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Stillen lohnt sich

25.10.2004
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Stillen lohnt sich

von Gudrun Heyn, Berlin

Im Zeitalter von Fertiggerichten und künstlicher Säuglingsnahrung stehen Mütter vor der Wahl, zu stillen oder per Flasche zu füttern. Nach Meinung der Nationalen Stillkommission geben deutsche Frauen ihren Kindern zu selten die Brust. Dabei bietet das natürliche Füttern nicht nur dem Baby, sondern auch der Mutter viele Vorteile.

In den meisten industrialisierten Ländern brach die Zahl stillender Mütter Mitte des letzten Jahrhunderts dramatisch ein. Marktforschungsdaten aus Deutschland zeigen ein historisches Tief um 1975, als mehr als die Hälfte der Frauen ihre Kinder bereits im Krankenhaus nicht mehr stillten. Mit den Entbindungen war auch das Stillen zur medizinischen Angelegenheit geworden, und Ärzte vertraten die Meinung, die Milch müsse aus hygienischen Gründen abgekocht sein. Darüber hinaus passten sechs feste Mahlzeiten am Tag weitaus besser in die Krankenhausorganisation als Stillen nach Bedarf.

Drei-Gänge-Menü fürs Kind

Füttern nach Zeitplan und Stoppuhr funktioniert bei einem gestillten Kind nämlich nicht. Stillende Mütter sollten wissen, dass sie ihrem Baby ein Drei-Gänge-Menü servieren. Zu Beginn jeder Mahlzeit enthält die Muttermilch sehr viel Flüssigkeit und dient als Durstlöscher, weshalb selbst in einem heißen Klima kein zusätzliches Wasser oder Tee nötig sind. Im Laufe einer Mahlzeit nimmt die Fettmenge der Milch dann stetig zu und gegen Ende wird mit dem Dessert die Sahne serviert: Von 1,5 g/dl steigt der Fettgehalt auf mehr als 6 g/dl an.

Das Baby sollte daher bestimmen, wann und wie viel es trinkt. Bei dem häufig propagierten Füttern im Vier-Stunden-Abstand kann es zum Beispiel sein, dass das Kind schon satt ist, bevor die energiereiche Nahrung geflossen ist. Das Baby kann somit seinen hohen Energiebedarf nicht decken und ist schließlich unterernährt. Dieser Umstand rechtfertigte in der Vergangenheit vielfach die Umstellung auf Säuglingsanfangsnahrung.

Schlaue Rezeptur

Dabei ist vielen Frauen einfach nicht bewusst, was sie ihren Kleinen vorenthalten. Denn Muttermilch ist ein Nahrungsmittel, das speziell auf das jeweilige Kind zugeschnitten ist. So erhält der Säugling mit der Kolostrum genannten Anfangsmilch reichlich sekretorisches Immunglobulin A, voll funktionsfähige Leukozyten sowie Lysozym, Lactoferrin und Neuraminsäure zur Infektabwehr. Die natürliche Nahrung liefert zudem stets Antikörper gegen genau die Infekte, die gerade in der Familie grassieren, und auch um die richtige Temperatur der Milch braucht sich die Mutter nicht zu sorgen. Darüber hinaus passt sich die Nahrungszusammensetzung automatisch dem jeweiligen Entwicklungsstand des Säuglings an. So enthält Frauenmilch einen hohen Anteil an essenziellen Aminosäuren in dem Muster, wie es der wachsende Organismus braucht. Zudem ist die natürliche Milch besonders leicht verdaulich, sodass die Eiweißmenge in reifer Frauenmilch völlig für ein gesundes Wachstum ausreicht, auch wenn sie geringer ist als in der Fertignahrung.

 

Deutsche Stillmuffel Immer noch geben stillende Mütter viel zu früh wieder auf, betonte Bundesverbraucherministerin Renate Künast anlässlich des 10. Geburtstags der Nationalen Stillkommission. Zwar stillen 90 Prozent der Mütter in Deutschland, wenn sie die Klinik verlassen. Am Ende des zweiten Monats schrumpft der Anteil jedoch bereits auf 60 Prozent und Ende des sechsten Monats sind es nur noch 10 Prozent.

Dabei lautet die Empfehlung der nationalen Stillkommission, Säuglinge mindestens die ersten vier bis sechs Monate auf natürliche Weise zu ernähren. In dieser Zeit reicht die Muttermilch als einzige Nahrungs- und Flüssigkeitsquelle vollkommen aus, erst danach ist es sinnvoll, eine vernünftig zusammengesetzte Beikost zuzufüttern. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät Müttern sogar, ihre Kleinen bis über das zweite Lebensjahr hinaus zu stillen.

Nach wie vor finden stillwillige Frauen in Deutschland jedoch keine optimalen Bedingungen vor. Sie kämpfen mit Unwissenheit und erhalten wenig Hilfe in der Gesellschaft. So ist es in rund 40 Prozent der deutschen Krankenhäuser immer noch Routine in den ersten drei Tagen zuzufüttern. Allein dadurch werden die Chancen für ein erfolgreiches Stillen erheblich gesenkt.

Laut Künast sollten stillfreudige Kliniken daher künftig klar erkennbar sein. So plädiert sie für die Einführung von Labels, die anzeigen, dass in einer Klinik bestimmte Mindeststandards eingehalten werden. Vorbild könne das Zertifikat der WHO sein, das stillfreundliche Krankenhäuser auszeichnet. In Deutschland werden bis jetzt jedoch nur 3 Prozent der Kinder in einem zertifizierten Hospital geboren.

Nicht nur in Kliniken, auch in der Gesellschaft sei ein solcher Klimawandel notwendig, so die Ministerin. Dabei könnten etwa Werbekampagnen wie in Norwegen helfen, wo Stillen inzwischen als jung, chic und sexy gilt.

 

Im Vergleich zu anderer Milch findet sich besonders im Kolostrum ein hoher Anteil an sehr langkettigen, hoch ungesättigten Fettsäuren wie Arachidonsäure und Docohexaensäure (DHA). Diese dienen nicht allein als Energiereserve, sondern beeinflussen auch die Struktur und Funktion von Organen. So wird DHA in den ersten Lebenswochen in hohem Maße in das Gehirn und andere membranreiche Organe eingebaut. Experimente mit Mäusen konnten zeigen, dass die Fettsäure für den Stofftransport, für die Membranfluidität, aber auch für die Genexpression eine wichtige Funktion hat. DHA gehört daher zu den Stoffen, die möglicherweise für den um drei IQ-Punkte höheren Intelligenzquotienten von Stillkindern gegenüber nicht-gestillten Kindern mitverantwortlich sind. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die Entwicklung der Sehschärfe und der Psychomotorik durch die Fettsäure positiv beeinflusst wird.

Was Mütter bieten sollten

Die natürliche Nahrung wird vor allem durch ihren hohen Gehalt an den essenziellen Fettsäuren Linolsäure und Linolensäure geprägt. Nur etwa 30 Prozent davon stammen unmittelbar aus der Kost der Mutter, 70 Prozent aus einem Depot, das sie in der Schwangerschaft angelegt hat. Im Verlauf der Stillperiode nimmt der Gehalt an gesättigten Fettsäuren zu, wobei der Prozentsatz an Gesamtfettsäuren jedoch gleich bleibt.

Auch für viele andere Nährstoffe legen Schwangere ein Depot an, das die Ernährung des Babys weitgehend unabhängig von der der Mutter macht. Ausnahmen sind jedoch DHA, Jod, Selen, Fluorid, Mangan und die Vitamine A, B2, B6, B12 und Pantothensäure. Sie müssen mit der täglichen Nahrung aufgenommen werden. Professor Dr. Berthold Koletzko vom Hanauerschen Kinderhospital der Universität München empfiehlt stillenden Frauen daher zum Beispiel, regelmäßig langkettige Omega-3-Fette mit der Nahrung zu sich zu nehmen, etwa durch Fisch oder Lebertran.

Verzichten Frauen auf alle Lebensmittel tierischer Herkunft, können sie ihren gestillten Kindern weder ausreichend DHA noch Vitamin B12 geben, wobei der Vitaminmangel zu schweren, bleibenden neurologischen Schäden führen kann. Während Stillberaterinnen häufig fermentiertes Sauerkraut empfehlen (das einzige Gemüse, dass Vitamin B12 enthält), raten Mediziner zur kurzfristigen Abkehr von der veganen Ernährung. Bei normal ernährten Frauen sind in der Regel nur die Vitamine D und K nicht in ausreichender Menge in der Muttermilch enthalten.

Kein Grund für die Flasche

Die viel diskutierten Schadstoffe in der Muttermilch stellen heute keinen Grund mehr dar, auf das natürliche Nahrungsmittel zu verzichten. Ebenso sind ein Diabetes mellitus der Mutter, Morbus Crohn, Multiple Sklerose, cystische Fibrose, wunde Brustwarzen, Flach- und Hohlwarzen sowie eine Brustoperation keine Kontraindikationen für das Stillen, sagte Professor Dr. Michael Lentze von der Universitätskinderklinik in Bonn auf einem internationalen Symposium der Nationalen Stillkommission in Berlin. Auch ein Neugeborenenikterus (Gelbsucht) sollte die Mutter nicht davon abhalten zu stillen.

Normalgeborene Babys brauchen auch eine Zytomegalie mit ihrem sepsisähnlichen Krankheitsbild nicht zu fürchten. Zwar kann der Erreger aus der Familie der Herpesviren mit der Muttermilch weitergegeben werden, ebenfalls enthaltene antivirale Stoffe schützen die Kleinen jedoch vor einer Infektion. Nur bei Kindern, die vor der 33 Schwangerschaftswoche zur Welt kommen und weniger als 1500 g wiegen, rät Dr. Walter Haas vom Berliner Robert Koch Institut dazu, die Milch infizierter Mütter zu pasteurisieren. Dies sollte über das heute übliche Maß hinaus geschehen, da das Virus sehr widerstandsfähig ist. Selbst das Einfrieren unter minus 20°C übersteht der Erreger.

Auch sehr unreif geborene Frühchen profitieren von der Muttermilch. Die Gabe abgepumpter Milch kann insbesondere die Gefahr intestinaler Infektionen mindern. Allerdings wird in Kliniken wie der Charité diese natürliche Sonden-Nahrung mit Eiweiß, Calcium und Phosphat angereichert, um den hohen Bedarf des schnell wachsenden Frühgeborenen zu decken.

Stillen verboten

Eine absolute Kontraindikation für das Stillen ist eine aktive, unbehandelte Tuberkulose der Mutter. Nach 14 Tagen medikamentöser Behandlung ist jedoch die Infektionsgefahr zumeist vorüber und einer Brustfütterung steht nichts mehr im Wege. Dagegen sollten HIV-infizierte Frauen ganz auf das Stillen verzichten, wenn sie in einem entwickelten Land mit guter medizinischer Versorgung leben. In Ländern der dritten Welt dagegen schützt oft nur die Muttermilch vor weiteren Infektionen und Krankheiten. Ohne Muttermilch sterben die Babys dann, lange bevor eine mögliche HIV-Infektion ausbrechen kann.

Nicht stillen sollten zudem Mütter mit Mammakarzinom sowie Frauen, die eine Chemotherapie erhalten. Dies gilt vor allem bei einer Radio-Jod-Therapie. Des Weiteren kann ein Milchstau, ein Verschluss des Milchganges, eine Milchzyste in der Brustdrüse (Galaktozele) oder eine Entzündung der Brust (Mastitis) sowohl ein Risiko für die Mutter als auch für das Kind darstellen. Hier sollte das Stillen von Fall zu Fall abgewogen werden.

Aus Sicht des Kindes gibt es daneben nur einige Stoffwechselerkrankungen, die das Stillen nicht erlauben. Dazu gehören die Galaktosämie, die Glucose-Galaktose-Malabsorption und die Tyrosinose, eine Anomalie im Tyrosinabbau.

 

Buchtipp Wer mehr zum Thema Stillen wissen möchte, kann das Buch "Stillen und Muttermilchernährung", Bestellnummer: 60643000, unter der Adresse

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
51101 Köln
Fax (02 21) 899 22 57
www.bzga.de

kostenlos beziehen. Das Buch enthält auch eine umfangreiche Tabelle zu Medikamenten der Wahl in der Stillzeit.

 

Nicht voll gestillt werden können Kinder mit Phenylketonurie, bei denen der Abbau von Phenylalanin gestört ist. Hier muss der größte Teil des Eiweißes in Form künstlicher Aminosäuremischungen gegeben werden. Denn bereits bei dem natürlichen Anteil von phenylalaninhaltigem Eiweiß in der Kost werden diese Kinder schwachsinnig. Auch bei anderen Erkrankungen, wie der Ahorn-Sirup-Krankheit, der Glutarazidurie oder bei Harnstoffzyklusstörungen gilt es, die Menge der Muttermilch einzuschränken.

Darüber hinaus können Fehlbildungen des Kindes einem erfolgreichen Stillen entgegenstehen, wie etwa ein zu kurzes Zungenbändchen oder ein Verschluss der Speiseröhre (Ösophagusatresie). Diese Kinder können oft erst nach einer Operation normal ernährt werden.

Warum Frauen abstillen

Studien zeigen, dass weniger medizinische, sondern hauptsächlich soziale Gründe Mütter zur Baby-Flasche greifen lassen. So sind ein niedriges Bildungsniveau und ein geringer Sozialstatus charakteristisch für die Eltern von Flaschenkindern. Außerdem wird in der Regel nicht oder weniger gestillt, wenn die Mutter jünger ist als 25 Jahre, wenn sie raucht, Geschwisterkinder vorhanden sind oder der Vater eine negative Einstellung zum Stillen hat.

Aber auch Schmerzen oder eine Mastitis können dazu führen, dass Frauen nach drei bis sechs Wochen relativ schnell wieder abstillen. Bis zu 30 Prozent der Frauen entwickeln während der Stillzeit eine Brustentzündung, die jedoch weitgehend vermeidbar oder zumindest beherrschbar ist. Eine gute Beratung und das richtige Stillmanagement sind hierzu Voraussetzung.

Auch Mütter profitieren vom Stillen

Wann und wie ein Kind angelegt wird, erfolgt nicht ausschließlich instinktiv. Es ist die tradierte Weitergabe dieses Wissen von einer Generation auf die nächste, die erst das Stillen ermöglicht. Zudem durchlaufen Mutter und Baby gemeinsam einen Lernprozess. Damit alle Teile der Brust richtig geleert werden können, ist es zum Beispiel wichtig, die verschiedenen Stillpositionen zu kennen. Ein gutes Anlegen vermeidet wunde Brustwarzen.

Frauen sollten ihr Baby zudem so früh wie möglich stillen. Im mütterlichen Organismus wird die Blockade der Prolaktinrezeptoren zwar durch die Geburt aufgehoben, doch die Prolaktinbildung und damit die Laktation wird erst durch den nachhaltigen Saugreiz des Kindes angeregt. Daher ist auch der Saugreflex des Babys in den ersten beiden Lebensstunden am intensivsten ausgeprägt.

Die gesteigerte Prolaktinproduktion bewirkt bei der Mutter eine Stimmungsaufhellung, womit frühzeitiges Stillen eine Wochenbettdepression abwehren kann. Zudem verhindert das Anlegen unmittelbar nach der Geburt einen Lymphstau in der Brust, die Gebärmutter bildet sich rascher zurück und der Blutverlust ist geringer.

Auch langfristig profitiert die Mutter vom Stillen. Die während der Schwangerschaft angelegten Fett- und Nahrungsdepots zur Milchbildung werden mit dem Stillen auf natürliche Weise wieder abgebaut. Des Weiteren erkranken Mütter, die ihre Kinder gestillt haben, deutlich seltener an Brustkrebs.

 

Stillen hält schlank Studien zeigen, dass gestillte Kinder sehr viel seltener Übergewicht und Adipositas entwickeln als flaschenernährte Kinder. Im Alter von sechs Jahren sind erhebliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen festzustellen. Dabei können Mütter das Risiko für die kindliche Fettleibigkeit bereits mit einer Stillzeit von zwei Monaten um die Hälfte absenken. Im Vergleich dazu vermindert ein hoher Sozialstatus das Risiko nur um 30 Prozent. Der Weg zur Adipositas ist ein kumulativer Weg, betonte Professor Dr. Karl Bergmann von der Charité, Berlin. So spielen auch Rauchen während der Schwangerschaft und der Leibesumfang der Mutter eine Rolle.

Flaschenernährung macht vermutlich eher dick, da hier die Selbstregulation der Nahrungsaufnahme gestört ist. Denn beim Flaschenkind können Mütter kontrollieren können, wie viel die Kleinen trinken, und neigen dazu, auch den verbliebenen Rest in der Flasche zu verfüttern. Beim Stillen hat die Mutter dagegen keinen Einfluss auf die Trinkmenge. Denn die Muttermilch enthält Substanzen, die die neurohormonale Regulation der Sättigung beeinflussen. Derzeit wird in Studien untersucht, ob der niedrige Eiweißgehalt der Muttermilch ebenfalls für diesen positiven Effekt des Stillens mitverantwortlich sein kann.

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