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Legionärskrankheit in Südspanien

16.07.2001  00:00 Uhr

Legionärskrankheit in Südspanien

dpa/PZ  In der spanischen Stadt Murcia sind inzwischen 470 Menschen an einer Lungenentzündung erkrankt. Ursache sind vermutlich Legionellen. Möglicher Infektionsherd sind die Klimaanlagen von vier Gebäuden im Zentrum Murcias, darunter das größte Kaufhaus der 330 000 Einwohner zählenden Stadt. Sichere Beweise dafür gibt es aber noch nicht.

Nach den offiziellen Angaben hatte sich die Zahl der Betroffenen letzte Woche innerhalb von 24 Stunden verdoppelt, teilte der Gesundheitsminister der Region, Francisco Marques mit. Rund 200 Menschen liegen bislang in Krankenhäusern, zwölf von ihnen auf der Intensivstation. Ein 65-jähriger Patient starb bereits an einer Lungenentzündung, die vermutlich von den Erregern der Legionärskrankheit ausgelöst wurde.

Für die meisten humanen Legionellosen ist das Bakterium Legionella pneumophila verantwortlich. Der Erreger ist noch nicht sehr lange bekannt. Erst 1976 wurde er als Auslöser einer Epidemie während eines Kongresses amerikanischer Legionäre entdeckt, daher der Name. Die Bakterien sind nur schwer anfärbbar und wachsen nicht in normalen Medien. Daher müssen für ihre Kultur Spezialmedien eingesetzt werden.

Zwei verschiedene Formen

Zwei klinisch unterschiedliche Formen der Legionellose sind bekannt: die mit einer Pneumonie einhergehende Legionärskrankheit sowie das nicht pneumonische Pontiac-Fieber. Die Inkubationszeit der Legionärskrankheit beträgt zwei bis zehn Tage. Danach entwickeln die Patienten eine multifokale, nekrotisierende Pneumonie. Die Sterblichkeitsrate ist hoch: Mikrobiologie-Bücher geben sie mit 20 Prozent an. Besonders gefährdet sind Personen mit kardiopulmonalen Grundleiden und allgemeiner Abwehrschwäche.

Das sehr seltene Pontiac-Fieber hat eine Inkubationszeit von nur ein bis zwei Tagen. Es wird als nicht pneumonische, fieberhafte und selbst limitierende Erkrankung beschrieben.

Wie derzeit in Spanien, können Legionellosen sporadisch und epidemisch auftreten. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch hat bislang jedoch niemand beobachtet. Als Antibiotika der Wahl gelten Makrolide.

Das natürliche Habitat der Legionellen sind Feuchtbiotope, Infektionen entstehen durch erregerhaltige Tröpfchen. Als Infektionsquellen gelten Warm- und Kaltwassersysteme, Kühltürme und Befeuchter von Klimaanlagen sowie Sprudelbäder. Legionellen tolerieren Wassertemperaturen von bis zu 50 °C, erst kurzfristiges Erhitzen des Wassers auf 70 °C tötet sie ab.

Klimaanlagen als Keimschleudern

Klimaanlagen werden als Quelle von Krankheitskeimen nach Ansicht des Bonner Mediziners Professor Dr. Martin Exner auch in Deutschland oft unterschätzt. Dabei könnten Belüftungssysteme nicht nur die Erreger der Legionärskrankheit verbreiten, wie jetzt vermutlich in Spanien geschehen, warnte der Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn in einem dpa-Gespräch.

"Schlecht gewartete Klimaanlagen könnten auch zum so genannten Sick-Building-Syndrome führen", sagte Exner. Für diese in Gebäuden auftretende unspezifische Krankheit, die sich unter anderem durch Kopfschmerzen und ständige Abgeschlagenheit äußert, würden auch Mikroorganismen verantwortlich gemacht. Diese könnten über die Klimaanlage gestreut werden. Ungünstige Luftströmungen würden zusätzlich Keime im Raum verteilen, die nicht aus dem Lüftungssystem selbst stammen, etwa Erkältungsviren oder Tuberkulose-Bakterien.

Selten sorgfältig gewartet

Filter, die Bakterien "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" zurückhalten könnten, seien nur in Krankenhäusern ausnahmslos Standard. Auch bei Belüftungssystemen von Bürogebäuden und Kaufhäusern sollten die Kühlaggregate und die Luftkanäle regelmäßig gewartet und gereinigt werden, empfahl Exner.

Vor allem die Kühlaggregate würden in Deutschland meist nicht systematisch untersucht. "Das sehe ich als gravierenden Missstand", sagte der Wissenschaftler. "Wir wissen, dass diese so genannten Rückkühlwerke im Sommer auch in Deutschland teilweise deutlich mit Legionellen belastet sein können."

Dass sich die Legionellen über Klimaanlagen in den Hotels von Murcia verbreitete haben, bestreitet der Verein zur Förderung der Hotels in Murcia. Die Klimaanlagen der Hotels im Zentrum der Stadt seien von einem anderen Typ als diejenigen, in denen sich die Legionellen entwickeln und vermehren können, sagte der Vorsitzende des Vereins, Angel Ramos.

Die Legionärskrankheit ist auch in Deutschland weit verbreitet. Bundesweit stecken sich jährlich nach Schätzungen des Berliner Robert-Koch-Instituts 6.000 bis 10.000 Menschen damit an.

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