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Placebowirkung entlarvt

15.11.2004  00:00 Uhr

Placebowirkung entlarvt

von Dagmar Knopf, Limburg

Wie die bloße Erwartung einer schmerzlindernden Behandlung und der feste Glaube an ihre Wirkung tatsächlich Schmerzen mindern, beobachteten Hamburger Forscher nun direkt im Gehirn.

Man muss nur ganz fest daran glauben, dann ergibt sich das Gewünschte ganz von selbst. Wenn es um Schmerzen und den glühenden Wunsch geht, davon befreit zu werden, scheint die Volksweisheit ins Schwarze zu treffen, bestätigten kürzlich Wissenschaftler der Universitätsklinik Hamburg. Eine völlig wirkungslose „Zuckerpille“ kann tatsächlich Schmerzen lindern, wenn die Probanden nur fest genug von ihrer Wirkung überzeugt sind.

Doch wie sollte ein Placebo als pharmakologisch unwirksames Medikament in den Kreislauf von Schmerzempfindung und -linderung eingreifen? Die Antwort darauf liegt in der menschlichen Psyche. Denn Schmerz ist kein rein physiologischer Vorgang. Auch individuelle Erwartungen, Hoffnungen und das Vertrauen in die Behandlung und den Behandelnden spielen eine Rolle. Diese Phänomene zeigen sich regelmäßig in Studien, in denen Schmerzpatienten deutlich auf Placebo ansprechen.

Placebowirkung sichtbar machen

In der Vergangenheit betrachteten Mediziner den Placeboeffekt überwiegend als unspezifisches Phänomen. Seit moderne Bildgebungsverfahren wie Positronenemissionstomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) einen Blick ins arbeitende Gehirn erlauben, lassen sich die Auswirkungen von Glaube und Erwartung auf das Gehirn genauer ermitteln.

So bedienten sich auch Professor Dr. Jürgen Lorenz und seine Mitarbeiter von der Universitätsklinik Hamburg der fMRT, um dem Placeboeffekt auf die Schliche zu kommen. Ihre Ergebnisse stellten sie in Leipzig auf dem Deutschen Schmerzkongress der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes vor.

Mittels Infrarotlaser setzte das Hamburger Team bei einigen Freiwilligen kurze schmerzhafte Hautreize. Dann erhielten die Probanden ein pharmakologisch un-wirksames Medikament, während die Forscher sie in dem Glauben wiegten, ein Schmerzmittel zu bekommen.

Das fMRT-Bild zeigte daraufhin zwei eindeutige Reaktionen auf die vermeintliche Verum-Behandlung. Zunächst aktivierte die Erwartung auf Schmerzlinderung einen ganz bestimmten Bereich innerhalb des Gehirns, die Präfrontalregion des Frontallappens. Zudem kurbelte sie die Aktivität im weit vorne gelegenen Anteil des so genannten Gyrus Cinguli an, dem bei der Placebowirkung scheinbar eine Schlüsselrolle zukommt. Dieses Gehirnareal ist sowohl mit dem Schmerzsystem des Gehirns als auch mit dem Frontalhirn eng vernetzt. Darüber hinaus sitzen hier viele Opiatrezeptoren und es ist anatomisch und funktionell an absteigende Bahnen zum Hirnstamm und Hinterhorn des Rückenmarks gekoppelt, die seit langem als Vermittler körpereigener Schmerzhemmung bekannt sind.

Das Placebo aktivierte in den Untersuchungen die ventromedialen Anteile der Präfrontalregion, bevor der für die eigentliche Schmerzhemmung verantwortliche rostrale anteriore Gyrus Cinguli stärker aktiv wurde. Gleichzeitig reduzierte sich die Aktivität in den typischen schmerzrelevanten Hirnregionen des Thalamus. Der Placeboeffekt ist somit eine rein mentale Meisterleistung und könnte vielleicht auch erklären, warum manche Menschen auf spitzen Nägeln laufen, scheinbar ohne Schmerzen zu empfinden. Top

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