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Weibliche Sucht ist anders

19.07.2004  00:00 Uhr

Weibliche Sucht ist anders

von Hannelore Gießen, München

Frauen werden aus anderen Gründen süchtig als Männer und brauchen deshalb eine andere Behandlung. Doch dies blieb bislang unbeachtet. Erste Ergebnisse einer geschlechtsspezifischen Betrachtung von Sucht stellten Experten beim Interdisziplinären Suchtkongress Anfang Juli in München vor.

Männer trinken sich Mut an, Frauen greifen zu Benzodiazepinen. Ganz so einfach sieht die Verteilung der Geschlechter nicht mehr aus. Immer mehr junge Frauen trinken Alkohol, wobei sie von der Industrie intensiv beworben werden, sagte Professor Dr. Henriette Walter von der Universitätsklinik Wien. Alcopops schmecken süffig und täuschen darüber hinweg, dass mit einem solchen Getränk dieselbe Alkoholmenge wie bei einem Schnaps aufgenommen wird. 18- bis 20-jährige Frauen trinken mittlerweile sogar mehr Alkohol als gleichaltrige Männer.

Dabei gehen Frauen besondere Risiken ein: Sie wiegen weniger, ihr Körper enthält weniger Flüssigkeit, so dass in ihrem Blut bei gleicher Trinkmenge deutlich mehr Alkohol kreist als bei Männern. Estrogenbedingt nehmen Frauen im Magen-Darm-Trakt mehr Alkohol auf, verfügen jedoch über weniger Alkohol-Dehydrogenase, um Ethanol abzubauen. Schon ein Liter Bier oder ein halber Liter Wein sei deshalb die „Harmlosigkeitsgrenze“, sagte Walter.

Stärkere Schäden

„Alkohol schädigt bei Frauen Leber, Gehirn und Gefäße wesentlich stärker als bei Männern und erhöht ihr Risiko, an Osteoporose zu erkranken“, warnte die Suchtmedizinerin. Zudem geraten Frauen schneller in Gefahr, alkoholanhängig zu werden. Im Durchschnitt sind Frauen schon drei Jahre nach dem ersten Alkoholmissbrauch abhängig, gut ein halbes Jahr früher als Männer. Jede zwanzigste Frau wird irgendwann im Leben abhängig von Alkohol, jede fünfte von Nikotin.

Auch die Motive für das Abgleiten in eine Sucht seien bei Frauen anders als bei Männern, ergänzte Professor Dr. Gabriele Fischer von der Suchtambulanz der Universität Wien: „Frauen rauchen eher in Situationen, in denen sie unsicher sind, und sie trinken, um depressive Gefühle in den Hintergrund zu drängen. Männer werden abhängig, weil sie einsam sind, alles für sinnlos halten oder um aggressive Antriebe zu kanalisieren.“ In einer Suchttherapie müssten die zu Grunde liegenden geschlechtsspezifischen Probleme berücksichtigt werden.

Wenig Unterstützung

Suchtkranke Frauen suchen nur selten ärztliche Hilfe. Tun sie es schließlich doch, finden sie bei einer Entwöhnungstherapie oft wenig Unterstützung bei ihrem Partner, der nicht selten ebenfalls abhängig ist. „Wir beziehen deshalb die Kinder und, wenn möglich, die Eltern der Patientin in die Therapie mit ein“, berichtete Walter.

Suchtkranke Frauen stoßen in der Gesellschaft auf noch weniger Verständnis als Männer. Fischer sieht dies in gesellschaftlichen Strukturen und dem tradierten Rollenbild begründet, nach dem von Frauen Anpassung und Unauffälligkeit erwartet wird.

Spezifische Arzneimittelstudien

Wesentlich mehr Frauen als Männer greifen zu Medikamenten, doch es gibt kaum geschlechtsspezifische Untersuchungen zu Wirkung und Verträglichkeit. An Phase-II- und III-Studien nehmen fast ausschließlich männliche Probanden teil. Auch für Acamprostat, einem Medikament zur Behandlung von Alkoholabhängigen, wurde noch nicht systematisch untersucht, wie es betroffenen Frauen hilft. Viele Frauen leiden neben der Sucht noch an weiteren psychiatrischen Erkrankungen wie Ängsten oder Depressionen. Für Antidepressiva, die ein facettenreiches Wirkprofil, aber auch viele unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufweisen, gebe es noch kaum geschlechtsspezifische Untersuchungen, sagte Fischer. Bisher existieren nur zwei Studien, die darauf hinweisen, dass junge Frauen eher auf selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ansprechen, Frauen in der zweiten Lebenshälfte und Männer besser auf Trizyklika.

„Es ist höchste Zeit, dass wir die UN-Konvention zum Gender Mainstreaming umsetzen. Geschlechtsspezifische Medizin beschränkt sich bisher auf Wechseljahrsprobleme und Potenzstörungen,“ kritisierte die Wiener Psychiaterin. „Wir brauchen jedoch in allen Sparten gezielte Untersuchungen, weshalb Frauen und Männer krank werden und wie ihnen geholfen werden kann.“

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