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Hörschaden durch Quietscheente

02.08.2004
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Lärmbelastung

Hörschaden durch Quietscheente

von Conny Becker, Berlin

Schlaf, Konzentration und Kommunikation sind schon bei moderaten Lärmpegeln gestört, nehmen diese zu, können Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gehörschäden die Folge sein. Wie sich Lärmbelastung auf Kinder auswirkt, ist bisher wenig erforscht, doch gerade sie müssen unter den möglichen Schäden lange leiden.

Das Ohr ist immer hellwach, selbst im Schlaf, nimmt es Umgebungsgeräusche wahr. Sind diese unbekannt, sendet es Signale an den Körper, um ihn in einen Alarmzustand zu versetzen, auch wenn eine zufallende Tür oder ein vorbeifahrender LKW im Grundsatz keine Gefahr darstellen. Der Organismus gelangt unter dem Einfluss von Adrenalin, Noradrenalin und Cortison in einen Stresszustand, der Betroffene schläft unruhiger, ist gereizt und kann sich schlecht konzentrieren. Dabei ist gerade Dauerbeschallung ohne Lärmpausen problematisch, denn auch das Ohr braucht Zeit, um sich zu erholen.

Zudem können sich Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen ihre Lebensumstände nicht selbst wählen. „Die Schallbelastung von Kindern wird jedoch in der Politik nicht besonders berücksichtigt und auch von der Forschung weitestgehend vernachlässigt“, kritisierte Professor Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp im Rahmen des Fachgesprächs „AG Kinder und Familie – Lärmbelästigung und Kindergesundheit“, zu dem die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen geladen hatte.

 

Dezibel Umgebungslärm ist als Schalldruck messbar und wird in einer logarithmischen Dezibel-Skala (dB (A)) angegeben. Der Zusatz A besagt, dass tiefe und hohe Frequenzen entsprechend dem menschlichen Gehör abgeschwächt wurden. Ein Lärmanstieg um 10 Dezibel empfindet das menschliche Ohr als Verdopplung der Lautstärke. Wie sehr ein Geräusch den Hörenden belästigt, wird so jedoch nicht erfasst.

 

Per DIN-Definition ist Lärm ein Hörschall, der Ursache für Belästigungen, Beeinträchtigungen oder gar gesundheitlicher Schäden sein kann, so die Gastprofessorin der TU Berlin, Institut für Technische Akustik mit dem Schwerpunkt „Schallbewertung und Lärmwirkung“. Aber nicht nur die Lautstärke, auch die emotionale Belegung der Geräusche sind wichtig, ebenso der interaktive Kontext, in dem sie auftauchen. Dennoch steht fest, dass Lärm als eines der größten Umweltprobleme der Zivilisation unser Befinden stört. Nach Angaben der Europäischen Kommission sind 80 Millionen Menschen Schallpegeln ausgesetzt, die belästigen, den Schlaf stören und nachhaltige Gesundheitsschäden befürchten lassen. Dabei liegt die Schallbelastung in Europa bei 20 Prozent der Bevölkerung tagsüber über dem Grenzwert von 65 dB(A), ab dem Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu befürchten sind. Der nächtliche Grenzwert von 55 dB(A) wird sogar bei 30 Prozent der Europäer überschritten, informierte Schulte-Fortkamp. Zudem geben Studien Hinweise darauf, dass Lärm Blutdruck, Herzfrequenz und somit möglicherweise das Herzinfarktrisiko erhöht. Sicher ist, dass er die Umweltqualität senkt: 80 Prozent der Deutschen fühlen sich laut einer Studie des Umweltbundesamts von Geräuschen belästigt.

Kinder unter Beschallung

„Kinder können immer nur reagieren, dass heißt, sich zurückziehen oder dagegen schreien“, betonte Schulte-Fortkamp. Bei ihnen beeinflusst die Lärmbelästigung aber auch ihre Entwicklung. Wachsen sie etwa an einer verkehrsreichen Straße auf (mit einem Schallpegel von etwa 70 dB(A)), ist auch die Kommunikation deutlich gestört. Die Heranwachsenden können folglich die Sprache nicht richtig erlernen, weil Gespräche unterbrochen werden oder einfach nicht stattfinden. Dies betrifft vor allem Kinder, die aus einer niedrigen sozialen Schicht stammen.

Lern- und Konzentrationsstörungen treten schon bei normal lauter Unterhaltung oder Radiogeräuschen auf und wirken sich auch auf die Schulleistung aus. „In der Pisa-Studie wurde die Lebenssituation der Kinder nicht analysiert“, bemängelte die Expertin. Eine Untersuchung aus Schweden betrachtete dagegen die kognitiven Fähigkeiten von 326 zehnjährigen Kindern aus der Münchner Flughafenstudie abhängig vom Lärmpegel. Verglichen mit der Zeit vor dem Flughafenwechsel waren die Kinder am neuen Flughafen danach in ihrem Langzeitgedächtnis und ihrer Lesaufnahmefähigkeit beeinträchtigt. Beides besserte sich bei den Kindern am alten Flughafen, die nun weniger Umgebungslärm hatten. Die so genannte Tirolstudie ergab zudem, dass bei Lärm belasteten Kinder die Herzfrequenz nach Stressbelastung stärker anstieg als bei unbelasteten und sie einen höheren Ruheblutdruck aufwiesen.

 

Lärm als Studienparameter Auch in Deutschland sollen nun die Auswirkungen von Lärm auf Kinder erfasst werden und zwar im Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey 2006. Dabei untersucht das Robert-Koch-Institut (RKI) 17.000 Kinder im Alter von null bis 17 Jahren. Im Teilmodul „Umweltsurvey“ werden neben der Hörfähigkeit auch die Schallpegel bei den Kindern zuhause gemessen und nach der subjektiven Störung oder Ohrgeräuschen gefragt. Dieses Modul wird mit den weiteren medizinischen Daten zusammengebracht und auch das soziale Umfeld erfasst. Mit den Ergebnissen rechnet das RKI in 2007.

 

Generell sei die Studienlage jedoch mehr als unbefriedigend, so Schulte-Fortkamp. Wie Kinder Lärm verarbeiten und welche Gesundheitsschäden sie davontragen, ist weitgehend ungeklärt. Eine Studie der Uniklinik Wuppertal offenbart jedoch, dass Lärm nicht erst mit dem Straßenverkehr beginnt: Die Forscher maßen auf der Säuglingsstation die Schallwerte in Inkubatoren und fanden heraus, dass die schwächlichen Frühgeborenen einer Belastung von 49 bis 54 dB(A) ausgesetzt sind, wobei die leiseste Stunde in etwa dem nächtlichen Richtwert für Gewerbegebiete entspricht. „Diese Studie hat ein gewisses Erschrecken in Fachkreisen hervorgerufen“, verriet die Expertin. Es sei zwar nicht sicher, wie gut die kleinen Wesen hören, der Aufenthalt im Inkubator könnte jedoch durch die zusätzliche Belastung verlängert sein, so ihre Hypothese.

Feuerwerk und Tinnitus

Bei Kindern und Jugendlichen leiden deutlich mehr Jungen unter dem Dauergeräusch im Ohr als Mädchen. Ein Tinnitus entsteht jedoch nicht allein durch starken Lärm beziehungsweise laute Musik, sondern ist auch an andere Stressfaktoren gekoppelt, erinnerte die Referentin. Während allerdings Disko- oder Konzertbesuche als Auslöser allgemein bekannt sind, wird über Kinderspielzeug wenig nachgedacht. Untersuchungen zufolge kann eine Quietscheente oder ein Knackfrosch am Kinderohr jedoch einen Schalldruck von 120 dB(A) entwickeln, der mit dem Lärm eines Düsenjets zu vergleichen ist. Traumata können zudem durch Silvesterknaller entstehen und auch jugendliche Sportschützen (rund 14 Prozent haben Gehörschäden) sollten sich der Gefahr für ihre Ohren bewusst sein, warnte die Referentin. Denn Tinnitus nimmt in Deutschland weiter zu. Derzeit leben mehr als drei Millionen Deutsche mit Ohrgeräuschen, etwa 14 Millionen sind hörgeschädigt.

„Ein Knall hat das Ohr um 50 Jahre altern lassen“, sagte Professor Dr. Eckhard Hoffmann von der Fachhochschule Aalen, Studiengang Augenoptik und Hörakustik, und berichtete von einem jungen Patienten, der wegen eines Silvesterknallers einen einseitigen Hörschaden von 71 Prozent erlitt. Das Dilemma dabei: „Die 18.000 Hörzellen sind eine einmalige Grundausstattung, werden sie geschädigt, bleibt eine Lücke.“ Da ein Knall schon in einer Hundertstel Sekunde einen lebenslangen Schaden bewirken kann, müssen Kinder bereits im Kindergarten ihr Ohr als Sinnesorgan vorgestellt bekommen und schätzen lernen.

Disco in Maßen

Auf ein beunruhigendes Ergebnis stieß der Aalener Professor, als er der Frage „Wie gut hört die Jugend?“ nachging und 1510 Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren mit einem standardisierten Hörtest untersuchte. Ein Viertel der jungen Erwachsenen, darunter mehr mit geringerer Bildung als Gymnasiasten, hatten auf mindestens einer Frequenz auf mindestens einem Ohr einen Hörschaden. Darunter versteht man einen Verlust des Hörvermögens um 20 Dezibel oder mehr. Über die Hälfte der Befragten hatten bereits zumindest einmal Ohrgeräusche wie Pfeifen, Zischen oder Rauschen.

„Musik ist garantiert nicht der Hauptgrund der Hörstörungen“, sagte Hoffmann. Zu diesem Ergebnis kam er, nachdem er Durchschnittsaudiogramme bei Subgruppen erstellte. Dafür unterteilte er die jungen Männer anhand ihrer durchschnittlichen „Diskodosis“ und fand sowohl in der Gruppe der extremen Diskogänger als auch bei denen, die nie in einer Diskothek waren und auch keinen Walkman besaßen, ein hohes Risiko für Hörschäden. Dieses war in der Gruppe der moderaten Diskobesucher am geringsten, was der Mediziner, der ursprünglich eine Dosis-Wirkungs-Beziehung erwartet hatte, vorsichtig als „gewissen präventiven Effekt“ bezeichnete.

Das Risiko für Hörschäden kann neben entsprechend einschränkenden Gesetzen auch ein spezieller Musikergehörschutz wie der HSER-20 der Firma Hearsafe mindern, der die Geräusche linear dämmt und somit den Musikgenuss nicht einschränkt. Zudem werden derzeit in einem Kooperationsprojekt mit dem baden-württembergischen Sozialministerium Discjockeys in gesundheitlichen, akustisch-technischen und rechtlichen Aspekten geschult und erhalten einen DJ-Sachkundenachweis, informierte Schulte-Fortkamp.

Kinder früh für ihr Gehör zu sensibilisieren, ist das Ziel von vier Projekten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). „Wir wenden uns an Kinder und Jugendliche, bevor sie ihre Gewohnheiten entwickeln, um langfristig Erfolg zu haben“, sagte die BzgA-Direktorin Elisabeth Pott. Und bei den 20 bis 25 Prozent der Jugendlichen mit Hörbeeinträchtigungen oder Tinnitus wolle man die Hörgewohnheiten ändern. Dazu bietet die BzgA Unterrichtsmaterialien zum Thema Lärm für die Grundschule und die Klassen fünf bis zehn an, die mit Hörbeispielen auch eine sinnliche Erfahrung ermöglichen. Lehrer sollen so die Kinder anregen, ihr Leben auf Lärm zu hinterfragen, und zudem Phasen der Stille einüben. Eltern vier- bis zehnjähriger Kinder können die Broschüre „Zu viel für die Ohren“ anfordern und für die Jugendlichen selbst ließ die BzgA das PC-Spiel „Radio 108,8“ entwerfen – ein Strategiespiel mit dem Ziel, Lärm zu vermeiden. Auf diese Weise, so Pott, solle den Kindern der Aufbau und die Funktionsweise und damit die Schutzbedürftigkeit ihrer Ohren vermittelt werden. Top

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