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Risikofaktor Übergewicht

11.10.2004
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Prostatakrebs

Risikofaktor Übergewicht

von Marion Hofmann-Aßmus, Wiesbaden

Können präventive Maßnahmen vor einem Prostatakarzinom schützen? Mit dieser Frage beschäftigte sich der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Wiesbaden. "Ja" lautete die Antwort, obwohl einige neue Studien diesen Optimismus ein wenig bremsen.

Jährlich erkranken allein in Deutschland etwa 43.000 Männer an Prostatakrebs. Immerhin zwei Drittel der 60- bis 70-Jährigen weisen mikroskopisch kleine Karzinomherde auf, wie eine Untersuchung ergab. Einiges lässt darauf schließen, dass die Kanzerogenese des Prostatakarzinoms ein jahrzehntelanger Prozess ist, der schon früh durch die Ernährung beeinflusst wird. Beispielsweise steigt durch einen hohen Fettkonsum der Mutter in der Schwangerschaft bei männlichen Feten die Testosteronkonzentration im Serum an. Dadurch wird vermehrt das Enzym 5a-Reduktase gebildet, das Testosteron zum eigentlich wirksamen Metaboliten Dihydrotestosteron umsetzt. Dieser vermittelt die Androgen-Effekte an der Prostatazelle und steigert auch die Zellteilungsrate. Hohe Androgenkonzentrationen können daher zum Entstehen des Prostatakarzinoms beitragen.

Setzt sich der hohe Fettverbrauch in der Jugend fort, steigt die Wahrscheinlichkeit für Adipositas – ein weiterer Risikofaktor für die Entwicklung eines Prostatakarzinoms. Wie Professor Dr. Jens E. Altwein, München, auf dem Kongress erläuterte, steht das Tumorvolumen in eindeutigem Bezug zum Body Mass Index (BMI). Außerdem haben nach einer Primärtherapie, wie etwa eine Operation, schlanke Männern (BMI < 25) ein deutlich geringes Rezidivrisiko als adipöse.

Diätische Prävention

Bei einer fettarmen Diät ist auf die Art der verwendeten Fette zu achten: Gesättigte Fettsäuren sind schädlicher als ungesättigte. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind nützlicher als einfach ungesättigte und sollen sogar einen protektiven Effekt gegen das Prostatakarzinom haben. Dies ergab eine über 30 Jahre andauernde Studie mit etwa 6200 Männern. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind vor allem in Fisch enthalten.

Bei der Einnahme von isolierten Omega-3-Fettsäuren sieht das Bild allerdings anders aus: Zur Wirksamkeit von Fischölkapseln, die a-Linolensäure enthalten, liegen derzeit widersprüchliche Studienergebnisse vor, sagte Altwein: Nach einer amerikanischen Studie erhöht a-Linolensäure das Risiko für Prostatakarzinome, während sie es laut einer niederländischen Untersuchung verringert.

In Japan belegte eine umfangreiche Erhebung, dass der Verzehr von gelb-grünem Gemüse und Soja das Risiko für Prostatakrebs (und auch für Brustkrebs) signifikant verringert. Entsprechendes gilt für die verschiedenen Kreuzblütler wie Brokkoli oder Radieschen. Außerdem ist laut Altwein die Aufnahme von Vitamin E, Selen und Leinsamen empfehlenswert.

Ketchup besser als Tomate

"Die Tomate hat ein ungeheures protektives Potenzial", sagte Professor Dr. Claus Fischer, Bayreuth. Dabei kristallisiere sich immer deutlicher heraus, dass die Schutzwirkung der Tomate auf dem Zusammenspiel ihrer Inhaltsstoffe beruhe, beziehungsweise von ihrer Verarbeitung abhänge.

Eine Studie mit mehr als 47.000 Männern ergab, dass das Risiko für ein Prostatakarzinom durch den regelmäßigen Verzehr von Tomaten um etwa 20 Prozent absank. Wurde überwiegend Tomatensauce oder Ketchup, also gekochte Tomaten verspeist, reduzierte sich das Risiko sogar um 30 Prozent.

Lycopin ist laut Fischer einer der interessantesten und der bestuntersuchten Bestandteile der Tomate. Einige wichtige Ergebnisse hierzu sind erst im vergangenen Jahr veröffentlicht worden. Beispielsweise reichert sich Lycopin nicht nur in der Leber, sondern auch im Hoden und der Prostata an. Seine Schutzfunktion scheint Lycopin eher bei sporadischen Prostatakarzinomen zu erfüllen als bei genetisch bedingten.

Weiterhin hat sich herausgestellt, dass der Plasmaspiegel von Lycopin bei Personen in mediterranen Ländern bei 1 mMol liegt, in Nordeuropa dagegen nur bei 0,1 bis 0,5 mMol. Eine Studie zeigte, dass hohe Lycopin-Plasmakonzentrationen das Karzinomrisiko reduzieren. Andere Untersuchungen konnten dieses Ergebnis jedoch nicht bestätigen. Möglicherweise hat Lycopin nicht selbst eine Schutzwirkung, so Fischer. Der Lycopin-Plasmaspiegel könnte auch ein Surrogatmarker für die Effekte anderer Substanzen sein.

In der EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), wurden mehr als 130.000 Probanden hinsichtlich ihrer Ernährungsgewohnheiten untersucht und die Mortalität erfasst. Auf Grund früherer Auswertungen ist bekannt, dass eine Verbesserung der Ernährungsweise um zwei Punkte auf einer Skala von 0 bis 9 (0 bedeutet ungesunde Ernährung, 9 entspricht mediterraner Diät) die allgemeinen Mortalität um 25 Prozent reduziert.

Eine Teilstudie, an der sieben Länder beteiligt waren, untersuchte den Einfluss von regelmäßigem Obst- und Gemüseverzehr auf das Risiko für Prostatakarzinom näher. Nach etwa fünf Jahren mittlerer Nachbeobachtungszeit liegen nun erste Ergebnisse vor. Bislang konnte kein Zusammenhang zwischen Obst- und Gemüseverzehr und dem Karzinomrisiko festgestellt werden. Da die EPIC-Studie jedoch bis 2014 fortgeführt wird, sind für die Zukunft genauere Daten zu erwarten. Top

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