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Schnaps in Kinderzimmern

27.09.2004  00:00 Uhr

Schnaps in Kinderzimmern

von Christiane Berg, Hamburg

Kinder und Jugendliche in Deutschland konsumieren Alkohol auf einem bisher nicht bekannten Niveau. „Trinken bis der Arzt kommt“ heißt der neue Partysport. Um den Alkoholmissbrauch im Jugendalter einzudämmen, hat die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) die Sensibilisierungskampagne „Aktion Glasklar“ gestartet.

Schon 12-Jährige greifen zur Flasche, sagte Dr. Wolf-Rüdiger Horn, Suchtbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) auf einer Pressekonferenz der DAK zum Start der Kampagne. Eine Rückbesinnung auf Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein der Erwachsenen und weniger Skrupellosigkeit müsse stattfinden. Ein verstärktes Engagement aller gesellschaftlichen Kräfte zur Eindämmung des Alkoholmissbrauchs im Kindes- und Jugendalter ist nötig, denn der Alkoholkonsum beginnt immer früher. Studien zufolge beträgt das Durchschnittsalter des ersten Rausches 13,8 Jahre, so der Mediziner. „Jeder zweite Jugendliche in Deutschland im Alter von 14 Jahren war schon einmal betrunken“, sagte er. Als Ursache für den beunruhigend steigenden „Hang zum schnellen Zudröhnen“ beschrieb Horn den Trend, nicht nur Spaß erleben zu wollen, sondern sich vor allem „aus einem immer weniger als befriedigend erlebten Alltag“ ausklinken zu wollen. Rechne man den jährlichen Verbrauch von 10,4 Liter reinem Alkohol je Bundesbürger auf den täglichen Konsum um, nähme jeder, ob Kind oder Greis, abstinent oder nicht, mit 22,8 Gramm Alkohol deutlich mehr als die gesundheitlich tolerable Menge zu sich. Diese liegt für Männer bei 20 und für Frauen bei 10 Gramm reinem Alkohol.

Aufs schärfste verurteilte Horn, dass Alcopops quasi als Einstiegsdroge für Kinder kreiert wurden. „Jugendschutz steht in Deutschland nur noch auf dem Papier“, kritisierte der Pädiater. Als besonders Besorgnis erregend beschrieb er die Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen, die von Gewalttätigkeit und Vandalismus beziehungsweise leichtfertigem Geschlechtsverkehr trotz HIV-Risikos bis hin zur Zunahme von Verkehrsunfällen („Discotod“) reichen. Horn betonte, dass der junge Organismus empfindlicher auf Alkohol reagiert als der von Erwachsenen. Durch direkte Schädigungen der Nervenzellen im noch reifenden Hirn treten bleibende Beeinträchtigungen der Konzentrations- und Gedächtnisleistungen doppelt so häufig auf.

Jugendschutz nur auf dem Papier

„Alcopops sind auf dem Vormarsch in die Kinderzimmer der Nation“, bestätigte DAK-Abteilungsleiter Klaus Spörkel. Nach seinen Ausführungen konsumieren circa 50 Prozent der 14- bis 17-Jährigen mindestens einmal im Monat die Trendgetränke, obwohl die hochprozentigen, süßen Mischungen die Menge Alkohol von zwei Gläsern Schnaps enthalten. Laut einer vom Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung (BGSS) in Auftrag gegebenen Untersuchung sei die Zahl der behandlungsbedürftigen Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen von 2000 bis 2002 um 26 Prozent gestiegen. Dabei habe sich vor allem der Anteil der 10- bis 17-jährigen Mädchen sprunghaft erhöht. „Jeder zweite, in 2002 wegen einer Alkoholvergiftung eingelieferte Jugendliche war weiblichen Geschlechts“, sagte Spörkel.

Auch wenn seit August 2004 für Alcopops eine Sonderabgabe von 83 Cent auf jede Flasche (275 bis 350 ml) zu zahlen ist und auf den Frontetiketten der Warnhinweis „Abgabe an Personen unter 18 Jahren verboten, § 9 Jugendschutzgesetz“ gedruckt werden muss – der Einzelhandel kommt den gesetzlichen Vorgaben in der Mehrzahl nicht nach. Meist wird das Alter des Käufers bei Abgabe von Alkohol an der Kasse nicht überprüft.

Die Getränkeindustrie versucht mit neuen Alcopops auf Wein- und Bierbasis die Sondersteuer zu umgehen, die nur für Alcopops auf Spirituosenbasis gilt. Die DAK, so Spörkel, habe an die Industrie appelliert, zum Schutz der Jugend keine weiteren Vorstöße zu unternehmen, das Gesetz zu umgehen. „Anderenfalls erwarten wir, dass die Bundesregierung die Erhöhung der Steuer auf diese Produkte ausweitet“, sagte er.

 

Aktion Glasklar Wer verdient am Alkohol? Mit welchen Werbetricks arbeitet die Industrie? Was ist Alkohol? Wie wirkt er? An Kinder und Jugendliche, Eltern, Lehrer, Ärzte und Apotheker richtet sich die jetzt gestartete Kampagne „Aktion Glasklar“, die auf Initiative der DAK in Zusammenarbeit mit dem BVKJ und dem Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord), Kiel, ins Leben gerufen wurde. Sie bietet ansprechende und aufwendige Arbeitsblätter, Schriften und Vorschläge für Vorträge, Unterrichtsgestaltung, Projekt- und Jugendarbeit und gibt Tipps und Anregungen für Beratungsgespräche. Ein begleitendes Quiz, bei dem es Geldpreise zu gewinnen gibt, regt Kinder und Jugendliche an, sich mit dem Thema zu befassen.

Alle Materialien können kostenfrei über das Institut für Therapie und Gesundheitsforschung, Aktion Glasklar, Düsternbrooker Weg 2, 24105 Kiel, über www.aktionglasklar.de oder bei der örtlichen DAK-Geschäftsstelle bezogen werden. Die Initiative läuft bis Ende März 2005.

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