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EEG unterstützt Therapiewahl

11.08.2003
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Schizophrenie

EEG unterstützt Therapiewahl

von Wolfgang Kappler, Würzburg

Die Messung elektrischer Signale liefert möglicherweise neue Ansätze zur Therapie von Schizophrenien. Zu dieser Erkenntnis kommen Psychiater der Universität Würzburg. Sie beobachteten bei schizophrenen Patienten Störungen in einem Steuerungszentrum des Gehirns, das für Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten eine wichtige Rolle spielt.

Während der Untersuchung wurden Versuchspersonen auf einem Bildschirm nacheinander verschiedene Buchstaben gezeigt. Immer wenn ein O erschien, sollten sie sich darauf vorbereiten, möglichst schnell eine Antworttaste zu drücken. Das durfte aber erst dann passieren, sobald auf das O ein X folgte. Erschien nach dem O ein anderer Buchstabe, mussten die Testpersonen die bereits gedanklich vorbereitete Aktion unterdrücken. Mit diesem einfachen Test lösten die Würzburger Forscher um den Leiter des Labors für Klinische Neurophysiologie, Privatdozent Dr. Andreas Fallgatter, bei den Versuchspersonen einen Entscheidungskonflikt aus.

Was dabei im Gehirn passiert, beobachteten sie mithilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG). „Wir sahen, dass das Unterdrücken der gedanklich vorbereiteten Reaktion nicht ein passives Unterlassen ist. Vielmehr wird ein wichtiges Steuerungszentrum im Vorderhirn des Menschen, das anteriore Cingulum, aktiviert“, berichtet Fallgatter. Während bei Gesunden die elektrische Aktivität dieser Hirnregion stabil bleibt, zeigen sich in den EEGs schizophrener Patienten auffällige Veränderungen. „Dabei könnte es sich um eine gänzlich andere Vernetzung von Nervenzellen handeln, die eine abweichende Verarbeitung elektrischer Signale bedingt“, vermutet Fallgatter.

Eine weiterführende Untersuchung wies darauf hin, dass die Behandlung mit atypischen Neuroleptika in ausreichend hoher Dosierung zu einer Normalisierung der elektrischen Hirnaktivität im anterioren Cingulum führen könnte. Weil andere Forschergruppen in jüngster Zeit mit anderen Methoden zu ähnlichen Ergebnissen bei der Untersuchung der Steuerungszentren im Vorderhirn kamen, sieht Fallgatter nun die Chance, „in Zukunft möglicherweise über eine Messung der Hirnfunktion ganz individuell zu bestimmen, welche Medikamente bei welchem Patienten wirken, um so die Behandlung zu verbessern“. Dieser Ansatz wird zurzeit an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Würzburg systematisch überprüft.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung hat Schizophrenie nichts mit gespaltener oder multipler Persönlichkeit zu tun. Falsch ist auch, den Begriff generell auf von Normen abweichende Verhaltensmuster anzuwenden. Vielmehr werden unter dem Oberbegriff Schizophrenie verschiedene Krankheiten zusammengefasst, die durch Beeinträchtigungen des Denkens, des Fühlens und der Bewegungssteuerung gekennzeichnet sind. Die geschätzten 800 000 Betroffenen in Deutschland können je nach Art der zu Grunde liegenden schizophrenen Erkrankung unter so unterschiedlichen psychopathologischen Symptomen wie Denkstörungen mit Gedankenabreißen oder Einschiebungen in den Gedankenfluss, verworrenen Sprachäußerungen, dem Wahn, zum Beispiel verfolgt oder bestrahlt zu werden, Trugwahrnehmungen, starken Beeinträchtigungen von Stimmung und Antrieb, Veränderungen der Mimik und Gestik leiden.

Stoffwechselstörung im Gehirn

Während manche Psychologen und Soziologen versuchen, die hinter diesen Symptomen vermuteten verdrängten und traumatisierenden Konflikte herauszuarbeiten, haben Psychiater, Neurobiologen und -physiologen in den vergangenen Jahren immer mehr Indizien dafür gefunden, dass sich hinter schizophrenen Erkrankungen gestörte Hirnfunktionen verbergen. „Die Ursachen können bei manchen Formen schizophrener Erkrankungen genetisch bedingt sein, bei anderen kann es sich um Hirnentwicklungsstörungen als Folge einer Infektion während der Schwangerschaft oder einer Komplikation während der Geburt handeln“, sagt Fallgatter. In deren Folge kann es zu einer veränderten Lokalisation, Anzahl und Funktion bestimmter Hirnzellen und damit zu einer Über- oder Unteraktivität bestimmter Hirnareale kommen, oft verbunden mit einem Ungleichgewicht bestimmter chemischer Signalbotenstoffe.

Danach wären Schizophrenien eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns. Eine solche Krankheit kann medikamentös beeinflusst werden. Weil durch die Gabe von Neuroleptika Symptome vielfach verschwinden, sieht sich die Psychiatrie mit ihren biologischen Erklärungsmodellen immer mehr bestätigt. „Psychologische Argumente haben eindeutig an Boden verloren, auch wenn schwierige Lebenssituationen bei einer entsprechenden Veranlagung durchaus zur Auslösung schizophrener Krankheitsschübe führen können“, sagt Fallgatter. Allerdings gibt es bisher noch zu wenig Möglichkeiten, um vor Behandlungsbeginn zu entscheiden, welcher Patient von welchem Medikament am meisten profitiert. Top

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