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Ergänzende und alternative Behandlungsmethoden bei Epilepsie

06.11.2000
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Ergänzende und alternative Behandlungsmethoden bei Epilepsie

von Gerd Dannhardt, Mainz

Bei vielen Epileptikern können Medikamente die Anfälle verhindern beziehungsweise sie lassen sich damit relativ gut kontrollieren. Trotz der Arzneitherapie erleiden aber 20 bis 30 Prozent der Patienten immer wieder Anfälle. Ergänzende und alternative Verfahren sollen die Situation dieser Patienten verbessern. Allerdings sind einige dieser neuen Methoden noch im Tierversuchsstadium.

Mit den verfügbaren diagnostischen Möglichkeiten wie Computertomographie, Kernspintomographie und Positronen-Emissionstomographie sind Epilepsieherde im Gehirn, die Foki, genau zu lokalisieren. Damit ist es möglich, kleine Mengen des optimalen Antiepileptikums lokal in diesen Bereich zu injizieren. Die Methode wird als Dauer- oder Pulsinfusion derzeit am Tier erprobt.

Mit der lokalen Applikation lassen sich das Membranpotenzial stabilisieren und wiederholte Entladung der Neuronen verhindern. Zudem nehmen unerwünschte, teilweise therapielimitierende Wirkungen systemisch angewandter Antiepileptika Anwendung ab oder verschwinden ganz. Eine abschließende Beurteilung von Nutzen und Risiko dieser Applikationsform ist im Vergleich zur systemischen Gabe allerdings derzeit noch nicht möglich.

Gezielte elektrische Impulse reduzieren Anfälle

Mit der elektrischen Vagusnervstimulation, die seit Anfang der neunziger Jahre bekannt ist, lässt sich die Anfallsfrequenz bei therapierefraktären Patienten signifikant reduzieren. Die neurokybernetische Prothese (NCP) wird im Thoraxbereich implantiert. Der Patient kann über eine externe Steuereinheit einen Impuls vom Generator an den Vagusnerv senden. Damit halbiert sich bei etwa 30 Prozent der Epileptiker die Anfallshäufigkeit, zusätzlich verbessert sich das allgemeine Wohlbefinden.

Während der elektrischen Stimulation tritt gelegentlich Heiserkeit auf, die jedoch reversibel ist und sehr rasch wieder abklingt. Die neurokybernetische Prothese ist zur Behandlung von refraktären fokalen und generalisierten Anfällen zugelassen und kann alleine, aber auch additiv zur medikamentösen Therapie eingesetzt werden. Der relativ hohe Preis von über 13 000 DM steht jedoch einer breiten Anwendung im Weg; zudem gibt es noch keine Vereinbarung zur Sonderentgeld-Regelung mit den Krankenkassen.

Die Foki chirurgisch entfernen

Die chirurgische Behandlung von Epilepsien hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Grundsätzlich sollte ein chirurgisches Vorgehen diskutiert werden, wenn der Patient auf die medikamentöse Behandlung nicht ausreichend anspricht.

Neurochirurgische Eingriffe sind nur dann möglich, wenn mit Hilfe der diagnostischen Verfahren die genaue Lage epileptogener Foki bekannt ist. Zusätzliche Informationen über die Foki liefert die gezielte elektrische Stimulation bestimmter Bereiche. Die Operation selbst lässt sich computergestützt durchführen.

Ein chirurgischer Eingriff ist vor allem in Hirnrinde und Schläfenlappen möglich, nicht dagegen in Regionen, die für Sprachbildung und Gedächtnisleistung verantwortlich sind. Liegen die Foki im Bereich der Amygdala (Mandelkern, Amygdalohippokampektomie), der Temporallappen (Schläfenlappen, Temporallappenresektion) oder in einer der beiden Großhirnhälften (Hemisphärektomie), können die Patienten mit guten Heilungschancen rechnen. Denn bis zu 70 Prozent der therapierefraktären Patienten werden mit dieser Operationsmethode anfallsfrei. Eine Durchtrennung des so genannten Balkens (Kallosotomie) reduziert im Gegensatz dazu lediglich meist Zahl und Schwere der generalisierten Anfälle.

Schluckimpfung möglich?

Im Tierversuch verhindern oder reduzieren Antikörper gegen eine Untereinheit des NMDA-Rezeptors epileptische Anfälle nach Gabe einer pro-epileptogenen Substanz. Ausgehend von diesen Befunden entwickelten Wissenschaftler eine Art Schluckimpfung. Dafür verwendeten sie Viren, die das Gen für eine bestimmte NMDA-Rezeptoruntereinheit enthalten. Im Versuchstier setzen die Viren das Gen frei, die Zellen beginnen das NMDA-Rezeptorprotein zu produzieren, und das Tier bildet Antikörper dagegen. Diese Antikörper blockieren - wenn sie in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren - den NMDA-Rezeptor und verhindern so epileptische Anfälle. Durch die mehrere Monate anhaltende Wirkung könnten jedoch auch negative Effekte auftreten. Antikörper im Sinne einer passiven Immunisierung zu verwenden, wird ebenfalls diskutiert.

Theoretisch möglich ist auch die Transplantation genetisch veränderter Zellen im Bereich der Foki. Sowohl die Impfung als auch dieses Verfahren sind noch längst nicht reif für die Anwendung beim Menschen, diese Strategien sind noch im experimentellen Stadium.

Über Epilepsie sprechen

Alle therapeutischen Verfahren werden transparenter, verständlicher und besser akzeptiert, wenn Epileptiker ihre Erfahrungen gegenseitig austauschen. Dazu bieten sich Selbsthilfegruppen an, aber auch das Internet. Dort hat die Interessenvertretung für Anfallskranke (IfA) http://www.epilepsie-online.de seit Mai 1999 ein Patientenforum eingerichtet. Die Zahl der Nutzer ist von anfangs 300 innerhalb kurzer Zeit auf über 6 000 gestiegen. Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse können abgerufen und in die Gespräche mit den behandelnden Ärzten eingebracht werden. Die IfA mit Sitz in Köln steht darüber hinaus als Anlaufstelle für spezielle Probleme zur Verfügung (IfA Köln e.V. Postfach 10 18 53, 50458 Köln Top

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