sport (31 Prozent) und eine gesunde, ausgewogene Ernährung (29 Prozent) verbinden die meisten Teilnehmer spontan mit den Begriffen Prävention und Gesundheitsvorsorge. Der überwiegende Anteil der Befragten räumt der Prävention einen wichtigen Stellenwert ein, der mit steigendem Alter zunimmt. Welche Präventionsmaßnahmen werden aber im Alltag tatsächlich regelmäßig angewandt? Bei der "gestützten" Nachfrage geben 73 Prozent aller Befragten an, sich ausgewogen zu ernähren, je 56 Prozent nur geringe Alkoholmengen zu konsumieren und nicht zu rauchen. Sport gehört jedoch nur bei 34 Prozent zu den regelmäßigen Gewohnheiten. Der ausgewogenen Ernährung und dem Nichtrauchen wird von allen Maßnahmen der größte präventive Nutzen zugesprochen.

Ärzte als Berater

In der Gesundheitsvorsorge spielen Ärzte eine zentrale Rolle, auch wenn nur 16 Prozent der Befragten regelmäßige Arztbesuche spontan mit Prävention assoziieren. Über 80 Prozent haben einen festen Hausarzt, den sie bereits länger kennen und den sie als Primärarzt zunächst zu Rate ziehen. 40 Prozent der Befragten waren ein- bis zweimal innerhalb der letzten drei Monate vor dem Interview beim Arzt, weitere 19 Prozent dreimal und häufiger.

Ein Teil der Befragten hat vom Arzt Empfehlungen zur Lebensführung erhalten. Diese bezogen sich überwiegend auf Cholesterolspiegel (29 Prozent), Nichtrauchen (28 Prozent), gesündere Ernährung (26 Prozent) und Vermeidung von Übergewicht (24 Prozent), sowie mehr Bewegung (19 Prozent) und das Vermeiden übermäßigen Alkoholkonsums (18 Prozent). 32 Prozent aller Befragten können sich jedoch nicht an eine ärztliche Beratung zur gesunden Lebensführung erinnern.

Der Arzt wird als Informant zum Thema Gesundheit am häufigsten genannt. Weitere wichtige Informationsquellen für die Befragten sind Fernsehsendungen, Freunde und Verwandte sowie Apothekenzeitungen und Apotheker selbst. Je jünger die Befragten sind, um so weniger beschäftigen sie sich mit Gesundheitsthemen. Frauen befassen sich wesentlich intensiver mit gesundheitlichen Fragen als Männer.

Für Gesunde ist Prävention kein Thema

Erwartungsgemäß befasst sich die Gruppe der Gesunden am wenigsten mit gesundheitsrelevanten Themen und misst der Prävention von allen Befragten die geringste Bedeutung zu. Im Gegensatz zu den beiden anderen Gruppen sind für die Gesunden nicht Ärzte, sondern Fernsehsendungen die wichtigste Informationsquelle für Gesundheitsfragen. Ein Drittel dieser Gruppe beschäftigt sich überhaupt nicht mit Gesundheitsthemen. Gesunde verbinden insbesondere Sport mit Prävention und sind am häufigsten körperlich aktiv. Regelmäßige Arztbesuche finden sich in dieser Gruppe relativ selten (28 Prozent).

Chronisch Kranke beurteilen Prävention hingegen als sehr wichtig und assoziieren damit insbesondere regelmäßige Arztbesuche. Über zwei Drittel dieser Gruppe gehen regelmäßig zum Arzt und nehmen an Vorsorgeuntersuchungen teil. Sieht man vom Sport ab, ist diese Gruppe präventiv am aktivsten und setzt am ehesten Empfehlungen zur Lebensführung, sei es vom Arzt oder von anderer Stelle, in die Tat um. Ein großer Teil der chronisch Kranken macht sich Gedanken über eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes durch Risikofaktoren.

Gleiches gilt auch für die Gruppe der Träger von Risikofaktoren. Auffallend dabei ist, dass knapp zwei Drittel der Träger von Risikofaktoren offensichtlich Problembewusstsein für ihr Risiko entwickelt haben, wenngleich der Anteil der Raucher mit 40 Prozent bei diesen Befragten am höchsten ist.

Das Wissen über Atherosklerose, deren Risikofaktoren und Präventionsmöglichkeiten ist in allen drei Gruppen trotz des unterschiedlichen Gesundheitszustandes und –bewusstseins sehr ähnlich.

Der Artikel bezieht sich auf eine repräsentative Bevölkerungsbefragung in verschiedenen Regionen Deutschlands, die von der Firma Bayer in Auftrag gegeben und vom IFAK Institut für Markt- und Sozialforschung realisiert wurde.

Zusammenfassung

Die Mehrheit beschreibt den Begriff Atherosklerose richtig. Hypertonus, Rauchen, Hypercholesterinämie und Übergewicht werden als Hauptrisikofaktoren der Atherosklerose betrachtet. Hypertonus und Hypercholesterinämie werden spontan jedoch nur von einem Fünftel der Befragten mit Atherosklerose und Herzinfarkt in Zusammenhang gebracht. Ein gesunder Lebensstil, insbesondere eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und Nichtrauchen, wird von einem Großteil der Befragten als sehr bedeutend im präventiven Sinne gesehen. Dieser Lebensstil wird auf Anhieb jedoch nicht unbedingt mit der Atheroskleroseprävention in Verbindung gebracht, sondern eher im Sinne einer allgemeinen Prävention begriffen.

Die Antworten zur Bedeutung der Risikofaktoren und zur Definition der Atherosklerose deuten daraufhin, dass bei einem Großteil der Befragten das Bewusstsein auch explizit für die Atherosklerose geschärft ist. Entscheidende Risikofaktoren wie Hypertonus und Hypercholesterinämie sind jedoch nicht adäquat im Bewusstsein verankert.

Die verschiedenen medikamentösen Therapiemöglichkeiten werden ihrer medizinischen Bedeutung entsprechend nicht richtig eingeschätzt, denn Knoblauch wird als wirksameres Mittel gegen Atherosklerose angesehen als zum Beispiel Acetylsalicylsäure oder blutdruck- beziehungsweise cholesterinsenkende Medikamente.

Die Ergebnisse der Bevölkerungsumfrage zeigen, dass Gesunde sich seltener mit gesundheitlichen Themen beschäftigen und der Prävention keinen hohen Stellenwert einräumen. Obwohl die primäre Prävention besonders wichtig ist, um die Inzidenz der durch Atherosklerose hervorgerufenen Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit) zu senken. Hier sind besonders die Medien gefordert, da sich Gesunde und Jüngere eher auf diesem Wege informieren und seltener direkt ärztlichen Rat suchen. Konrad Lorenz verdeutlichte den schwierigen Prozess der Verhaltensmodifikation mit den folgenden Worten: "Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden, verstanden ist nicht einverstanden, einverstanden ist nicht angewendet, angewendet ist noch lange nicht beibehalten."

Literatur bei den Verfassern

Anschrift der Verfasser:
Dr. Jan Heidrich,
Professor Dr. Ulrich Keil
Insitut für Epidemiologie und Sozialmedizin
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Domagkstraße 3
48129 Münster 
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