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Braille-Schrift auch heute noch modern

27.08.2001
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SELBSTHILFEGRUPPEN

Braille-Schrift auch heute noch modern

von Christiane Berg, Hamburg

In Deutschland leben 155.000 blinde und circa 500.000 sehbehinderte Menschen. Mit dem Augenlicht verlieren jährlich rund 28.000 Frauen und Männer, meist im Seniorenalter, die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Die weltweit verbreitete Braille-Schrift kann ihnen helfen, weiterhin aktiv am Leben teilzunehmen. "Die 1825 entwickelte Blindenschrift bleibt auch im Mulimediazeitalter modern ", betont der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV), Bonn.

Er wird als "hochintelligentes Kind mit genialen Geistesgaben" beschrieben: Louis Braille, der durch seine Punktschrift Millionen von Blinden Lesen und Schreiben trotz Verlust des Augenlichtes ermöglichte. Im Alter von drei Jahren verletzte er sich in der Sattlerei seines Vaters beim Spiel mit Werkzeugen schwer an einem Auge. Im Laufe der Zeit wurde auch das zweite Auge in Mitleidenschaft gezogen, so dass er allmählich auf beiden Augen erblindete.

Lesen mit den Händen

In Anlehnung an ein Schriftsystem aus elf abtastbaren Punkten, das zu militärischen Zwecken und zur Nachrichtenübermittlung von Soldaten auch in der Nacht genutzt wurde, entwickelte Braille mit 16 Jahren die heute noch aktuelle Blindenschrift aus sechs erhabenen Punkten, die über 63 Punktkombinationen das Lesen mit den Händen erlaubt. Den weltweiten Siegeszug seiner Schrift erlebte Braille nicht mehr. Er starb im Alter von 43 Jahren an einer Lungenentzündung.

Mit Hilfe der sechs tastbaren Punkte und unter Nutzung von Braille-Druckern oder Braille-Zeilen am Computer (fühlbares Display zur Ausgabe der Schriftzeichen des Computerbildschirms in Punktschrift) arbeiten blinde Menschen zum Beispiel als Verwaltungsangestellte, EDV-Kaufleute und Programmierer, Juristen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Theologen, Informatiker oder Betriebswirte.

Verstärkte Nutzung gefordert

"Die Punktschrift für blinde Menschen ist nach wie vor das wichtigste Medium für Information und Bildung, für berufliche Qualifikation und selbstständige Lebensführung", bestätigt Dr. Thomas Nicolai, Leiter des Referates Öffentlichkeitsarbeit des DBSV, selbst auf Grund einer Sehnervstörung im Kleinkindalter sehbehindert. Das für blinde Menschen so hilfreiche ABC sei dennoch zu wenig verbreitet und werde lediglich von 20 Prozent der Betroffenen beherrscht. Der DBSV setzt sich daher unter anderem dafür ein, dass jeder Erblindete die erforderlichen Hilfen zum Erlernen der Punktschrift erhält.

"Wir fordern darüber hinaus den verstärkten Einsatz von Punktschriftsymbolen oder -beschriftungen auch im öffentlichen Bereich zum Beispiel in Personenaufzügen, an Automaten, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch auf Verpackungen von Arzneimitteln", so Nicolai. Seit über 20 Jahren engagiert sich der 50-jährige promovierte Kulturwissenschaftler für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen und ist heute unter anderem Redakteur der monatlich erscheinenden DBSV-Verbandszeitschrift "Die Gegenwart", die in Blindenschrift, auf Tonbandkasette, in Schwarzschrift und auf Diskette erscheint.

Immer eine Stocklänge voraus

Wie das Lesen der Braille-Schrift müssen Blinde auch das Gehen und "Sehen" mit dem weißen Stock erst lernen. Der Langstock wird heute von blinden Menschen nicht nur als Orientierungshilfe, sondern auch als Erkennungszeichen genutzt, um ihre Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Die Betroffenen werden von speziell ausgebildeten Rehabilitationslehrern nach Verordnung in ihrer Mobilität geschult. "Immer eine Stocklänge voraus", unter diesem Motto steht auch der "Tag des weißes Stockes" am 15. Oktober 2001, den der DBSV und die Landesvereine nutzen wollen, um die Sensibilität der Menschen für Blinde und Sehbehinderte im Straßenverkehr zu schärfen.

"Blinde und Sehbehinderte, die allein unterwegs sind, kommen in der Regel auch allein zurecht. In schwierigen Situationen werden sie jedoch Hilfsangebote gern annehmen", so Nicolai. Die Frage "Darf ich Ihnen behilflich sein?" sei nie verkehrt. "Als verwirrend und entmündigend hingegen wird es jeder Betroffene empfinden, wenn er wortlos am Arm gepackt und über die Straße gezogen oder geschoben wird. Es soll schon vorgekommen sein, dass jemand auf diese Weise in eine Straßenbahn geriet, mit der er gar nicht fahren wollte."

Weltweit 40 Millionen Blinde

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband - DBSV hat seine Geschäftsstelle in der Bismarckallee 30, 53173 Bonn, Telefon (02 28) 95 58 20, E-Mail: dbvbonn@t-online.de, www.dbsv.org, Referat Öffentlichkeitsarbeit,: Rungestraße 19, 10179 Berlin, Telefon (0 30) 28 53 87-0, Fax (0 30) 28 53 87-20. Als unmittelbarer Nachfolger des 1912 gegründeten Reichsdeutschen Blindenverbandes, hat 20 Landesverbände mit 40. 000 Mitgliedern und zahlreichen Selbsthilfegruppen, die das Miteinander im Sinne der Selbsthilfe pflegen. Die Verbände vermitteln Trainingskurse, in denen auch Neuerblindete lernen, unter den erschwerten Bedingungen ihren Alltag weiterhin selbstständig zu gestalten. Sie weisen gegebenenfalls auf Umschulungsmöglichkeiten hin und informieren über das Angebot an speziellen Hilfsmitteln wie Personenwaagen, Taschenrechner, Uhren, Wasserwaagen oder Fieberthermometer mit Sprachausgabe, Großtastentelefone, Geldscheinschablonen, aber auch Hörliteratur, Vorlesegeräte mit Scanner und Texterkennung, Skatkarten, Würfel und Brettspiele mit Punktmarkierungen.

Eine ausführliche Darstellung aller Leistungen, wichtiger Adressen und Anlaufstellen findet man unter www.dbsv.org. Der direkte Kontakt zur nächstgelegenen Beratungsstelle eines DBSV-Landesverbandes lässt sich unter der bundesweiten Rufnummer (0 18 05) 66 64 56 herstellen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten leistet der DBSV auch Entwicklungshilfe. Weltweit leben über 40 Millionen Blinde - besonders in den Entwicklungsländern - meist fern von jeglicher Hilfe und in großer Not.

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E-Mail: redaktion@govi.de

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