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ADD auch bei Erwachsenen

13.08.2001  00:00 Uhr

SELBSTHILFEGRUPPEN

ADD auch bei Erwachsenen

von Christiane Berg, Hamburg

Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition im Erwachsenenalter: eine neue Mode-Diagnose? Nein. Zum einen hat sich der Blick für die Problematik verschärft. Zum anderen überfordert die heutige Mediengesellschaft besonders die von ADD betroffenen Menschen. Nicht zuletzt ist es gerade diese Gesellschaft, die kontrolliertes Verhalten verlangt.

Die Prävalenz von ADD bei Erwachsenen liegt zwischen 2 und 6 Prozent. Gehirnforscher vermuten, dass der Symptomatik eine Abweichung im Gehirnstoffwechsel, genauer eine Dysregulation der Neurotransmittersysteme von Dopamin und Noradrenalin zugrunde liegt. Sie geht mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, der Selbststeuerungsfunktionen und Planungs- und Handlungskontrolle sowie fakultativ mit motorischer Hyperaktivität und Unruhe einher.

Stets unter Hochspannung

"Bei Menschen mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition ist nicht etwa zu wenig, sondern zu viel los im Kopf. Sie haben eine andere Art, die Welt zu sehen, und nehmen mehr Eindrücke auf, was zu Reizüberflutungen und schließlich zu Zerstreutheit und emotionalen Schwankungen führen kann", so Barbara Högl, erste Vorsitzende des Bundesverbandes Arbeitskreis Überaktives Kind e.V. - BVAÜK, Berlin. Sie ist Mutter eines heute 18-jährigen "ADD-geprägten" Sohnes, den sie als "ungewöhnlich schnell, in anderen Zusammenhängen denkend und hoch sensibel" beschreibt.

Schon als kleines Kind habe ihr Sohn sich anders als seine älteren Geschwister verhalten. "Als Baby schlief er viel zu wenig. Er schrie sehr viel und ließ sich nicht trösten. Als Kleinkind zeichnete er sich durch ungeschicktes Laufen und übersteigerte Motorik aus", so Högl, Autorin mehrerer Bücher und Filme zum Thema ADD wie "Störfalle? - Die viel zu (un)aufmerksamen Kinder". Ihr Sohn habe sein Umfeld stets in Hochspannung versetzt, ständig sei jemand damit beschäftigt gewesen, ihn ein- oder eine Vase, ein Glas, einen Teller aufzufangen. In der Schule dann war er unruhig und unkonzentriert und habe trotz hoher Intelligenz langsamer gelernt als andere Kinder.

Erfolgreiche Strategien

Von Seiten der Ärzte hieß es, alles sei im "grünen Bereich". Als sich die Zustände im Unterricht und bei den Hausaufgaben schließlich verkomplizierten und die Familie im Chaos zu versinken drohte, sei sie 1992 auf der Suche nach Hilfe auf den AÜK aufmerksam geworden, sagt Högl. Ihr Sohn war damals acht Jahre alt.

"Vorteil der späten Diagnose war, dass er viele Erfahrungen aus sich selbst heraus machen musste. Doch hätte man ihm in Kenntnis seiner Disposition diesen schweren Lernprozess durch Therapiemaßnahmen zur sensorischen Integration mit Verbesserung des Körper-Raum-Gefühls und der motorischen Steuerung bereits in der Vorschulzeit wesentlich erleichtern können", so die Vorsitzende, die sich in der 2000 Mitglieder starken Selbsthilfeorganisation seit 1992 engagiert und unter anderem auch Redakteurin der viermal jährlich erscheinenden Verbandszeitschrift "Die AKZENTE" ist.

Elternschulung als Basis

Zu den Bewältigungsstrategien im Umgang mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition zählt der Ausbau individueller Potenziale und sozialer Kompetenzen, die Stärkung des Selbstwertgefühls sowie die der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Sie begrüße es, wenn man sich dabei nicht auf ein Medikament verlassen muss, sagt Högl. Doch seien zahlreiche Familien so verzweifelt, dass eine medikamentöse Unterstützung zum Beispiel mit Methylphenidat (Ritalin®) oder Pemolin (Tradon®) beziehungsweise trizyklischen Antidepressiva unumgänglich werden kann, schildert sie ihre Erfahrungen.

Die Gabe von Medikamenten müsse immer mit einer entsprechenden Verhaltenstherapie unter Einbindung der gesamten Familie und der Schule einhergehen. Högl: "Der Alltag und das Lebensumfeld müssen so organisiert werden, dass es dem Kind zugute kommt. Es müssen klare Strukturen geschaffen werden." Elternschulung sei daher Basisbaustein in der Therapie. Die frühzeitige Aufklärung von Müttern, Vätern und Erziehern über die Besonderheiten von ADD-Kindern sei wichtig, um deren Entwicklung günstig zu beeinflussen.

Bestandteil der Persönlichkeit

Die früher oft geäußerte Meinung, die Störung verwachse sich mit zunehmenden Lebensalter, ist falsch. Das Erscheinungsbild bei Erwachsenen mit ADD reicht von ausgeprägten Konzentrations-, Gedächtnis-, Antriebs- und Organisationsschwierigkeiten bis hin zu häufigen und starken Stimmungsschwankungen oder aber ausgeprägten impulsiven Verhaltensweisen und starker Hyperaktivität. Unter plötzlich auftretender Aggressivität leiden Frauen mehr als Männer, da Überreaktionen und die Unfähigkeit, sich zu beherrschen, gerade beim weiblichen Geschlecht nicht in das gängige Rollenschema passen und die Umwelt mit großem Unverständnis reagiert. Diese Frauen neigen daher oft auch zu Depressionen.

Högl: "Wer eine Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition hat, muss verstehen, dass diese Bestandteil seiner Persönlichkeit ist." Der erste Schritt auf dem Weg zur erfolgreichen Bewältigung sei die Erkennung und das Wissen, dass das "Anderssein" auf eine spezielle und individuelle "Verdrahtung" im Gehirn zurückzuführen ist. Hilfreich sei es vor allem, einen Therapeuten als "Trainer" zu finden, der bei Neuorganisation und Stress-Management hilft. Eine große Hürde im Umgang mit ADD könne durch Gründung oder Eintritt in eine Selbsthilfegruppe genommen werden.

Wichtiger Motor

Die medikamentöse Behandlung bei ADD im Erwachsenenalter könne den Weg zur Veränderung ebnen, ohne dauerhafte Auseinandersetzung mit dem vertrauten Chaos jedoch sei ein wirklicher Wandel nicht möglich. Högl: "Die Betroffenen müssen lernen, sich selbst zu steuern, ohne dabei ein Nullachtfünfzehn-Mensch zu werden. Im Gegenteil: Sie müssen sich selbst akzeptieren und ihre Stärken und vermeintlichen Schwächen wie Wind unter den Flügeln nutzen." Sich den allgemeinen Erwartungen oder den herkömmlichen Formen der Lebensführung verpflichtet zu fühlen, sei nicht förderlich. Högl: "Mit ihrer großen Phantasie und Unruhe sind diese Menschen wichtiger Motor vieler gesellschaftlicher Prozesse."

Der Bundesverband Arbeitskreis Überaktives Kind e. V. (Postfach 41 07 24, 12117 Berlin) arbeitet seit mehr als 25 Jahren in mittlerweile über 100 Selbsthilfegruppen. Er vertritt die Belange von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADD in der Öffentlichkeit und unterstützt die Ursachenforschung und Weiterentwicklung von Diagnostik und Therapie. Vor allem aber bietet er die Möglichkeit zu Kontakten und Erfahrungsaustausch. Der BVAÜK ist per Telefon (0 30) 85 60 59 02), per Fax (0 30) 85 60 59 70 oder per E-Mail (BV.AUEK@t-online.de; www.auek.de) zu erreichen.

 

ADD: Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition; ursprünglich aus dem Englischen: Attention Deficit Disorder, mit oder ohne Hyperaktivität

ADHD: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität

ADS: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom

HKS: Hyperkinetisches Syndrom

ADD/H: synonym zu ADHD

Die unterschiedliche Verwendung der Termini hat einen direkten Bezug zu den verschiedenen Erklärungsmodellen für ADD - die Bezeichnung, die in Anpassung an den internationalen Sprachgebrauch heute bevorzugt wird.

 

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