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Schützt Dreck doch nicht vor Allergien?

12.04.2004
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Schützt Dreck doch nicht vor Allergien?

von Hannelore Gießen, München

Je sauberer das Umfeld ist, in dem Kinder aufwachsen, desto häufiger entwickeln sie Allergien. So lautet die gängige „Hygiene-Hypothese“. Neue Daten stellen diese jedoch in Frage.

Allergien haben sich in den letzten Jahren zu einer modernen Epidemie entwickelt. Eine Erklärung für die rasante Zunahme liefert die „Hygiene-Hypothese“: Weil Infektionskrankheiten und Parasiten selten geworden sind, ist die körpereigene Abwehr unterfordert. Aus „Langeweile“ attackiert sie harmlose Birkenpollen oder Katzenhaare. Dass die Hygiene tatsächlich einen Einfluss auf das Allergierisiko hat, zeigen verschiedene epidemiologische Studien, die beispielsweise Stadtkinder mit Kindern verglichen, die auf einem Bauernhof aufwuchsen. Die Ursache wird in der unterschiedlichen Entwicklung der T-Helfer-Zellen während der prägenden Phase in den ersten Lebensjahren angesehen. Sind Kinder zahlreichen pathogenen Erregern ausgesetzt, bilden sie besonders viele T-Helferzellen vom Typ 1 (TH1). Die von diesen freigesetzten Botenstoffe schützen vor allergischem Asthma, indem sie die TH2-Antwort unterdrücken. Die von T-Helferzellen-2 freigesetzten Zytokine spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Allergien.

Asthmasymptome durch Infektion

Im März berichteten Wissenschaftler der Stanford University Medical School in „Nature Immunology“ (Band 5, Nr. 3, Seite 337 - 343), dass der vermutete Zusammenhang zwischen Infektionen und Allergierisiko zumindest für Influenza A nicht zutrifft: Ein vorangegangener Kontakt mit dem Virus förderte eher das Ausbrechen allergischer Symptome, als dass es sie verhinderte.

David Lewis und seine Kollegen von der Stanford University Medical School überprüften die bereits 1980 aufgestellte Hygiene-Hypothese in einem Mausmodell. Sie infizierten die Tiere mit Influenza-A-Viren, ließen die Infektion abklingen und sensibilisierten die Mäuse dann mit einem Allergen. Anschließend lösten die Wissenschaftler durch Provokationstests mit dem gleichen Allergen eine allergische Reaktion aus, wobei sich zeigte, dass eine überstandene Influenza-Infektion – anders als erwartet – Asthma-Symptome, wie eine übererregbare Bronchialschleimhaut, verstärkte.

Verantwortlich hierfür waren die an der unspezifischen Immunabwehr beteiligten Dentritischen Zellen, die die Forscher im Lungengewebe der Mäuse fanden. Diese hatten sowohl TH1- als auch TH2-Zellen aktiviert. Hierfür war anscheinend der von der TH1-Zellen gebildete Immunmodulator Interferon-Gamma (IFN-g) verantwortlich, der während der Virusinfektion gebildet worden war. Er verstärkte die TH2-Zell-Antwort, statt sie wie erwartet zu unterdrücken.

Um herauszufinden, ob die durch die Influenza-Infektion ausgelöste Immunreaktion der TH1-Zellen auch zu einer verstärkten TH2-Antwort beitrug, gaben die Wissenschaftler den Mäusen nach der Infektion monoklonale Antikörper, die IFN-g neutralisierten. Wurde der Botenstoff abgefangen, verminderten sich die Asthma-Symptome bei den Mäusen, die zuvor mit Influenza infiziert worden waren, nicht jedoch bei der Kontrollgruppe. IFN-g trug also zu einer verstärkten Entzündungsreaktion des Lungengewebes nur bei, wenn zuvor die Virusinfektion abgelaufen war.

Sollte sich herausstellen, dass auch andere Viren ähnliche Effekte hervorrufen, müsse die Hygiene-Hypothese neu überdacht werden, schreiben die Autoren in der Nature-Veröffentlichung. Doch andere Wissenschaftler kritisieren diese .Schlussfolgerung. So merkt etwa Barton Lambrecht vom Erasmus Medical Center in Rotterdam an, dass die Ergebnisse der Untersuchungen ihn nicht überraschten. Sowohl klinische als auch epidemiologische Studien hätten gezeigt, dass respiratorisch erworbene Infektionen wie die Grippe, die Entstehung von Asthma begünstigen können. Würden die Stanforder Wissenschaftler ihre Untersuchungen mit einem gastrointestinalen Virus wie Hepatitis A wiederholen, erhielten sie vermutlich ganz andere Ergebnisse. Die Hygiene-Hypothese geriete durch die Studie nicht ins Wanken, sagte Lambrecht.

 

Die Prägung der T-Helferzellen Nach einem ersten Kontakt mit unterschiedlichen Antigenen wie Bakterien, Pilzen, Protozoen oder Pollen nehmen T-Helferzellen Kontakt mit Makrophagen, natürlichen Killerzellen und Mastzellen auf. Dabei werden unterschiedliche Botenstoffe wie Interleukine und Interferone aktiv, die die weitere Immunreaktion entscheidend beeinflussen: Je nachdem, welches Zytokinmilieu vorherrscht, wird aus der noch ungeprägten T-Helfer-0-Zelle (TH0) entweder eine TH1- oder eine TH2-Zelle. Die beiden Untergruppen der T-Lymphocyten unterscheiden sich vor allem durch ihre Botenstoffe, mit der sie einzelne Schritte im komplexen Zusammenspiel der Immunabwehr in Gang setzen.

TH1-Zellen sezernieren überwiegend Interleukin-2, Interferon-gamma und Tumornekrosefaktor-beta. TH2-Zellen bilden bevorzugt andere Interleukine und aktivieren B-Lymphocyten zur Produktion von Antikörpern. Dabei hemmt die eine T-Zellgruppe die jeweils andere durch ihre eigenen Zytokine. Nach bisherigem Kenntnisstand vermitteln TH-2 Zytokine allergische Reaktionen, die durch von der TH1-Zelle gebildeten Zytokine wie Interferon-gamma antagonisiert werden.

 

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