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Folgeerkrankungen noch immer unterschätzt

20.10.2003
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Weltdiabetestag

Folgeerkrankungen noch immer unterschätzt

von Wolfgang Kappler, Homburg

Am 14. November ist Weltdiabetestag. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Diabetes und Niere“. Was die Stoffwechselkrankheit insgesamt angeht, sehen Experten weltweit einer dramatischen Entwicklung entgegen.

Immer mehr Geld fließt in die Diabetes-Forschung, gleichzeitig steigt die Zahl der Diabetiker ständig an. In 20 Jahren, so Schätzungen, sollen es weltweit bereits 330 Millionen sein, also doppelt so viele wie heute. Die Behandlungsmöglichkeiten werden ständig verbessert, aber immer weniger Betroffene kommen in deren vollen Genuss. Acht von zehn Typ-II-Diabetikern seien unzureichend eingestellt, bemängelten Experten Mitte des Jahres auf der Jahrestagung der Europäischen Diabetes Föderation in Paris. Damit sind Herz-Kreislauferkrankungen, Nierenversagen, Erblindung und Amputationen als gefürchtete Folgen vorprogrammiert. Nach einer schwedischen Studie wird heute bereits dreimal soviel Geld für die Behandlung der Folgekrankheiten ausgegeben, als für den Diabetes selbst. So ist Diabetes bereits heute die Hauptursache für Nierenversagen in den Industrienationen, informiert die Internationale Diabetes-Federation (IDF), die den Weltdiabetestag mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit organisiert.

Die Gründe für die skizzierten Widersprüche sind vielschichtig. Die Grundlagenforschung hat in Nationen überschreitenden Zwillingsstudien gezeigt, dass Menschen für das moderne Leben die falsche Gen-Ausstattung haben. Nahrungsüberfluss und Bewegungsmangel überfordern jene Erbanlagen, die darüber entscheiden, wie gut oder schlecht unser Körper einen normalen Kohlehydrat- und besonders Fettstoffwechsel aufrechtzuerhalten vermag. Hinzu kommt, dass Nahrung dem Körper nicht nur zur Existenzsicherung dient, sondern der Psyche auch als Belohnung.

„Der Typ-II-Diabetes ist genau betrachtet keine gewöhnliche Krankheit, sondern die Extremvariante eines entgleisten Stoffwechsels, die sich über einen Zeitraum von fast 40 Jahren schleichend herausbildet“, erklärt Dr. Tom Lindner, Diabetologe an der Uni Würzburg. Basis des Prozesses sei das Zusammenspiel zwischen bestimmten Genen mit Umwelt- und persönlichen Risikofaktoren. Das würde auch erklären, warum immer mehr Kinder und Jugendliche in den Industrienationen einen Typ-II-Diabetes entwickeln, der deshalb seinen Namen „Altersdiabetes“ längst zu Unrecht trägt. Im Grunde seien Diäten und Sport die wirksamsten Behandlungen, so Lindner. Diese Meinung vertreten offensichtlich auch viele Allgemein- und Fachmediziner, die deshalb eine medikamentöse Behandlung ihrer Patienten bisweilen hinauszögern.

Waage fragen

Zunächst scheint dies auch logisch, da 73 Prozent der Typ-II-Diabetiker übergewichtig sind. Oft verbessern sich durch Gewichtsreduktion die Blutzuckerwerte überraschend. Doch nicht jeder ist dazu diszipliniert genug. Anfangs noch hoch motiviert, versuchen Betroffene durch sportliche Betätigung einer dauerhaften Medikamentenbehandlung davon zu laufen. Denn, so hat die internationale DAWN-Studie zu psychosozialen Aspekten der Krankheit gezeigt, Medikamente werden nicht immer als Hilfe empfunden. Für manche sind sie Ausdruck eines persönlichen Versagens, verbunden mit Schuldgefühlen. Damit bekommt auch die Psyche einen Knacks, und eine gestörte Psyche, so haben Münchener Psychiater herausgefunden, begünstigt wiederum das Fortschreiten eines Diabetes.

Diät, Sport und Medikamente erfordern eine nicht von jedem einzuhaltende Disziplin. Vor allem Insulin und die damit ständig erforderlichen Blutzuckerkontrollen werden von vielen gemieden oder hinausgezögert, obwohl, und auch darüber berichteten Experten in Paris, gerade mit einer frühzeitigen Insulinbehandlung das Risiko von Folgeschäden enorm gesenkt werden kann. Mit Neuentwicklungen wie inhalierbaren Insulinpräparaten und unblutigen Zuckerkontrollen hat die Industrie bereits reagiert, die auf die Überzeugungskraft der Medizin setzt.

Ziel muss aber auch eine bessere Früherkennung sein. Professor Dr. Eberhard Standl, Präsident der Deutschen Diabetes Union, kritisiert, dass in Deutschland fünf bis zehn Jahre vergehen, bis überhaupt ein Diabetes diagnostiziert wird, meistens als Zufallsbefund bei Untersuchungen von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Standl geht von sechs Millionen Typ-II-Diabetikern in Deutschland aus und rechnet sogar mit einer Dunkelziffer in gleicher Höhe. „Diabetes und seine Komplikationen zu verhindern ist eine dringende Aufgabe, der sich auch die Gesundheitspolitik nicht verschließen darf“, sagt er. Der von seinem Verband mitgetragene Weltdiabetestag soll dazu beitragen.

 

Weltdiabetestag in Deutschland Die Zentralveranstaltung der Deutschen Diabetes-Union, die den Weltdiabetestag in Deutschland veranstaltet, findet am 14. November in Frankfurt am Main statt. Von 10 bis 17.30 Uhr referieren Experten zu medizinischen Themen mit Schwerpunkt „Diabetes und Niere“ und der Gesundheitspolitik.

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