Pharmazeutische Zeitung online

Medikamente für die Armen

19.07.2004  00:00 Uhr

Welt-Aids-Konferenz

Medikamente für die Armen

von Christina Hohmann, Eschborn

40 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert. Nur ein Bruchteil der behandlungsbedürftigen Betroffenen erhält die lebensrettende Therapie. Wie der Zugang zu den Medikamenten zu verbessern ist, stand im Fokus der 15. Internationalen Welt-Aids-Konferenz, die vom 11. bis 16. Juli in Bangkok stattfand.

Entschlossenheit im Kampf gegen Aids ist gefordert, so das Fazit der Welt-Aids-Konferenz, die unter dem Motto „Zugang für alle“ stand. Die Veranstaltung, an der rund 19.800 Menschen aus 160 Nationen sowie 3000 Journalisten teilnahmen, war die größte Welt-Aids-Konferenz bislang.

Betroffenenverbände und Organisationen wie UNAIDS und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisierten einhellig die mangelnde Bereitschaft von Politik und Wirtschaft, diesen wichtigen Kampf zu unterstützen. „Weitere Verzögerungen beim Zugang zu HIV-Medikamenten gehen auf Kosten von Menschenleben“, sagte Dr. Joep Lange, Präsident der internationalen Aids Society. Nur 7 Prozent der fünf bis sechs Millionen Betroffenen, die in Entwicklungsländern eine Behandlung benötigen, erhielten bis 2003 eine Therapie. Ohne Zugang zu antiretroviralen Medikamenten und bei gleich bleibender Infektionsrate werden 60 Prozent der heute 15-Jährigen in Afrika ihren 60. Geburtstag nicht erleben.

Diesen Misstand will nun die WHO beseitigen: Vor sechs Monaten, zum Welt-Aids-Tag 2003, startete sie die Initiative „3 by 5“, die bis Ende 2005 insgesamt drei Millionen Menschen eine Therapie ermöglichen soll. Seitdem lassen sich schon erste Fortschritte bemerken. Mittlerweile werden mit 440 000 Menschen doppelt so viele Aids-Patienten behandelt wie noch vor zwei Jahren. Einer Verbesserung des Zugangs zu Medikamenten stehen neben den hohen Therapiekosten auch die schlechte Infrastruktur und ein starker Mangel an Fachkräften wie Ärzten, Krankenschwestern oder Sozialarbeitern im Wege, meldet die WHO.

Auch mit der Prävention sieht es eher düster aus: Ein Aids-Impfstoff ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht. Die Entwicklung einer effektiven Vakzine gegen das HI-Virus wird vermutlich noch Jahrzehnte dauern. Bisher beendete erst ein Vakzinekandidat die klinische Prüfung der Phase III. „Das ist eine Schande für die gesamte Welt“, sagte Seth Berkley, Präsident der International Aids Vaccine Initiative (IAVI). Schuld sei ein mangelndes Interesse von Seiten der Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

Der Impfstoff Aidsvax der Firma VaxGen hatte in der Phase-III-Studie enttäuscht. Die Pipeline ist dennoch sehr voll: 30 Kandidaten befinden sich derzeit in der Entwicklung. Offiziell könnte ein Impfstoff bereits in zehn Jahren verfügbar sein. Inoffiziell zweifeln Experten aber daran, ob es jemals eine effektive Vakzine geben wird, da der Virus sich ständig durch Mutation verändert und neue Subtypen entwickelt. Sorge bereitet vor allem, dass alle Impfstoffkandidaten den gleichen Ansatz haben: Sie rufen eine zellvermittelte Immunantwort hervor, aktivieren also T-Lymphozyten zur Antikörperbildung. Eventuell müssten neue innovative Ansätze gefunden werden.

Solange noch kein Impfstoff verfügbar ist, könnten Mikrobizide einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten. Die HIV abtötenden Substanzen, die in Form von Creme, Gel, Schaum oder Zäpfchen in die Scheide eingebracht werden, sollen Frauen vor einer Infektion mit dem Aidserreger schützen. Erste Präparate könnten schon in fünf Jahren auf dem Markt sein, schätzt Zeda Rosenberg vom International Partnership for Microbicides. Derzeit werden 64 Wirkstoffe untersucht, in der klinischen Prüfung befinden sich 18, von denen sechs bis Ende des Jahres bereist in Phase III eintreten werden.

Präparate zum selbstbestimmten Schutz von Frauen sind besonders wichtig, in Anbetracht der Tatsache, dass mittlerweile jeder zweite Infizierte weiblich ist (1985 waren dies noch 35 Prozent). Laut UNAIDS traten 68 Prozent der Neuinfektionen von Frauen bei Verheirateten auf, die keine außerehelichen Sexualkontakte hatten. Frauen haben dabei kaum eine Möglichkeit, sich selbst zu schützen. So ergab eine Umfrage im indischen Arilova, dass 80 Prozent der Frauen ihren Partner nicht auf den Gebrauch von Kondomen ansprechen können. Die Rechte der Frauen zu verbessern trägt damit zu einer erfolgreichen Prävention bei. „Stärkt Frauen und Mädchen, dass sie sich gegen das Virus schützen können“, forderte UN-Generalsekretär Kofi Annan auf der Konferenz. Doch das Ziel der selbstbewussten, sexuell selbstbestimmten Frau liegt noch in weiter Ferne. Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa