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Erhöhte Aufmerksamkeit, aber keine Panik

15.10.2001
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MILZBRAND

Erhöhte Aufmerksamkeit, aber keine Panik

von Ulrike Wagner, Eschborn

Die Angst vor Anschlägen mit biologischen Kampfstoffen geht um. Der Milzbranderreger Bacillus anthracis scheint für Terroranschläge besonders geeignet, da er sich in Form von Sporen leicht lagern und versprühen lässt. Im Gegensatz zu Giftgas sind Anthrax-Sporen in der Luft unsichtbar und geruchlos. Mit dem Wind können sie über viele Kilometer verbreitet werden. Ein Impfstoff steht laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland nicht zur Verfügung. Nachdem die zuständigen Behörden Ende letzter Woche noch vor Panikmache warnten, ruft das RKI nun zu erhöhter Aufmerksamkeit auf.

Falls in der Post verdächtige, etwa mit Pulver gefüllte Briefe auftauchten, sollte schnellstmöglich die Polizei benachrichtigt werden, sagte der Präsident des RKI, Reinhard Kurth, am Montag im ZDF-Morgenmagazin: "Nicht berühren, nicht einatmen, nicht kosten."

Das Einatmen von Sporen oder lebenden Bakterien führt zu Infektionen der Lunge, an der mindestens jeder Zweite stirbt. Antibiotika wirken zwar gegen die Bakterien, müssen aber sehr früh eingesetzt werden. Wenn die typischen Symptome der schweren Erkrankung einsetzen, ist es oft schon zu spät.

Aerosole mit Sporen in ausreichenden Konzentrationen sind allerdings nicht einfach zu produzieren. Man benötige sehr viele Kenntnisse und "zehntausende Bakterien oder Bakteriensporen, um wirklich Krankheiten hervorzurufen", sagte Kurth. So müsste zum Beispiel die Partikelgröße der Aerosole genau definiert sein, damit die darin enthaltenen Bacillus-Sporen überhaupt in die Lunge vordringen. Sind sie zu groß, gelangen sie erst gar nicht in die Lunge. Sind sie zu klein, werden sie wieder ausgeatmet, ohne Schaden anzurichten.

Gescheiterter Anschlag

Einen Anschlag mit Milzbranderregern gab es bereits 1995. Vor sechs Jahren hatten Mitglieder der japanischen Aum-Sekte vom Dach eines Gebäudes und von einem umgebauten Lkw aus Milzbrandsporen in Tokio versprüht - ohne Erfolg. Niemand erkrankte. Das lässt Experten hoffen, dass die Bedrohung durch biologische Waffen in Terroristenhand geringer ist als viele befürchten.

Unter natürlichen Bedingungen kommen die grampositiven, sporenbildenden, obligat aeroben Stäbchen im Erdboden vor. Bacillus anthracis ist weltweit verbreitet, besonders aber in Viehzuchtgegenden. In industrialisierten Ländern ist der Erreger sehr selten. Das Bakterium bevorzugt wärmere Klimazonen unter anderem in Südosteuropa, Südamerika, Afrika und Südostasien. Der Erreger verursacht bei Tieren den Milzbrand: Die Milz verfärbt sich dunkel und sieht wie verbrannt aus, daher der Name. Menschen können sich zwar an Tieren anstecken, sie können den Erreger jedoch nicht auf andere Menschen übertragen.

Zwei Eigenschaften machen Bacillus anthracis so gefährlich: die das Bakterium umhüllende Kapsel und ein Exotoxin. Die Kapsel sorgt dafür, dass der Keim von Immunzellen nicht phagozytiert werden kann. Das Toxin, das das Bakterium vor allem bei der eigenen Zerstörung in die Umgebung abgibt, ruft Ödeme und Gewebsnekrosen hervor. In höheren Konzentrationen wirkt es tödlich.

Drei Formen

Bacillus anthracis kann den Menschen auf drei Wegen infizieren und ruft dementsprechend unterschiedliche Symptome hervor. Mit Abstand die häufigste natürliche Form ist der Hautmilzbrand. Dabei kommt es durch Kontakt mit kontaminiertem tierischem Material zur Infektion. Die Sporen des Bakteriums gelangen über kleine Hautverletzungen in den Körper. Bei Inhalation der Sporen kommt es zum Lungenmilzbrand, beim Verschlucken zu Darmmilzbrand. Alle drei Formen könnten theoretisch nach einem Anschlag mit Anthrax-Sporen auftreten.

Die Anfangssymptome nach Inhalation von Milzbrandsporen sind unspezifisch und ähneln mit Müdigkeit, leichtem Unwohlsein, trockenem Husten und Brustschmerzen einer Infektion der oberen Atemwege. Innerhalb kurzer Zeit kommt es dann jedoch zu einer Milzbrandpneumonie mit Bluthusten, hohem Fieber, Schüttelfrost und Schocksymptomatik. Die Patienten sterben innerhalb von drei bis fünf Tagen.

Beim Hautmilzbrand bildet sich nach ein bis drei Tagen an der Infektionsstelle ein Bläschen. Daraus entwickelt sich das so genannte Milzbrandkarbunkel, eine rasch wachsende, stark infiltrierte Papel, die sich zu einem nicht schmerzhaften mit schwärzlichen Schorf bedeckten Geschwür entwickelt. Die Bakterien setzen ihre Exotoxine frei, die schwere allgemeine Symptome wie Fieber, Benommenheit, Kreislauf- und Herzrhythmusstörungen hervorrufen. Vom Geschwür ausgehend, kann sich wie auch bei den anderen beiden Milzbrandformen eine Sepsis entwickeln, an der viele Patienten ohne Therapie sterben. Bei rechtzeitigem Einsatz von Antibiotika ist die Prognose beim Hautmilzbrand jedoch gut.
Darmmilzbrand ist sehr selten und schwer zu diagnostizieren. Anfangs beklagen die Patienten Leibschmerzen und Blähungen. Innerhalb kurzer Zeit leiden sie unter blutigen Durchfällen, Peritonitis und Schocksymptomatik. Die Prognose ist schlecht, die Patienten sterben auch unter antibiotischer Therapie meist rasch.

Gegen Hautmilzbrand empfiehlt das RKI Penicillin G, mit dem die Infektion gut behandelt und geheilt werden kann. Bei Lungen- und Darmmilzbrand sei eine Behandlung mit Antibiotika zwar prinzipiell möglich. Weil die Infektion jedoch sehr aggressiv ist und schnell fortschreitet, ist eine frühzeitige Therapie besonders wichtig. Als Wirkstoffe stehen nach RKI-Angaben Ciprofloxazin und Doxycyclin zur Verfügung. Bei Hautmilzbrand sind chirurgische Eingriffe kontraindiziert.

Für die Diagnose wird der Erreger in Hautläsionen oder in Sputum mikroskopisch und in Kultur nachgewiesen. Gegebenenfalls werden Blutkulturen angelegt. Zur Identifizierung dienen den Mikrobiologen Merkmale des Stoffwechsels und die Unbeweglichkeit des Erregers.

Kein Impfstoff in Deutschland

Ein Impfstoff gegen Milzbrand ist in Deutschland weder verfügbar noch zugelassen, teilten Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und RKI in einer gemeinsamen Presseerklärung Ende letzter Woche mit. Nach einer neuen Recherche des PEI könnten entsprechende Impfstoffe jedoch möglicherweise aus dem Ausland bezogen werden. Großbritannien, die USA und Kanada verfügen demnach über einen Totimpfstoff. Russland produziert offensichtlich einen Lebendimpfstoff und ein Antiserum vom Pferd gegen Bacillus anthracis. Beide sind im Notfall möglicherweise zu beschaffen, geht aus den Recherchen von RKI und PEI hervor.

Das PEI weist darauf hin, dass es sofort in der Lage sei, im Falle einer Anwendung nach den Regelungen des § 79 Arzneimittelgesetz (Ausnahmeregelungen in Krisenzeiten), die notwendigen Prüfungen auf Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit der Impfstoffe vorzunehmen. Auch in Ausnahmesituationen müsse gewährleistet sein, dass von den Impfstoffen selbst keine Gefahren für den Geimpften ausgehen.

Nach einigen Verdachtsfällen in Deutschland hat die Bundesregierung am RKI eine zentrale "Informationsstelle Biologische Kampfstoffe" eingerichtet. Unter der Telefonnummer (0 18 88) 7 54-34 30 können Bürger rund um die Uhr Informationen zu Erregern, ihrer Symptomatik, den diagnostischen Möglichkeiten oder den Therapien erhalten. Unter www.rki.de sind weitere Informationen im Internet abrufbar. Das Bayerische Gesundheitsministerium hat ein Infotelefon unter (08 00) 44 11 888 (montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr, am Wochenende von 10 bis 16 Uhr) eingerichtet.

Mit Material von dpa.

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