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Schlafstörungen erhöhen Unfallrisiko

03.07.2000
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-MedizinGovi-Verlag

Schlafstörungen erhöhen Unfallrisiko

von Helga Vollmer, München

Gesunder und ausreichender Schlaf induziert Leistung und Wohlbefinden. Doch rund 20 bis 30 Prozent der Erwachsenen und noch mehr Kinder (bis 37 Prozent) leiden unter massiven Ein- und Durchschlafstörungen. Obwohl die meisten Betroffenen eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben, sucht nur ein Drittel von ihnen gezielte Hilfe beim Arzt, und nur die Hälfte wird adäquat behandelt. Um Bevölkerung und Ärzte stärker für das Problem Schlafstörungen zu sensibilisieren, fand am 21. Juni 2000 erstmals die Aktion "Tag des Schlafes" statt.

Der Schlaf ist ein hochaktiver, sich ständig ändernder, vor allem jedoch lebensnotwendiger Prozess, erklärte Privatdozent Dr. Dr. Jürgen Zulley von der Psychiatrischen Klinik der Universität Regensburg. Gestörter oder nicht ausreichender Schlaf führt zu Tagesmüdigkeit, Übermüdung, geringerer Arbeitsproduktivität, erhöhter Morbidität und Mortalität. Beispielsweise leiden Menschen mit chronischer Übermüdung viermal häufiger an Depressionen. Insomniepatienten kommen schlechter mit Stress zurecht – was sich wiederum negativ auf den Schlaf auswirkt – haben Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und sich zu konzentrieren. Übermüdung hat fatale Folgen: Unfälle wie der des Challenger-Raumschiffes 1986, Reaktorunfälle wie in Tschernobyl und Harrisburg, das Tankerunglück der Exxon Valdez oder kürzlich der Absturz der schweizerischen Crossair.

Eine amerikanische Studie wies nach, dass 77 Prozent der Unfälle in der Luftfahrt und 52 Prozent in der Energieindustrie auf Übermüdung zurückzuführen sind. In Deutschland ist die Ursache von 24 Prozent aller Verkehrsunfälle Einschlafen am Steuer. Allein die finanziellen Folgen übermüdungsbedingter Unfälle belaufen sich auf jährlich rund 20 Milliarden DM.

Gestörter Schlaf kann sich in Einschlaf- (am häufigsten) und Durchschlafstörungen äußern, aber auch in vermehrtem Schlafbedürfnis in der Nacht und vermehrter Einschlafneigung am Tag. Insomnie wurde lange als unspezifische Befindlichkeitsstörungen bewertet, bis Schlafmediziner die Gefahren gestörten Schlafs für Individuum und Gesellschaft entdeckten, erklärte Privatdozent Dr. Geert Mayer von der Neurolgischen Klinik Hephata, Schwalmstadt-Treysa.

Inzwischen wurden 88 verschiedene Schlafstörungen klassifiziert, wobei 20 bis 30 Prozent der Patienten an Insomnie leiden. Über die Hälfte der Schlaf-Wach-Gestörten haben zwei oder mehr Gesundheitsproblme: die American Cancer Society stellte fest, dass Schlafgestörte gehäuft unter koronarer Herzerkrankung, Schlaganfall und Krebs leiden. Umgekehrt sind Erkrankungen wie Depressionen, Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfall und Diabetes gerade bei älteren Patienten ein Risiko für Insomnien. Bis zu 70 Prozent der Depressiven leiden unter Schlafstörungen. Insomnie ist häufig auch die Ursache für Alkoholabusus: Die Zahl der Alkoholkranken ist bei Schlafgestörten doppelt so hoch wie bei gesunden Schläfern. Die Dauer des Schlafes, der deutsche Durchschnitt liegt bei sieben Stunden, 14 Minuten, ist ein starker Prädikator für Mortalität: Weniger als sechs Stunden Schlaf über längere Zeit hat eine 30 Prozent höhere Todesrate zur Folge als Schlaf zwischen sieben und acht Stunden.

Was kann man tun gegen Schlafstörungen? Mechanische, verhaltenstherapeutische, pharmakologische und endokrinologische Interventionsmethoden stehen zur Verfügung. Von den Schlafexperten wird eine "Schlaforganisation" empfohlen, wobei eine qualifizierte Diagnostik die Voraussetzung für eine adäquate Behandlung ist. Dabei spielen Alter, genetische Disposition sowie (Arbeits-) Gewohnheiten (zum Beispiel bei Schichtarbeitern, Flugpersonal‚ Ärzten et cetera) des Patienten eine Rolle. Außerdem muss der Arzt herausfinden, ob es sich um eine organisch bedingte (z.B. durch Asthma) oder nicht organisch bedingte Insomnie handelt. Erkrankungen wie Fatigue, das Restless-Legs-Syndrom, Schlafapnoe, Narkolepsie oder idiopathische Hypersomnie müssen gezielt therapiert werden. Bei der medikamentösen Therapie hat sich die "Bedarfstherapie" als erfoglreich erwiesen: zum Beispiel drei Wochen lang jeweils drei bis fünf Tabletten mit 10 mg Zolpidem zusammen mit einer verhaltenstherapeutischen Stimuluskontrolle.

Der Patient selbst hat für die Schlafhygiene sorgen: Zum Beispiel nur bei Müdigkeit und nicht "weil’s Zeit ist" ins Bett gehen, dort weder essen, noch lesen, noch fernsehen; für eine interne und externe Temeperaturregelung zu sorgen (unter anderem für warme Füsse), Entspannungsübungen praktizieren, jeden Tag um die gleiche Zeit aufstehen. Wer nachts wach liegt, sollte aufstehen und sich nicht schlaflos im Bett wälzen; dafür tagsüber nicht schlafen, sondern etwas Sport treiben, um nachts wieder besser schlafen zu können.

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