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Herausforderung Osteuropa

26.04.2004
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Aktionsbündnis gegen Aids

Herausforderung Osteuropa

von Conny Becker, Berlin

Auch wenn sich bereits viele – von Musikstars bis hin zu großen Industriefirmen – für Aids-Projekte engagieren, so ist doch noch viel zu tun. Das Aktionsbündnis gegen Aids fordert vor allem die Bundesregierung auf, sich verstärkt zu engagieren, gerade auch im Hinblick auf die Besorgnis erregende Situation in Osteuropa.

Mittlerweile sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert, was in etwa der Hälfte der deutschen Bevölkerung entspricht. Um die Verbreitung von HIV-Infektionen und Aids bis 2015 zu stoppen, wie es sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt haben, muss noch viel passieren. Vor allem sind finanzielle Mittel für die vielen geplanten Projekte dringend erforderlich.

Zum Spenden rufen zunehmend Prominente auf, wie etwa vergangene Woche Herbert Grönemeyer und sein irischer Künstlerkollege Bono, die nach prägenden Besuchen in Afrika humanitäre Projekte unterstützen und medienwirksam für Mithilfe werben. Daneben haben auch Unternehmen eigene Projekte gegen Aids angestoßen, weniger aus Mitleid oder Nächstenliebe als vielmehr aus der Notwendigkeit heraus, ihre Mitarbeiter zu schützen - was ihr Engagement jedoch nicht schmälert. Viele in Afrika ansässige Firmen sahen sich mit einem enormen Schwund ihrer Arbeitskräfte konfrontiert, woraufhin sich die „Global Business Coalition on Aids“ (GBC) bildete. Die Mitglieder des Anti-Aids-Bündnisses, dem sich inzwischen rund 140 Unternehmen angeschlossen haben, sorgen zum Beispiel für die freie Ausgabe antiretroviral wirkender Medikamente an ihre Mitarbeiter und deren Familien und klären verstärkt über die Viruserkrankung und ihre Prävention auf.

Geld fehlt

Für diese Arbeit wurden vergangene Woche in Berlin fünf Unternehmen ausgezeichnet, darunter auch Siemens. Gastredner auf der Veranstaltung war Bundeskanzler Gerhard Schröder, der in seiner Rede auf eine verstärkte Aids-Politik der Regierung hinwies. So stelle das Entwicklungsministerium jährlich 300 Millionen Euro für die weltweite Bekämpfung der Infektionskrankheit bereit. Diese Zahlen zweifeln Organisationen wie das Aktionsbündnis gegen Aids oder Ärzte ohne Grenzen allerdings an. So rechne die Regierung zum Beispiel alle Zahlungen an den Global Fund, eine Initiative von Regierungen, Organisationen und Unternehmen zur Vorbeugung und Behandlung von Aids, Tuberkulose und Malaria, zu den finanziellen Leistungen. Die unabhängige Organisation finanziert jedoch nur zu 60 Prozent Projekte gegen HIV/Aids. Die restlichen 40 Prozent fließen in die Bekämpfung von Tuberkulose und Malaria. Darüber hinaus sind sie deutschen Zahlungen an den Global Fund bisher noch recht spärlich – von den bis 2007 zugesagten 300 Millionen Euro gingen, bedingt durch den kränkelnden Bundeshaushalt, seit 2002 erst 61 Millionen ein. Und auch die deutsche Industrie zahlte bislang lediglich 15.000 Euro in den Global Fund ein, der sich momentan zu 4 Prozent durch Privatunternehmen und zu 96 Prozent aus Regierungs- und Organisationsgeldern finanziert.

Derzeit sind die Infektionszahlen außer in Afrika vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion Besorgnis erregend hoch. Trotzdem laufen hier nur 16 der weltweit 227 Projekte des Global Fund. Grund dafür ist zum einen, dass die unterstützten Organisationen seriös sein müssen, was in Ländern mit verbreiteter Korruption nicht immer gegeben ist. Zum andern gelten die Fördermaßnahmen nur für Staaten mit geringem oder unterem mittleren Einkommen, wozu etwa die baltischen Staaten nicht zählen, in denen die Infektionszahlen ebenfalls drastisch gestiegen sind. Bald stehen diesen jedoch entsprechende EU-Gelder offen.

Tabuisiert

Benötigt werden finanzielle Mittel vor allem in Polen und Rumänien, wo von 22 Millionen Einwohnern offiziell 12.000, nach Schätzungen jedoch 40.000 Menschen mit dem Virus leben und ein hoher Aufklärungsbedarf besteht. „In den EU-Beitrittsländern ist die Lage noch verhältnismäßig wenig dramatisch“, sagte Frieder Alberth, Osteuropaexperte des Aktionsbündnisses gegen Aids in einer Pressekonferenz in Berlin. In den künftigen EU-Anrainerstaaten sei sie allerdings erschreckend: In der Ukraine mit 49 Millionen Einwohnern seien 60.000 Menschen offiziell als infiziert gemeldet (Deutschland: 43.000). Die tatsächliche Zahl schätzen verschiedene Hilfsorganisationen jedoch auf acht- bis zehnmal höher. „Bereits 3 bis 4 Prozent der 16- bis 28-Jährigen sind infiziert“, sagte Alberth. Denn die Erkrankung wird in der Ukraine stark tabuisiert, da sie immer noch hauptsächlich gesellschaftliche Randgruppen wie Drogenabhängige, Gefängnisinsassen und homosexuelle Männer trifft. In Russland betrage der Anteil der Drogenabhängigen unter den rund eine Million Betroffenen sogar 80 bis 90 Prozent, weshalb sich die Regierung schwer tue, Hilfsprojekte zu starten. Und das, obwohl die beiden Länder laut WHO die höchsten Neuinfektionsraten aufweisen. Um diese unpopuläre Spitzenposition künftig abzugeben, senkten beide Staaten laut Alberth im vergangenen Jahr die finanziellen Mittel für HIV-Tests – denn ohne Antikörpernachweis kein positiver Befund.

Gerade die deutsche Regierung, die auf über 20 Jahre erfolgreiche Präventions- und Aufklärungsarbeit zurückblicken kann, sollte in Osteuropa nach Ansicht des Experten aktiv werden. Derzeit sei jedoch nicht geklärt, welches Ministerium zuständig ist, schließlich handelt es sich hier nicht um Entwicklungsländer. Infrage kommen das Bundesministerium für Gesundheit und Soziales, aber auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Derartige organisatorische Fragen dürften aber nicht vom Handeln abhalten. Neben dem Know-how-Transfer und entsprechenden Förderprogrammen sollte die Regierung auch den jährlichen finanziellen Beitrag für den Kampf gegen Aids erhöhen, so der Appell des Aktionsbündnisses gegen Aids.

  Aids-Medikamente für Arme Die medikamentöse Aids-Therapie wird immer besser, ist jedoch nicht jedem zugänglich. So benötigen laut WHO-Angaben etwa sechs Millionen Menschen in Entwicklungsländern die antiretroviralen Mittel, derzeit erhalten sie aber nur 400.000. Ziel der auch vom Global Fund unterstützten WHO-Initiative „3 by 5“ ist es, bis Ende 2005 drei Millionen dieser Bedürftigen mit Aids-Medikamenten zu versorgen.

Dafür ist es nötig, günstig Medikamente zu beziehen. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission kostet die antiretrovirale Therapie in Deutschland pro Patient jährlich etwa 14.000 US-Dollar. Einige Pharmahersteller reduzierten jedoch die Preise für Entwicklungsländer auf rund 800 US-Dollar pro Jahr, entsprechende Medikamente sind jedoch häufig schwer zu beziehen. Viermal so günstig wird eine Behandlung darüber hinaus, wenn statt der Originalpräparate Generika etwa aus Indien eingesetzt werden. Vorteile bringen diese für die Patienten auch dadurch, dass drei Monosubstanzen von unterschiedlichen Herstellern in einer Kapsel vereint sind, die nur morgens und abends einmal zu schlucken ist.

Die Generikaproduktion könnte ab 2005 jedoch erschwert werden. Denn dann gilt das TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) über „handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums“ auch in Entwicklungsländern, die bisher den Vertrag noch nicht implementieren mussten. Dieser besagt, dass jede Neuerfindung einen Patentschutz von 20 Jahren erhält, was auch für Medikamente gilt. Das Abkommen gewährt allen WTO-Ländern jedoch die Möglichkeit, in Notsituationen mit Zwangslizenzen patentgeschützte Arzneimittel im eigenen Land herzustellen. Der Export ist allerdings verboten. Daher profitieren ab 2005 von diesen Zwangslizenzen vor allem Länder, die eine eigene Pharmaindustrie besitzen.

Seit kurzem können Staaten für ihre Einwohner Aidstherapien von unter 140 US-Dollar pro Jahr erhalten. Diesen stark reduzierten Preis hat die Clinton-Stiftung mit Generikaherstellern ausgehandelt, unterstützt wird die Initiative unter anderem vom Gobal Fund. Bisher gilt dieses Abkommen jedoch nur für die First-line-Behandlung. Treten Resistenzen auf, erhöhen sich die Preise um das 10- bis 20fache, denn in der Second Line existieren kaum Generika. Es bleibt fraglich, in welchem Ausmaß Entwicklungsländer ab 2005 von den Zwangslizenzen Gebrauch machen können.

 

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