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Therapeutische Impfung nur bei intaktem Immunsystem

27.11.2000  00:00 Uhr

HIV-INFEKTION

Therapeutische Impfung nur bei intaktem Immunsystem

von Brigitte M. Gensthaler, München

Die therapeutische Impfung von HIV-Infizierten ist nur sinnvoll, wenn zuvor die Viruslast massiv gesenkt wurde und das Immunsystem sich erholen konnte. Darauf weisen zumindest Studien an Rhesus-Makaken hin, die Professor Dr. Brigitte Rosenwirth vom niederländischen Primatenforschungszentrum Rijswijk beim Viruskongress in München vorstellte.

Im Idealfall induziert die therapeutische Vakzination eine zelluläre und humorale Immunantwort, die sich qualitativ und quantitativ von der auf die ursprüngliche Virusattacke unterscheidet. Allerdings gelingt dies nur, wenn die Immunabwehr intakt oder wiederhergestellt ist, betonte Rosenwirth.

Daraus resultiert die kombinierte Strategie: Eine hoch aktive antiretrovirale Therapie (HART) unterdrückt zunächst die Virusvermehrung so weit wie möglich und gibt damit dem Immunsystem Zeit zur Erholung. Wichtige Marker sind der Abfall der Viruslast und der Anstieg der CD4-Zellzahl (T-Helferzellen). Die Impfung mit HIV-Antigen soll dann eine Immunantwort stimulieren, die die Virusvermehrung auch ohne HART in Schach halten kann.

Ähnlich könnten kontrollierte Therapiepausen funktionieren. Unterbricht man die HART in regelmäßigen Abständen, steigt die Viruslast in den Pausen an und soll wie ein Booster auf das Immunsystem wirken. Theoretisch wird die Immunabwehr so weit trainiert, dass sie die Virusvermehrung von Mal zu Mal besser kontrollieren kann – messbar an einer niedrigeren Viruslast.

In Studien mit infizierten Rhesus-Makaken gelang es jedoch nur bei einem Teil der Affen, das Immunsystem wieder aufzurichten. Die Infektion mit dem Affenvirus SIV unterdrückte die Immunantwort auf die Vakzine, wenn vorher nicht antiviral behandelt wurde, berichtete Rosenwirth. Nach Kombi-Therapie konnte das Immunsystem bei sechs von acht Affen die Viruslast auf einem niedrigeren Level halten als vorher. Ohne HART gelang dies nur einem von acht Tieren.

Frühzeitige HART rettet Immunzellen

Eine frühzeitige antivirale Therapie könnte den Verfall des Immunsystems sogar verhindern oder minimieren, legen Affenversuche nahe. Begann die Therapie 7 oder 14 Tage nach Infektion mit SIV, konnte die Immunabwehr bei einigen wenigen Tieren die Viruslast nach Absetzen der Medikation kontrollieren und sich sogar gegen später applizierte modifizierte Virusvarianten wehren.

In kleinen Studien mit HIV-infizierten Patienten beobachtete man ebenfalls diesen Benefit der frühen Intervention, berichtete die Forscherin und plädierte für einen frühzeitigen Therapiebeginn. Der Empfehlung schloss sich auch die deutsche Aids-Forscherin Professor Dr. Helga Rübsamen-Waigmann an. Die Ergebnisse sollten Ärzte ermutigen, nicht erst die Serokonversion (Auftreten von Antikörpern) abzuwarten, sondern möglichst früh und aggressiv zu behandeln. Möglichst innerhalb von sieben Tagen nach Infektion beginnen, präzisierte die Virologin im Gespräch mit der PZ. "Damit können wir dem Patienten sehr helfen."

Mit der PCR könne man die Infektion rechtzeitig erkennen, da die Methode bereits 50 Viruskopien pro ml erfasst. Erfolgt die Diagnostik am zweiten und fünften Tag postexpositionell, könne man bei positivem Befund sofort mit HART starten. Eventuell sei sogar die Therapie "auf Verdacht" zu vertreten. Innerhalb der ersten vier Wochen könnten die Arzneistoffe die übermäßige Vermehrung der Viren und damit den Befall der immunkompetenten Zellen verhindern. Dadurch überlebten mehr T-Zellklone, die später das Virus kontrollieren können. Sie ist skeptisch, ob das Konzept der Therapiepausen funktionieren kann bei Patienten, bei denen eine anfänglich hohe Virämie bereits sehr viele Immunzellen zerstört hat.

Immunsystem reagiert auf Arzneimittelresistenzen

Andererseits kann das Immunsystem anscheinend auch mit spezifischen T-Zellen auf resistente Virusmutanten reagieren, die sich während einer HART gebildet haben. Dies legen Forschungsarbeiten von Privatdozent Dr. Thomas Harrer von der Universität Erlangen-Nürnberg nahe, für die er mit dem Aids-Forschungspreis ausgezeichnet wurde. Der mit 10 000 DM dotierte Preis wird von der Firma GlaxoWellcome gestiftet und von der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie vergeben.

Die Arbeitsgruppe um Harrer konnte nachweisen, dass Killerzellen spezifisch auch Lamivudin-resistente HIV-Varianten erkennen können. Die für Lamivudin typische Punktmutation M184V in der Reversen Transkriptase wird nie bei Wildtypviren beobachtet und kann dazu führen, dass zytotoxische T-Lymphozyten das mutierte Virus nicht mehr erkennen. Gleichzeitig entsteht durch die Mutation ein neues Epitop, das nun wieder von spezifischen T-Zellen aufgespürt wird. Im Klartext heißt dies: Das humane Immunsystem ist der Resistenzentwicklung gegen Arzneistoffe nicht hilflos ausgeliefert, sondern kann reagieren. Für Harrer eröffnet sich hier die Möglichkeit einer therapeutischen Impfung gegen arzneimittelresistente Viren. Top

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