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Genetischer Zwilling gesucht

29.08.2005
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Stammzellspende

Genetischer Zwilling gesucht

von Karen Aust, Berlin

Die Hoffnung auf Heilung liegt für viele Leukämiepatienten in der Transplantation passender Blutstammzellen. Obwohl sich die Methoden zur Stammzellgewinnung deutlich verbessert haben, ist die Suche nach einem geeigneten Spender weiterhin mühsam.

Bisher haben sich 2,5 Millionen Menschen im »Zentralen Knochenspenderegister Deutschland« als Blutstammzellspender registrieren lassen, weltweit gibt es zehn Millionen Spendewillige. Für Astrit Adler, eine Mitarbeiterin der Ickerner Markt-Apotheke in Castrop-Rauxel, hat sich jedoch noch kein passender Spender gefunden. Die Sechsundvierzigjährige ist seit Jahresbeginn an akuter myeloischer Leukämie (AML) erkrankt und hofft nun gemeinsam mit dem Apothekenteam, dass bei einer groß angelegten Spendenaktion ein genetischer Zwilling für sie und andere Leukämiepatienten gefunden wird. Die Aktion soll zudem zeigen, wie wirkungsvoll Engagement sein kann, und Mut für die Umsetzung von Ideen machen, die über den Apothekenalltag hinausgehen.

Myeloische Leukämien

Alle Blutzellen gehen aus einer Blutstammzelle hervor, die nach ihrer Teilung zu einer lymphopoetischen und einer myelopoetischen Stammzelle heranwächst. Die lymphopoetische Stammzelle liefert T- und B-Zellen, während aus der myelopoetischen Erythrozyten, Thrombozyten, Monozyten und Granulozyten entstehen. Je nachdem welcher Ast der Weiterentwicklung von der Entartung betroffen ist, wird zwischen lymphatischer und myeloischer Leukämie unterschieden. Beide Formen können chronisch oder akut verlaufen.

Charakteristisch für die chronisch myeloische Leukämie (CML) ist ein schleichender Verlauf, mit oft milder, über Jahre bestehender Symptomatik. Leichte Allgemeinbeschwerden können auftreten. Vor allem aber vergrößern sich Milz und Leber, da sich granulopoetische Vorläuferzellen hierbei nicht nur in Blut und Knochenmark, sondern auch in den beiden Organen stark vermehren.

Bei einer AML setzt die Fehlentwicklung bereits auf der Stammzellebene ein. Die undifferenzierten Zellen teilen sich ungehemmt und drängen dabei das gesunde Knochenmark zurück. So sinkt nicht nur die Zahl gesunder weißer Blutkörperchen, sondern auch die Thrombozyten- und Erythrozytenwerte gelangen in den kritischen Bereich. Die Patienten spüren daher die gesamte Breite der Ausfallerscheinungen des Blutsystems. Unspezifische Beschwerden, etwa erhöhte Blutungsneigung, Fieber oder, wie bei Frau Adler, allgemeine Schwäche, Blässe, Luftnot beim Treppensteigen und starke Ohrgeräusche sind der Grund dafür, dass auch eine schnell voranschreitende AML nicht sofort erkannt wird.

Von Fremdspende profitieren

Ist der Patient jünger als 60 Jahre und belastbar, erhält er eine zur vollständigen Remission führende Hochdosischemotherapie, die mit einer Ganzkörperbestrahlung kombiniert werden kann. Damit er nicht an den Folgen des zerstörten Blutsystems verstirbt, erhält er neue Stammzellen per Infusion. Diese wandern von selbst aus dem Blut in die Markhöhlen der Knochen, siedeln sich dort an und bilden funktionsfähige Blutzellen. Innerhalb von drei bis sechs Wochen können sich die Blutwerte dann wieder erholen.

Es hat sich gezeigt, dass Leukämiepatienten von einer allogenen Spende, der Fremdspende, stärker profitieren, als von einer autologen, der Eigenspende. Denn fremde Stammzellen bekämpfen auf Grund ihrer nicht 100-prozentigen Übereinstimmung mit dem Empfänger noch verbleibende leukämische Zellen. Diese Transplantat-gegen-Erkrankung-Reaktion (graft-verses-disease-reaction, GVD) wird gezielt zur Bekämpfung von Leukämiezellen bei Patienten, für die eine Hochdosischemotherapie nicht infrage kommt, bei einer Minitransplantation genutzt.

Früher wurden Blutstammzellen aus dem Knochenmark unter Narkose mittels Sternalpunktion oder Beckenkammbiopsie gewonnen. Heute nutzt man die Knochenmarksspende weitaus seltener, da die Stammzellgewinnung aus dem peripheren Blut mittels Leukapherese für den Spender weniger belastend ist. Zudem spricht für eine Leukapherese, dass Stammzellen aus dem zirkulierenden Blut beim Empfänger schneller neue Blutzellen bilden.

Bevor jedoch gespendet werden kann, müssen die Leukozytenantigene (HLA) der Spenderstammzellen typisiert werden. Nur wenn die Unterschiede zwischen Spender und Empfänger minimal sind, können Abwehrreaktionen des Transplantats gegen Organe des Empfängers so gering wie möglich gehalten werden. Ist ein genetischer Zwilling gefunden, wird dieser gründlich untersucht. Er muss zwischen 18 und 60 Jahren alt sein und darf keinerlei Infektionen aufweisen. Auch wenn er zum Zeitpunkt der Spende gesund ist, gilt eine frühere Krebserkrankung als Ausschlusskriterium.

Zur Stammzellmobilisierung wird dem Spender fünf Tage vor der Leukapherese der Wachstumsfaktor G-CSF (Granulozytenkolonie-stimulierender Faktor) gegeben. Durch die gesteigerte Blutbildung können vermehrt Blutstammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übertreten, die während der etwa fünfstündigen Leukapherese von den übrigen Blutbestandteilen abgetrennt werden. Das stammzellfreie Blut wird dem Spender anschließend wieder zugeführt.

Seitdem zur Behandlung von akuten Leukämien Hochdosischemotherapie und Stammzelltransplantation miteinander kombiniert werden, haben sich die Chancen auf eine Heilung deutlich verbessert: 40 bis 60 Prozent der Patienten bleiben dauerhaft rückfallsfrei. Nun muss noch die Zahl der Spender wachsen.

 

Spendenaktion Die Ickerner Markt-Apotheke ruft am 11. September zusammen mit der Stefan-Morsch-Stiftung und dem DRK-Blutspendedienst West zum Blutspenden auf. Neben 500 ml Blut können sich alle Spender weitere 6,5 ml für das Stammzellscreening entnehmen lassen. Auch wenn die Zellmerkmale typisierter Spender nicht mit denen von Astrit Adler übereinstimmen, ist die Aufnahme in eine Stammzellspenderkartei möglich, denn sicher wartet ein anderer Leukämiepatient bereits auf genau diesen Stammzelltyp. Weitere Informationen bei Dr. Hiltrud von der Gathen oder Verena Kappen, Ickerner Markt-Apotheke, Telefon (0 23 05) 7 36 28 sowie unter www.stefan-morsch-stiftung.de.

 

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