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Vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm

04.08.2003
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SARS

Vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm

von Ullrich Mies, Vaals

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnen vor einer trügerischen Sicherheit angesichts der Erfolge bei der Bekämpfung von SARS. Das Virus könne jederzeit wieder vom Tier auf den Menschen überspringen. Und nicht nur die Lungenkrankheit bedroht die Menschheit. Die WHO befürchtet das Auftreten einer neuen, hoch infektiösen Variante des Influenzavirus, und kaum ein Land scheint für eine solche Epidemie gerüstet.

Am 5. Juli 2003 teilte die WHO mit, dass die Ausbreitung von SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome = schweres akutes Atemwegssyndrom) gestoppt wurde. Taiwan war das letzte Land, das die Infektion unter Kontrolle brachte. Bis Anfang Juli infizierten sich nach WHO-Angaben weltweit 8437 Menschen mit dem Coronavirus, 813 starben an der bislang unbekannten Lungenseuche. Ein erstes Resümee aus den Erfahrungen mit SARS zogen die Redakteure der Wissenschaftsfachzeitschrift Nature in der Ausgabe vom 10. Juli. Sie schrieben den Virologen des WHO-Influenza-Projekts unter der Leitung von Dr. Klaus Stör einen wesentlichen Anteil am Erfolg bei der SARS-Bekämpfung zu. Denn die Wissenschaftler hatten das Virus rasch identifiziert. Stör habe für eine Atmosphäre ohne die übliche wissenschaftliche Konkurrenz gesorgt. Eine weitere wichtige Maßnahme war die strikte Isolation Infizierter.

Unabhängig davon mahnt die WHO weiterhin zu äußerster Wachsamkeit, da SARS möglicherweise wie die Grippe periodisch wieder auftaucht. Das Virus könne jederzeit von seinem tierischen Wirt wieder auf Menschen überspringen. “Es ist durchaus möglich, dass wir SARS in seiner ganzen Kraft noch nicht kennen gelernt haben“, so Donald Burke, internationaler Gesundheitsexperte an der John Hopkins Universität in Baltimore. Daher fordern Experten, unbedingt weiter an Impfstoffen und Therapien gegen das SARS-Virus zu forschen. Ohne zusätzliche Studien über das Tierreservoir, von dem die SARS-Viren stammten, seien Aussagen über potenzielle Neuausbrüche unmöglich.

Hätten die Verantwortlichen in China nach dem ersten Auftreten der atypischen Lungenentzündung in der Provinz Guandong im November 2002 intensiver nachgeforscht, wäre der Erreger nie in andere Regionen gelangt. Statt dessen wurde SARS am 21. Februar 2003 von einem Arzt nach Hongkong eingeschleppt und von dort über den internationalen Luftverkehr in 30 Länder rund um die Erde verbreitet.

Netzwerk aufbauen

Nach den Erfahrungen mit SARS fordern die Experten, die Krankheitsüberwachung weltweit dringend zu verbessern, damit ungewöhnliche Erkrankungen so früh wie möglich registriert werden. Als Modell könnte das Influenza-Netzwerk dienen, das Stichproben der zirkulierenden Influenza-Viren erhebt, um gefährliche Varianten zu beobachten und die Produktion von Impfstoffen besser planen zu können.

Im Jahr 2000 gründete die WHO das Global Outbreak Alert and Response Network, das bereits in 145 Ländern arbeitet. Zurzeit koordiniert es jedoch nur die schlecht ausgestatteten nationalen Überwachungsaktivitäten. Das von Health Canada geschaffene Global Public Health Intelligence Network (GPHIN) gilt derzeit als das beste Instrument zur Aufspürung von ungewöhnlichen Krankheiten und wird seit 1997 von der WHO genutzt. Das GPHIN durchforscht das Internet auf Hinweise oder Gerüchte über auffällige neue Krankheitssymptome und geht diesen nach. Das kanadische Netz lieferte auch die ersten Hinweise auf SARS.

Influenza-Pandemie droht

Doch selbst das beste Überwachungssystem und eine schnellere Reaktion wissenschaftlicher Netzwerke sind nur einzelne Bausteine in dem Bemühen, die Ausbreitung gefährlicher Viren zu verhindern. Wissenschaftler vermuten, dass die nächste Bedrohung voraussichtlich von einer neuen, tödlichen Influenzavariante ausgehen wird. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit springt in naher Zukunft ein hoch virulenter und infektiöser Stamm vom Tier auf den Menschen über. Auf eine Influenza-Pandemie ist die Menschheit jedoch kaum vorbereitet. Eine bessere Überwachung und ausreichende Produktionskapazitäten für Impfstoffe könnten zumindest das Ausmaß der Katastrophe minimieren.

Im Gegensatz zu SARS stehen zwar gegen das Influenza-Virus theoretisch effektive Impfstoffe und Medikamente zur Verfügung. Weltweit hat jedoch ausschließlich Kanada für seine gesamte Bevölkerung ausreichende Kapazitäten zur Produktion von Influenza-Vakzinen organisiert. Die meisten Länder reagieren erschreckend gleichgültig auf das Risiko einer Grippe-Pandemie, so dass eine breite Immunisierung der Bevölkerungen unterbleibt. Zur Erinnerung: Bei der großen Grippewelle im Jahr 1918 starben bis zu 40 Millionen Menschen. Die Erfahrungen bei der Ausbreitung von SARS sollte den Verantwortlichen in den Regierungen der einzelnen Länder als Warnung dienen, bereits jetzt zu handeln und nicht erst, wenn es zu spät ist, mahnen Fachleute.

 

Quellen
SARS: What have we learned? Nature 2003, Band 424, Seite 113 und Seiten 121 bis 126
SARS: Status of the outbreak and lessons for the immediate future, WHO-Report, Genf, 20. Mai 2003
Cumulative Number of Reported Probable Cases of SARS, WHO-Bericht, Genf, 11. Juli 2003

 

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