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Schlafstörungen oft nicht erkannt

12.02.2001  00:00 Uhr

Schlafstörungen oft nicht erkannt

von Gertrude Mevissen, München

Die weltweit größte Schlafforschungsstudie bringt es ans Licht: Jeder zweite Patient, der in Deutschland eine Hausarztpraxis aufsucht, leidet unter Schlafbeschwerden, jeder vierte an dauerhaften Schlafstörungen. Zudem ist die Dunkelziffer nicht erkannter und unbehandelter Schlafstörungen in Hausarztpraxen hoch.

Die Daten der NISAS 2000 (NISAS = Nationwide Insomnia Screening and Awareness Study) wurden am Studientag, dem 11. Juli 2000, in bundesweit über 539 Allgemeinarztpraxen ermittelt. Ziel der Studie war es, herauszufinden, inwieweit Schlafstörungen von Hausärzten diagnostiziert werden und wie sie in der Praxis behandelt werden. Rund 20 000 Patienten wurden dazu innerhalb eines Tages befragt. Ihre Selbsteinschätzung zum Schlafverhalten wurde anschließend mit der ärztlichen Beurteilung verglichen. Anfang Februar stellte Studienleiter Professor Dr. Hans-Ulrich Wittchen die Ergebnisse der gemeinsam vom MPI München und der TU Dresden initiierten Studie im Münchner Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie vor.

 Danach erfüllten 26,5 Prozent aller Patienten die Diagnosekriterien für primäre Insomnie (DSM-IV, siehe Kasten). Unerwartet hoch war dabei der Anteil der 16- bis 19-Jährigen (22,1 Prozent). Frauen waren von Insomnien stärker betroffen als Männer (29,7 versus 21,8 Prozent). Mehr als zwei Drittel der Befragten litten am Studientag seit mehr als einem Jahr unter Schlafbeschwerden. 40 Prozent hätten sogar fast jede Nacht wach gelegen.

Bei Insomnien handele es sich daher nicht um seltene Bagatellerkrankungen, betonte Wittchen. Durchwachte Nächte könnten dramatische Folgen auf das soziale und berufliche Leben haben. Professor Dr. Göran Hajak von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg brachte die Datenlage so auf den Punkt: "Schlafgestörte haben ein fünffach höheres Risiko, im nächsten Jahr eine Depression zu entwickeln, ein fünffach höheres Risiko, einen Unfall zu verursachen und ein X-fach erhöhtes Risiko, in den nächsten zehn Jahren berufsunfähig zu werden."

Schlechte Noten erhielten die Hausärzte in puncto Differentialdiagnostik: Bei jedem dritten Patienten mit Schlafbeschwerden erkannten sie zwar eine klinisch relevante Schlafstörung. Doch lagen ihre Trefferquoten innerhalb der diagnostizierten Patienten für Insomnie (54 Prozent) und andere Schlafstörungen (26,9 Prozent) vergleichsweise niedrig. Durch das Netz der hausärztlichen Diagnose fielen vor allem jüngere und männliche Patienten.

Nach den vorliegenden Ergebnissen schätzen Ärzte ihre eigenen diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten bei Schlafstörungen eher kritisch ein; jeder zweite fühlte sich sogar überfordert. Wittchen verwies darauf, dass die Behandlung Schlafgestörter für viele eine "zeitaufwendige Beschäftigung" bedeute, für die bei "durchschnittlich 60 Patienten am Tag" keine Zeit sei.

Trotz dieser Engpässe wurden Schlaf-Patienten von den Ärzten größtenteils in eigener Regie behandelt. Die Pharmakotherapie mit pflanzlichen Präparaten rangiert in der Beliebtheitsskala ganz oben (50 Prozent). In der medikamentösen Therapie differenzieren Ärzte offenbar wenig zwischen den herkömmlichen Benzodiazepinen (Verordnungsanteil 23 Prozent) und den neueren Hypnotika (17 Prozent).

 

Diagnosekriterien für primäre Insomnie

  • Die Beschwerden bestehen in Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten oder nicht erholsamem Schlaf für mindestens einen Monat.
  • Die Schlafstörung oder die sich daraus ergebende Tagesmüdigkeit führen zu Beeinträchtigungen im privaten und beruflichen Leben.
  • Die Schlafstörungen sind nicht ausschließlich auf atmungsgebundene Schlafstörungen (Apnoe), Narkolepsien, Parasomnien (zum Beispiel Alpträume, Schlafwandeln) oder auf eine Störung im zirkadianen Rhythmus (Jet Lag, Schichtarbeit, verzögerte Schlafphase) zurückzuführen.
  • Die Schlafstörung ist nicht primär die Folge einer psychiatrischen Erkrankung (Major Depression, Angststörungen, Delirium).
  • Die Schlafstörung ist nicht substanzinduziert (Droge, Medikament) oder auf eine Erkrankung zurückzuführen.

nach "Diagnostic and Statistical Manual" - DSM-IV

 

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