Pharmazeutische Zeitung online

Essen zwischen Kopf und Bauch

16.10.2000
Datenschutz bei der PZ

Essen zwischen Kopf und Bauch

von Annette Immel-Sehr, Bonn

Warum hat jeder Mensch seine eigenen, ganz persönlichen Essgewohnheiten? Angesichts der Zunahme ernährungsbedingter Erkrankungen ist diese Frage nicht mehr allein von wissenschaftlichem Interesse, sondern hat geradezu gesundheitspolitische Relevanz. Ein Symposium des Auswertungs- und Informationsdienstes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (aid) in Bonn ging deswegen der Frage nach, welche physiologischen und psychologischen Faktoren unser Ernährungsverhalten steuern.

Die Aufklärung über Ernährung funktioniert in unserem Land: Viele Menschen wissen um die große Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit und können "gesunde" und "ungesunde" Lebensmittel unterscheiden. Dies haben verschiedene Studien immer wieder belegt, berichtete Professor Dr. Jörg Diehl vom Fachbereich Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Auch die Kinder sind gut informiert. Auf die Frage, welche Lebensmittel gesund sind, nennen Schulkinder einhellig Obst, Gemüse, Salat und Vollkornbrot. Genauso einhellig zeigen aber alle Studien, dass die Realität der Essgewohnheiten bei Kindern und Erwachsenen den allseits bekannten Ernährungsempfehlungen keineswegs entspricht.

Die Motivation fehlt

Woran liegt es, dass sich Menschen wider besseren Wissens ungesund ernähren? Dafür gibt es verschiedene Gründe und Ursachen, erläuterte Diehl. Viele Menschen beurteilen das eigene Essverhalten fälschlicherweise als richtig und sehen folglich keinen Änderungsbedarf. Eine andere Ursache sei die optimistische Fehleinschätzung, dass Ernährungsfehler nur bei anderen, nicht aber bei sich selbst zu gesundheitlichen Problemen führen könnten. Auch scheine der mögliche Nutzen einer als "anstrengend" empfundenen Ernährungsumstellung in zu weiter Ferne zu liegen, als dass er zur Änderung alter Gewohnheiten motivieren könnte. Diehl empfahl Ernährungsberatern und Medien, mehr das Gefühl als den Verstand anzusprechen und gesunde Ernährung zukünftig mit Genuss und Wohlbefinden statt mit Verbot und Askese in Verbindung zu bringen.

Hunger entsteht im Gehirn

Adipositas muss als multifaktorielles Geschehen angesehen werden, bei dem die genetische Veranlagung eine entscheidende Rolle spielt. Der Anstieg des Körpergewichts erfolgt schleichend. Adipöse zeigen dabei im Vergleich zu Normalgewichtigen Abweichungen im Stoffwechsel, so Professor Dr. Susanne Klaus vom Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Die aktuelle Forschung bemüht sich deswegen aufzuklären, wie Hormone, Neurotransmitter und Botenstoffen die Nahrungsaufnahme und den Energieverbrauch regulieren. "Es sind noch viele Fragen offen", berichtete Klaus. Wissenschaftler entdecken immer mehr Substanzen, die in dieses komplexe System eingreifen.

Zwei Regulationsebenen sind bisher bekannt: Kurzfristig beeinflussen zahlreiche gastrointestinale Hormone Hunger und Sättigung unmittelbar im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme. Auch die Dehnung von Magen oder Duodenum wird über afferente Signale an das ZNS gemeldet. Ein langfristiges System sorgt dafür, dass der Körper über genügend Energiespeicher verfügt. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei das Peptid Leptin. Es wird in den Zellen des Fettgewebes gebildet und gelangt über den Blutkreislauf an zentrale und periphere Wirkorte. Dem Gehirn meldet es, dass die Fettspeicher gefüllt sind, und löst eine Suppression von Neuropeptid Y aus, dem wichtigsten Stimulator der Nahrungsaufnahme.

Bei Adipösen scheint die Leptin-Wirkung trotz erhöhter Blutspiegel auszubleiben. Ursache könnte sowohl ein eingeschränkter Transport über die Blut-Hirn-Schranke als auch eine Störung der Rezeptor-Effektor-Kopplung sein. Gegenspieler des Neuropeptid Y ist unter anderen Melanocortin, welches die Nahrungsaufnahme hemmt und den Energieverbrauch erhöht. Derzeit sind die Forscher auf der Suche nach spezifischen Agonisten am Melanocortin-Rezeptor, um so Arzneistoffe gegen die Adipositas entwickeln zu können.

Psyche und Essverhalten

Wohl jeder wird aus eigener Erfahrung bestätigen können, dass Essen und Trinken einen Einfluss auf die Gefühlslage hat. Was dabei aber genau passiert, hat die Psychologie noch nicht entschlüsseln können, erklärte Professor Dr. Joachim Westenhöfer vom Fachbereich Ökotrophologie der Fachhochschule Hamburg. Menschen essen nicht nur aus Hunger, sondern zum Beispiel auch um zu feiern, sich zu belohnen, sich zu entspannen oder sich zu trösten. All diese emotionalen Ausdrucksfunktionen gehören zum normalen Essverhalten. Problematisch wird es allerdings dann, wenn ein Mensch für einzelne Funktionen über keine Handlungsalternative verfügt - wenn er sich zum Beispiel nicht mehr anders als mit Essen und Trinken entspannen kann. Eine solche Situation kann leicht zu gestörtem Essverhalten führen, warnte Westenhöfer.

Essen und Trinken machen Spaß und verschaffen Genuss. Mit dieser Programmierung sichert die Natur die Nahrungsaufnahme und letztlich das Überleben. Ein weiterer lebenserhaltender Mechanismus ist, dass Appetit und Verdauung bei großer körperlicher Anstrengung oder Stress gedrosselt werden. Dies ermöglicht dem Körper, optimal auf Gefahr und Bedrohung zu reagieren.

Etwas schlägt auf den Magen

Verminderung des Appetits ist also eine ganz natürliche Reaktion auf Stress. Bei manchen Menschen allerdings passiert das Gegenteil. Sie verspüren unter Stress plötzlich mehr Appetit und "schlagen richtig zu". Eine solche Reaktion findet man bevorzugt bei den so genannten gezügelten Essern, erläuterte Westenhöfer. Dies sind Menschen, die ihre Nahrungsaufnahme sonst bewusst einschränken, um abzunehmen oder zumindest nicht zuzunehmen. Unter Stress kommt es zu Kontrollverlust und einer kompensatorisch erhöhten Nahrungsaufnahme.

Von Grillfeier zu Staatsbankett

Dass Ernährung nicht nur ein körperlich-biologisches, sondern auch ein kulturell-soziales Phänomen ist, machte der Soziologe Professor Dr. Hans-Werner Prahl, Universität Kiel, deutlich. Nahrungsaufnahme dient nicht allein der Sättigung. Man isst zum Beispiel um Regeln der Höflichkeit einzuhalten, jemandem einen Gefallen zu tun oder um über ein gemeinsames Mahl Zusammengehörigkeit herzustellen und diese nach außen zu demonstrieren. Essverhalten unterliegt auch der Tradition. Früher, in Zeiten harter körperlicher Arbeit, brauchten Männer eine energiereiche Kost. Diese Selbstverständlichkeit hat sich über Generationen tradiert, so dass Männer nach Meinung vieler Menschen auch heute noch gut zulangen müssen oder dürfen, auch wenn sie längst nicht mehr körperlich hart arbeiten.

Jede Gesellschaft hat Normen und Tabus, die das Essen regeln. Beispiel Schweinefleisch: Die unter Deutschen bevorzugte Fleischart ist in anderen Gesellschaften verboten. Umgekehrt ruft das Verspeisen von Hunden hierzulande Abscheu hervor, ist aber in anderen Kulturkreisen nichts Unappetitliches. Gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich auch im Essen und Trinken wider, erklärte Prahl. Die Globalisierung führt zum Beispiel zu einer Vereinheitlichung der Nahrung und des Geschmacks (McDonalds-Filialen finden sich inzwischen selbst im hintersten Winkel der Welt). Doch auch Gegentendenzen sind bemerkbar: So gewinnt die regionale Küche oder das "Selber-machen" plötzlich wieder an Attraktivität.

Kann man gesundes Essen lernen?

Essverhalten und Vorlieben entwickeln sich im Kindesalter. Ernährungserziehung in Kindergarten und Schule sind daher wichtig. Entscheidender aber ist das Erleben von Essen und Trinken in der Familie. Das Kind lernt zu essen und zu mögen, was es kennt, so Dr. Sabine Schmidt, Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen. Daher empfahl sie, Kindern gesunde Lebensmittel in der unmittelbaren Umgebung häufig verfügbar und frei zugänglich zu machen - etwa einen Obstkorb auf den Tisch zu stellen. Kontraproduktiv sind allerdings Zwang oder ständige Aufforderung davon zu essen. Einen positiven Effekt können Eltern nur erwarten, wenn auch sie sich am Obstkorb bedienen. Nur was sie selbstverständlich vorleben, wird von den Kindern übernommen. Als wenig erfolgreich haben sich Strategien erwiesen, unerwünschte Lebensmittel wie Cola, Schokolade oder Pommes zu limitieren oder zu verbieten. Dadurch gewinnen sie erst recht an Attraktivität, machte Schmidt deutlich.

Eltern haben die Aufgabe, die Wahrnehmung des Hunger- und vor allem des Sättigungsgefühls der Kinder zu stärken. Die Zunahme des Übergewichts in unserer Gesellschaft macht deutlich, wie wichtig dieses Empfinden ist. Alte Erziehungsregeln, seinen Teller immer leer essen zu müssen, oder Sprüche wie "noch einen Löffel für die Oma" sollten deshalb aufgegeben werden. Signalisiert ein Kind satt zu sein, ist dies im Grundsatz zu respektieren.    Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa