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Viel häufiger als vermutet

17.06.2002  00:00 Uhr

Hypertonie und Diabetes

Viel häufiger als vermutet

von Brigitte M. Gensthaler, München

Jeder fünfte Patient in einer Hausarztpraxis leidet an Diabetes mellitus und rund 40 Prozent an Hypertonie. Jeder zehnte Patient ist von beiden Krankheiten betroffen. Dies sind zentrale Ergebnisse der bundesweiten epidemiologischen HYDRA-Studie.

Die "Hypertension and Diabetes Risk Screening and Awareness Study" ist die weltweit größte Studie im Hausarztbereich, die Menschen mit Diabetes, Hypertonie und Folgeerkrankungen erfasst, stellte Projektleiter Professor Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Dresden/München, bei der Präsentation der Daten in München fest. 45 125 Patienten aus 1912 Arztpraxen nahmen an der Stichtagserhebung teil. Dazu wurden am 18. und 20. September vergangenen Jahres die Hausärzte sowie deren Patienten befragt und ein Laborstatus erhoben.

Das von Sanofi-Synthelabo, Berlin, unterstützte Public Health Projekt soll die Datenlage für Disease-Management-Programme (DMP) verbessern, erklärte Professor Dr. Burkard Göke, München. Bislang sei die Basis der DMPs "sehr rudimentär".

Hypertoniker schlecht versorgt

Die Häufigkeit beider Erkrankungen wurde bislang drastisch unterschätzt, berichtete Professor Dr. Dr. Wilhelm Kirch, Dresden. 43 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen litten an Hypertonie, 18 respektive 14 Prozent hatten einen Diabetes mellitus. Bei den über 60-Jährigen lag die Diabetesrate bei 30 Prozent. Wenn beide Erkrankungen im Verbund auftreten wie bei jedem 10. Patient, steigt auch das Risiko einer Multimorbidität drastisch an. Jeder Dritte hatte zwei oder drei Zusatzdiagnosen.

Erschreckend schlecht ist die Versorgung der Hypertoniker, obwohl mehr als 60 Prozent der Ärzte meinen, den Blutdruck ihrer Patienten gut zu kontrollieren. Jeder vierte Patient, der am Stichtag einen zu hohen Blutdruck zeigte, hatte bis dahin keine entsprechende Diagnose und damit auch keine Therapie erhalten. Zwei Drittel der behandelten Patienten weisen nach wie vor einen zu hohen Blutdruck auf, nur bei einem Drittel wurden normotone Werte gemessen.

Auf Nierenschäden achten

Ein Frühwarnzeichen für Gefäßschäden ist die Mikroalbuminurie, die durch eine geringe Albuminausscheidung im Urin zwischen 20 und 200 mg/min gekennzeichnet ist. Sie zeigt eine beginnende diabetische Nephropathie und makrovaskuläre Erkrankungen an und gilt als Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse. "Patienten mit Mikroalbuminurie brauchen eine vorzügliche Blutzucker- und Blutdruckeinstellung", mahnte Dr. Ralf Dikow, Heidelberg. Ziel sei es, das Fortschreiten der Nephropathie bis zur Dialysepflicht hinauszuzögern.

Obwohl der Urintest nicht teuer ist, wird der Marker viel zu selten gemessen. Die Hälfte der befragten Ärzte gab an, "nie oder nur selten" auf Albuminausscheidung zu testen. Am HYDRA-Stichtag wurden alle Patienten überprüft - jeder Fünfte mit positivem Resultat. Bei den Hochrisikopatienten - hypertone Diabetiker - hatte sogar jeder Dritte Eiweißspuren im Harn. Bei Patienten über 60 Jahren, mit hohem Blutdruck oder Retinopathie ist die Mikroalbuminurie noch häufiger.

Zwei positive Befunde innerhalb von vier Wochen sind nötig für eine sichere Diagnose, erklärte Dikow. Er empfahl, Typ-2-Diabetiker nach Diagnosestellung regelmäßig alle drei Monate zu testen und die Therapie nicht nur an Blutdruck- und Blutzuckerwerten, sondern auch an der Mikroalbuminurie auszurichten. Medikamente, die das Fortschreiten der Nierenschäden verzögern können wie ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten, sollten häufiger eingesetzt werden, mahnten die Experten.

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