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Schmerzen sichtbar machen

08.09.2003  00:00 Uhr
Bildgebung

Schmerzen sichtbar machen

von Christiane Berg, Hamburg

Die Verarbeitung von Schmerzreizen im menschlichen Hirn kann mit bildgebenden Techniken wie der Kernspinresonanztomographie (MRT) und der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) sichtbar gemacht werden. Dr. Christian Büchel, Hamburg, berichtete während des 76. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie über Ergebnisse der Verfahren.

Bei diesen Techniken mache man sich zu nutze, dass die Aktivität von Neuronen mit einer messbaren Änderung der Durchblutung des Gehirns einhergeht. In den vergangenen zehn Jahren sei es gelungen, den Thalamus, die Inselrinde, den primären und sekundären somatosensorischen Kortex sowie das Cingulum als die wichtigsten Knotenpunkte des Schmerz-Netzwerkes zu identifizieren, führte der Neurologe aus. Eine erst kürzlich veröffentlichte PET-Studie habe nunmehr erstmals sichtbar gemacht, dass das Gehirn von Menschen mit höherer Schmerzempfindlichkeit tatsächlich stärker auf den gleichen Reiz reagiert als das von Menschen mit geringerer Schmerzsensibiliät.

Büchel beschrieb zudem so genannte „Schmerz-Umschaltstellen“ im Rückenmark, die mithilfe der funktionellen Bildgebung inzwischen identifiziert seien. In Wettkampfsituationen, bei starkem Stress, bei Angst oder Ablenkung wirke das Gehirn hemmend auf diese Schaltstellen ein. In Extremsituationen wie nach einem Unfall oder bei schweren Verletzungen könne das Gehirn die Schmerzempfindung für kurze Zeit sogar gänzlich „abschalten“. Jedoch sei auch der umgekehrte Fall möglich.

So sei dieser Schmerzwächter zum Beispiel bei Depressionen nicht aktiv - Schmerzen werden dadurch stärker wahrgenommen. Eine dauerhafte Öffnung der Schaltstellen scheine besonders bei der Entstehung chronischer Schmerzen eine Rolle zu spielen. Auf Grund dieser Erkenntnisse erhofft Büchel sich neue Therapieoptionen. Dramatische Erfolge, wie sie bei Morbus Parkinson und Dystonie mit der so genannten tiefen Hirnstimulation erzielen lassen, könnten sich möglicherweise auch bei der Behandlung schwerer Schmerzen wie zum Beispiel den Cluster-Kopfschmerz einstellen, vermutete der Neurologe.

Im Vorfeld hatte Professor Dr. Günther Deuschl, Kiel, die Tiefenhirnstimulation zur Behandlung des fortgeschrittenen Morbus Parkinson als „entscheidende Weiterentwicklung“ geschildert. Deuschl beschrieb den Nukleus subthalamicus als Zielpunkt für neurochirurgische Eingriffe, in deren Verlauf exakt und millimetergenau Elektroden platziert werden, die wiederum mit einem elektronischen Stimulator unter der Haut in der Schlüsselbeingrube verbunden sind. Mithilfe der auf diesem Weg individuell zu dosierenden elektrischen Reize könne es gelingen, die krankhaft veränderte Nervenzellaktivität zu hemmen, die den gestörten Bewegungsabläufen bei Morbus Parkinson zu Grunde liegt. Deuschl betonte, dass es auf diesem Weg gelungen sei, zahlreichen Parkinson-Patienten zu neuer Beweglichkeit zu verhelfen. Einige der Betroffenen hätten nach der Operation wieder ihre frühere Berufstätigkeit aufnehmen können.

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