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Impfung empfohlen

13.12.1999  00:00 Uhr

-MedizinGovi-VerlagVARIZELLA-ZOSTER-VIRUS

Impfung empfohlen

von Ulrike Wagner, München

Von wegen harmlose Kinderkrankheit: Eine Infektion mit Varizella-Zoster-Viren (VZV) kann lebensbedrohlich verlaufen. Weil sich Kinder nicht mehr wie früher automatisch im Kindergarten anstecken, erkranken zunehmend ältere Patienten an Windpocken. Gefährliche Komplikationen sind die Folge, erklärten Experten auf einem von SmithKline Beecham unterstützten Symposium während des 5. Kongresses für Infektions- und Tropenmedizin in München.

Epidemiologische Studien in England, Schottland und Wales haben gezeigt, dass sich immer mehr Jugendliche und Erwachsene mit Windpocken infizieren und daran sterben, erklärte Professor Dr. Burkhard Schneeweiß, Berlin. "Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich die Prognose der VZV-Patienten", sagte er. Die Experten vermuten in der Einkindfamilie eine Ursache für die Altersverschiebung bei den Infektionen. Dadurch würden sich die Kinder nicht mehr innerhalb der Familien anstecken.

Neunzig Prozent der Kinder haben dennoch bis zum frühen Schulalter Kontakt mit Varizella-Zoster-Viren. Bei ihnen sind die Windpocken dann tatsächlich eine typische Kinderkrankheit mit mildem Verlauf. Die dadurch entstandene natürliche Immunität schützt sie vor Neuinfektion.

Besonders kritisch ist die Situation jedoch für Schwangere, die zuvor keinen Kontakt mit dem Virus hatten, betonte Professor Dr. Peter Wutzler vom Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihr Immunsystem kann die Varizella-Zoster-Viren nicht abwehren. Kommt es im ersten und zweiten Drittel der Schwangerschaft zu einer Infektion, befällt das Virus bei einem Viertel der Frauen auch das ungeborene Kind. Die Erkrankung verläuft im besten Fall asymptomatisch. Bei zwei Prozent der Feten entwickelt sich jedoch ein Varizellen-Syndrom. Die Folge sind schwere Organschäden und häufig stirbt das Ungeborene bereits im Mutterleib. Etwa ein Viertel der Kinder, die bis zur Geburt überleben, stirbt in den ersten Lebenswochen.

Noch gefährlicher sind die Viren, wenn die Mutter innerhalb von vier Tagen vor, bis zu zwei Tagen nach der Entbindung an Windpocken erkrankt. Bei etwa 30 Prozent der Neugeborenen kommt es dann zu lebensbedrohlichen generalisierten Windpocken. Aber nicht nur die ungeborenen Kinder sind gefährdet, auch die Schwangeren selbst. Stecken sie sich im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel an, entwickeln 10 bis 20 Prozent eine Varizellenpneumonie, an der 40 Prozent der Patientinnen sterben.

Kommt eine Schwangere, die keine Antikörper gegen Varizella-Zoster-Viren hat, mit Infizierten in Kontakt, sollte sie innerhalb von 72 Stunden spezifisches Immunglobulin (zum Beispiel Varicellon*) gegen Varizellen erhalten. Bricht die Krankheit trotzdem aus, können die Ärzte eventuell Aciclovir geben, sagte Wutzler. Das ungeborene Kind müsse durch Ultraschall in kurzen Abständen und serologische Kontrollen überwacht werden. Ist es infiziert, müsse man wegen der wahrscheinlich gravierenden Schäden über einen Abbruch der Schwangerschaft nachdenken. Auch Neugeborene, deren Mutter sich kurz vor bis kurz nach der Geburt infiziert hat, sollten mit dem Immunglobulin behandelt werden.

Wutzler sprach "ein klares Votum für die Impfung" aus. Er geht davon aus, dass in Zukunft immer mehr schwangere Frauen zum ersten Mal mit Windpocken-Viren in Kontakt kommen. Derzeit sind mindestens fünf Prozent der Schwangeren nicht geschützt. Die Anamnese ist einfach. Wegen der auffälligen Hautveränderungen könnten die meisten Patienten sicher sagen, ob sie schon einmal Windpocken hatten oder nicht, sagten die Experten.

Bei dem verfügbaren Impfstoff (zum Beispiel Varilrix*) handelt es sich um abgeschwächte Varizella-Zoster-Viren. 98 Prozent der gesunden Patienten haben nach der Impfung einen ausreichenden Schutz vor den Viren. Wenn es trotzdem zu Durchbruchserkrankungen kommt, verläuft die Krankheit milder als bei nicht geimpften Patienten, heißt es in einer Presseerklärung des Herstellers SmithKline Beecham.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Varizellen-Impfung als Indikationsimpfung für seronegative Risikopatienten. Dazu gehören Kinder mit Leukämie in klinischer Remission, mit soliden Tumoren, mit schwerer Neurodermitis, vor geplanter Immunsuppression sowie alle Kontaktpersonen – Eltern, Geschwister, medizinisches Personal – und seronegative Frauen mit Kinderwunsch. Allerdings schätzen viele Ärzte die Windpocken selbst heute noch als harmlose Kinderkrankheit ein, die "man durchgemacht haben muss".

Die Amerikaner haben bereits weitreichende Konsequenzen gezogen. Dort wird die Varizellen-Impfung seit 1995 für alle Kinder empfohlen, um so die Zahl der seronegativen Personen in höheren Altersgruppen zu reduzieren. Davon könnten auch immunsupprimierte Kinder und Kinder mit Neurodermitis profitieren. Bei letzteren verläuft die Erkrankung wesentlich schwerer als bei gesunden Kindern.

Ein weiterer Punkt spricht für die Impfung: Die Inzidenz der Gürtelrose scheint danach geringer als nach einer Infektion mit Wildtypviren. Zumindest sprechen dafür die Befunde von Kindern, die wegen einer Leukämie geimpft wurden. Bei ihnen trat anschließend seltener Zoster auf.

Der Zoster als Zweitmanisfestation entsteht, weil die Viren nach einer Infektion in den Spinalganglien persistieren. Geht das Immunsystem in die Knie, wie zum Beispiel bei älteren Patienten und Patienten mit erworbener Immunschwäche oder kommen Stressfaktoren hinzu, kann sich der Erreger wieder vermehren. Das Virus wandert durch die sensorischen Nerven zur Haut und ruft dort die typischen Bläschen der Gürtelrose hervor. Leider beschränkt es sich in seinen Aktivitäten nicht auf die oberen Hautschichten. Es greift die Schmerzrezeptoren an und schädigt sie. Dadurch feuern die Fasern spontan, ohne entsprechenden Reiz. Häufig tritt auch nach Verheilen der Gürtelrose ein chronischer Schmerz auf, die postzosterische Neuralgie. Darunter leiden zehn bis zwanzig Prozent aller Zoster-Erkrankten, mit steigender Tendenz bei zunehmendem Alter.

Ähnlich wie bei den Varizella-Zoster-Infektionen sieht die Situation bei Masern aus, meldet das Deutsche Grüne Kreuz. Auch hier erkranken immer ältere Menschen. Impfgegner machten die Masernimpfung im Kindesalter dafür verantwortlich. Derselbe Befund bei den Windpocken – gegen die nicht routinemäßig geimpft wird – spreche jedoch dagegen.

Auch nach einer Maserninfektion müssen Jugendliche und Erwachsene im Vergleich zu Kleinkindern insgesamt mit einem höheren Risiko für Komplikationen rechnen. Bei einer von Masernviren hervorgerufenen Gehirnentzündung erkrankt zum Beispiel ein Kleinkind von 10 000. Bei Jugendlichen und Erwachsenen steigt die Zahl nach Angaben des Deutschen Grünen Kreuzes auf eine Gehirnentzündung pro 500 bis 1000 Erkrankte an.

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