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Neue Allianz für psychisch Kranke

29.12.2003
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Neue Allianz für psychisch Kranke

von Gudrun Heyn, Berlin

Hausärzte sind die erste Anlaufstelle für psychisch Kranke. Doch die Mediziner sind auf diesem Gebiet häufig nur unzureichend ausgebildet. Um die Kompetenz der Hausärzte und die Versorgungssituation psychisch Erkrankter zu verbessern, haben sich der Aktionskreis Psychiatrie (AKP) und der Deutsche Hausärzteverband e. V. auf Bundesebene zu einer strategischen Allianz zusammengeschlossen.

„Im Mittelpunkt der Kooperation steht das Ziel, die Diagnose- und Therapiekompetenz des Hausarztes bei psychischen Erkrankungen weiter auszubauen“, sagte Professor Dr. Hanns Hippius vom Aktionskreis Psychiatrie auf einer Pressekonferenz in Berlin. Schon heute nimmt der Hausarzt in Bezug auf psychische Erkrankungen eine zentrale Steuerungsfunktion ein. Auf zwischen 1,6 und 4 Millionen wird die Zahl der Menschen geschätzt, die jährlich in Deutschland psychiatrische Hilfe suchen. Dem stehen lediglich 5000 Psychiater gegenüber. „So kann es etwa in Dresden Wochen oder Monate dauern, bis ein Hausarzt seinen depressiven oder Demenz-Patienten beim Psychiater unterbringen kann“, sagte Dr. Diethard Sturm vom Deutschen Hausärzteverband. Mit In-Kraft-Treten des GKV-Modernisierungsgesetzes steigt die Bedeutung der 50.000 Hausärzte in der Bundesrepublik für die psychiatrische Versorgung weiter an. Ab dem 1. Januar diesen Jahres können Patienten nicht mehr direkt einen Psychiater aufsuchen, sondern müssen immer vom Hausarzt überwiesen werden.

Bereits 2003 war der Hausarzt für mehr als zwei Drittel der Patienten mit psychischen Problemen erste Anlaufstelle. Jeder vierte Patient in einer Hausarztpraxis ist psychisch krank. „Trotz dieser Zahlen ist das Thema psychische Erkrankungen in der Weiterbildung zum Allgemeinarzt nur optional“, sagte Professor Dr. Jürgen Fritze, Gesundheitspolitischer Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Ob das Thema behandelt wird, liegt beim weiterbildenden Hausarzt, bei dem angehende Allgemeinmediziner ihre praktische Ausbildung absolvieren. Da die Schulung in Psychiatrie nicht obligatorisch ist, fehlen Medizinern häufig die praktischen Erfahrungen, um das im Studium erworbene Wissen umzusetzen. Auch das Fortbildungsangebot für Hausärzte ist auf diesem Gebiet oft unzureichend.

Kompetenzoffensive

Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit zwischen AKP und dem Deutschen Hausärzteverband steht daher die hausärztliche Fortbildung zu psychischen Erkrankungen, die in Zukunft flächendeckend und wohnortnah angeboten werden soll. Gestartet wird das neue Fortbildungsangebot in diesem Jahr mit drei Ganztagsveranstaltungen zu psychischem Leistungsverlust, zu psychosomatischen Störungen und zu den besonderen Problemen älterer Menschen.

„Zur Umsetzung seines Wissens braucht der Arzt Gesprächskompetenz“, sagte Sturm. Diese sollen Fachärzte verschiedener Disziplinen den Hausärzten in Seminarveranstaltungen vermitteln. Weitere Angebote könnten Qualitätszirkel sein oder Fortbildungsnachmittage mit Patienten und Hausärzten, in denen Fälle gemeinsam besprochen werden.

Die Zusammenarbeit der AKP mit dem Hausärzteverband soll vor allem die Früherkennung psychischer Erkrankungen wie Depressionen und die Differenzialdiagnose bipolarer Störungen (manisch-depressive Erkrankungen) verbessern sowie die Behandlung psychotischer Patienten und den bislang unzureichenden Einsatz innovativer Medikamente. Denn gerade bei diesen Punkten liegt in Deutschland noch einiges im Argen.

 

Psychiatrie braucht Öffentlichkeit Unter dem Motto „Die Krankheit verstehen, Hilfe aufzeigen“, startet die Familien-Selbsthilfe-Psychiatrie in Kooperation mit der ABDA in diesem Jahr eine bundesweite Aufklärungskampagne. Ziel der Aktion ist es, psychische Probleme und Erkrankungen zu entstigmatisieren. Außerdem soll sie über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten informieren, sowie über einen angemessenen Umgang mit psychisch Kranken aufklären. Je besser die Bevölkerung über psychische Erkrankungen, über Therapiemöglichkeiten und Selbsthilfeangebote sowie über das psychiatrische Hilfesystem Bescheid wüssten, desto eher würden Betroffene diagnostiziert und therapiert, hieß es auf der Jahres-Pressekonferenz der Familien-Selbsthilfe-Psychiatrie in Berlin.

Zunächst startet die Organisation, unterstützt von Kammern und Verbänden der Ärzte und Apotheker, ein Modellprojekt in Berlin und Brandenburg. Geplant sind Workshops für Ärzte, Apotheker und Journalisten. Weiterhin soll ein möglichst großer Teil der Bevölkerung durch das Verteilen von Informationsmaterialien in Arztpraxen und Apotheken aufgeklärt werden.

Gefördert wird das auf drei Jahre ausgelegte Projekt von den Ersatzkassen. Psychische Erkrankungen sind zu einem großen Teil für die starke Zunahme der Fehltage der Krankenkassen-Mitglieder verantwortlich. Laut DAK-Report 2002 stiegen die Fehltage von 1997 bis 2002 um 51 Prozent an. Ein Viertel der Bevölkerung hat schon einmal eine psychische Krise erlebt und jeder dritte Notfalleinsatz in der Bundesrepublik steht mit einer solchen Krise in Zusammenhang.

 

Von den drei Millionen an einer Depression erkrankten Menschen befinden sich 70 Prozent in hausärztlicher Behandlung. Bei der Erstkonsultation wird die Krankheit bislang nur bei etwa der Hälfte aller Patienten richtig diagnostiziert und lediglich 10 Prozent von diesen werden adäquat behandelt. Schwer zu diagnostizieren ist auch eine bipolare Erkrankung (manisch-depressive Störung), an der etwa vier Millionen Deutsche leiden. Die Mediziner gehen bei dieser Erkrankung von einer sehr hohen Dunkelziffer und außerdem von einer hohen Anzahl an Fehldiagnosen aus Am leichtesten lasse sich noch eine Schizophrenie erkennen, sagte Fritze. Rund 800.000 Menschen in Deutschland leiden an dieser Krankheit, bei der die Grenze zwischen Realität und individueller Wahrnehmung verwischt. Zusammen mit bipolaren Störungen und Depressionen ist die Schizophrenie eine der schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen. So zählen Schizophrenien und Depressionen heute zu den zehn häufigsten Gründen für eine Frühverrentung bei Männern. Bei den Frauen stehen Depressionen sogar an erster Stelle. Und die Zahlen steigen laut Verband Deutscher Rentenversicherungsträger stetig an: Seit 2000 ist die Zahl der Anträge auf Frühverrentung bei Männern wegen einer schizophrenen Erkrankung um 41 Prozent gestiegen, wegen Depressionen um mehr als 20 Prozent.

Unerkannt krank

„Je mehr eine Erkrankung mit einem sozialen Stigma behaftet ist und je besser die Menschen sie verheimlichen können, desto geringer sind die Chancen für den Arzt, die richtige Diagnose zu stellen“, sagte Fritze. So werden etwa nur 30 Prozent der Patienten mit Suchtkrankheiten erkannt und können behandelt werden. Die Zwangskrankheit hat sogar den internationalen Spitznamen „the hidden disease“, weil sie erst nach sehr langer Zeit identifiziert wird.

Was die Diagnose von psychischen Erkrankungen zusätzlich erschwert, ist, dass mehr als ein Drittel der Patienten ihre Beschwerden überwiegend als Organbeschwerden empfinden und diese auch als solche vortragen, berichtete Sturm. Somatische Diagnostik und Psychodiagnostik sollten beim Hausarzt daher parallel, entsprechend der jeweiligen Patientensituation erfolgen. Gleichzeitig gilt es, durch Aufklärung und Information der Öffentlichkeit das gesellschaftliche Stigma abzubauen.

Eindrucksvoll gelungen ist ein solches Vorgehen bereits in Nürnberg. Das Nürnberger Bündnis gegen Depression, das dem Kompetenznetz „Depressionen, Suizidalität“ angehört, klärt mit Kinospots, Plakaten und Aktionstagen über die Krankheit auf. Beispielhaft werden in dem von der Bundesregierung geförderten Projekt außerdem Hausärzte durch Psychiater geschult, was die Erkennensrate von Depressionen erheblich erhöht hat.

„Gerne wird vergessen, dass psychische Erkrankungen lebensgefährliche Krankheiten sind“, sagte Fritze. Dabei resultiert die Lebensgefahr vor allem aus dem Suizidrisiko. In Nürnberg sank die Selbstmordrate im Laufe des Projekts um mehr als 30 Prozent. Bereits ein Jahr nach dem Start im Januar 2001 war die Zahl der Suizidversuche um 20 Prozent zurückgegangen. In dem Umfang wie in diesem Projekt sei eine Fortbildung der Hausärzte und eine bundesweite Aufklärungsarbeit von den Fachverbänden allerdings nicht zu leisten, betonte Sturm.

Klare Vorgaben fehlen

Ein weiterer Grund für die derzeit bestehenden Versorgungsdefizite sehen der AKP und der Deutsche Hausärzteverband in einer mangelnden Leitlinienorientierung. „Nur klare Vorgaben können die Kontinuität der Versorgung, das Monitoring und das Verfolgen von Behandlungspfaden sichern“, sagte Professor Dr. Wilhelm Niebling von der Universität Freiburg. Fach- und Hausärzte erarbeiteten jetzt gemeinsam eine solche Leitlinie zur Diagnose und Therapie depressiver Störungen. In die Entwicklung und den Konsensusprozess einbezogen waren außerdem Psychotherapeuten, Patienten- und Angehörigenvertreter sowie Vertreter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Derzeit werden die Handlungsempfehlungen für die ambulante Versorgung in verschiedenen Regionen als Modellprojekt implementiert und evaluiert. Insgesamt nehmen 43 Haus- und 23 Nervenärzte teil. In Zukunft könnte diese Versorgungsleitlinie auch als Grundlage für ein Disease-Management-Programm Depressionen dienen.

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