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Bildung ist die einzige Schutzimpfung

22.07.2002
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Welt-Aids-Konferenz

Bildung ist die einzige Schutzimpfung

von Christina Hohmann, Barcelona

Aufklärung ist einfach und momentan das wirksamste Mittel gegen die HIV-Pandemie. Denn ein Impfstoff oder eine Heilung der Infektion mit dem Immunschwäche-Virus ist noch in weiter Ferne. Um das Virus aufhalten zu können, müssen vor allem die Schulbildung und die Stellung der Frau in den Entwicklungsländern verbessert werden.

Unter dem Motto “Science and Commitment to Action” begann am 8. Juli in Barcelona die 14. Welt-Aids-Konferenz mit dem Aufruf, die wissenschaftliche Forschung voranzutreiben und die Erkenntnisse in allen Teilen der Welt umzusetzen. Denn die HIV-Pandemie scheint nicht aufzuhalten. Seit der letzten Welt-Aids-Konferenz vor zwei Jahren stieg die Zahl der Infizierten von 36 auf 40 Millionen weltweit an, erklärte Professor Dr. Peter Piot, Chef des Aids-Bekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen, UNAIDS, in seiner Eröffnungsrede.

Brennpunkt der Pandemie ist Afrika. Hier, vor allem in den Ländern südlich der Sahara, leben rund 30 Millionen Infizierte. Eine Therapie ist heute dank der hoch aktiven antiretroviralen Medikamente möglich, „bislang fehlen allerdings die Ressourcen“, so Piot. Während man sich in den Industrienationen Gedanken über Langzeit-Toxizität und bequemere Therapieregime macht, wäre man in den restlichen Teilen der Welt froh, überhaupt über eine Therapie zu verfügen. In Afrika erhalten etwa 30.000 der hier lebenden 30 Millionen Infizierten eine antiretrovirale Behandlung. “Das sind 0,1 Prozent”, sagte Dr. Amir Attaran von der John F. Kennedy School of Government an der Harvard-Universität, Cambridge, USA. “Mit ein bisschen Runden ist das quasi null.”

Ein Teil der Kritik richtet sich in diesem Zusammenhang an die Pharmaindustrie: Aktivisten der unabhängigen Organisation “Act up” besetzten den Messestand von Roche, nachdem das Unternehmen zusammen mit seinem US-amerikanischen Partner Trimeris erklärt hatte, den neuen Hoffnungsträger T20 nicht in Entwicklungsländern vermarkten zu wollen. Der Fusionshemmer, der das Eindringen der HI-Viren in die Immunzellen verhindern soll, hatte in Phase-III-Studien gut abgeschnitten.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse den Menschen in allen Teilen der Welt zugute kommen zu lassen und die erforderlichen finanziellen Mittel aufzubringen, ist nun Aufgabe der Politiker ”auf globaler und nationaler Ebene”, so Piot. Dass sich unter den insgesamt 17.000 Teilnehmern dieser Konferenz mehr Entscheidungsträger als je zuvor bei einem Welt-Aids-Kongress befanden, hielt der Tagungspräsident José Gatell für ein gutes Zeichen.

Das ABC der Prävention

Vor allem in Entwicklungsländern schreitet die HIV-Pandemie immer weiter fort: 95 Prozent der 5 Millionen Menschen, die sich im Jahr 2001 weltweit neu infiziert haben, leben in strukturschwachen Ländern. Trotz der hohen Durchseuchungsraten spielt die Prävention noch immer eine zu geringe Rolle. Dabei wäre jede Infektion bei jungen Menschen durch Aufklärung zu verhindern, meint Piot. „Aufklärung ist kostengünstig und machbar.“ Für rund acht US-Dollar im Jahr könnte jeder Jugendliche in der Schule informiert und über präventive Maßnahmen unterrichtet werden. Dass Aufklärung die Verbreitung des HI-Virus aufhalten kann, zeige das Beispiel Uganda in beeindruckender Weise.

Ende der 80er-Jahre startete der Präsident von Uganda, Yoweri Museveni, das „ABC-Programm“, das für Enthaltsamkeit und Treue wirbt. ABC steht für Abstinenz, „bleib treu“ und benutze ein Kondom. In Uganda zeigte sich diese Strategie äußerst erfolgreich: Die HIV-Prävalenz sank von 21 Prozent im Jahr 1991 auf 6 Prozent im vergangenen Jahr. Ein wichtiger Erfolg ist auch, dass sich das Sexualverhalten änderte. Während 1989 noch 18,4 Prozent der Frauen von mehreren Partnern berichteten, sank dieser Anteil auf 2,5 Prozent im Jahr 2001. Bei Männern nahm die sexuelle Freizügigkeit ebenfalls ab, wenn auch weniger deutlich.

In Sambia versuchte man nun diese erfolgreiche Strategie aus Uganda zu übernehmen und startete ein Aufklärungsprogramm von Jugendlichen für Jugendliche. „Von der ABC-Strategie legten wir vor allem auf Abstinenz und Kondomgebrauch Wert,“ erklärte Holo Hachonda, Youth Communication Coordinator in Zambia, während einer Pressekonferenz. Über zwei Jahre riefen Fernseh- und Radiospots, Musikvideos, Anzeigen in Zeitungen und Poster in den sieben Hauptsprachen des Landes zu Enthaltsamkeit und zum regelmäßigen Kondomgebrauch auf. In dieser frühen Phase ist der Erfolg der Aktion noch nicht abzuschätzen. Erste Ergebnisse sind aber viel versprechend: Die Kampagne, die vom Johns Hopkins University Center for Communication Programs und der US Agency for International Development (USAID) unterstützt wurde, erreichte ihre Zielgruppe, Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren, in weiten Teilen und entfachte eine öffentliche Diskussion über Safer Sex und HIV-Prävention.

Nicht nur die Aufklärung über HIV, sondern auch die Bildung im Allgemeinen sind ungemein wichtig, um die Pandemie einzudämmen. „Aids wird häufig als ein Problem des öffentlichen Gesundheitswesens gesehen“, erklärte Donald Bundy, Leiter des Education and Aids Program der Weltbank, auf einer Pressekonferenz. „Das Thema Bildung wird dabei viel zu wenig berücksichtigt“. Dabei sei Bildung „die einzige Schutzimpfung, die wir zurzeit haben“. Eine bessere Schulausbildung verbessert zudem die ökonomische Situation der Bevölkerung sowie den Stellenwert von Frauen und Mädchen innerhalb der Gesellschaft.

Sex, Macht und Kontrolle

Im Augenblick machen Frauen 47 Prozent der HIV-Infizierten weltweit aus. Schon bald werden sie die Männer überholt haben. Jeden Tag sind Millionen von Frauen durch ungeschützten Geschlechtsverkehr gefährdet, sich mit dem Immunschwäche-Virus zu infizieren. „Wenn man über HIV-Prävention redet, muss man über Sex und damit auch über Macht und Kontrolle sprechen“, sagte Paolo Telles von der Universidade Estadual in Rio de Janeiro, Brasilien. "Die Macht in Partnerschaften ist in den meisten Entwicklungsländern nicht gleichmäßig verteilt.“ Frauen sind häufig nicht in der Position, Safer-Sex-Praktiken wie den Gebrauch von Kondomen vorzuschlagen. „Und selbst wenn sie es tun, können sie sich meist nicht durchsetzen“, so Telles.

Um sich selbst zu schützen, müssen Frauen die Prävention selbst in die Hand nehmen. Eine Möglichkeit hierfür ist das weibliche Kondom. Diese an weite Kondome erinnernde Hülle aus Polyurethan, wird vor dem Geschlechtsverkehr von der Frau angelegt. Da es die gesamte Scheide auskleidet, schützt es sowohl vor ungewollten Schwangerschaften wie auch vor sexuell übertragenen Erkrankungen. Das weibliche Kondom ist das zurzeit einzige Verhütungsmittel für Frauen, das Infektionen verhindert. Seit 1992 auf dem Markt, ist es unter der Bezeichnung „Reality“ oder „Femidom“ weltweit etwa 18 Millionen Mal verkauft worden.

In Brasilien läuft seit 1999 ein „Female Condom Program“, um die Akzeptanz dieser neuen Verhütungsmethode zu steigern, berichtete Telles. Die Erfahrungen zeigen, dass Frauen das Kondom als sicher und angenehm empfanden und ihre Autonomie gestärkt sahen. Ein Vorteil der Methode ist auch, dass das Polyurethan-Produkt auch bei Latex-Allergien eingesetzt werden kann. Entscheidender Nachteil ist allerdings der Preis des weiblichen Kondoms. Es ist deutlich teurer als die Variante für Männer und mit einem Stückpreis von 55 US-Cent als generelle Präventionsmaßnahme in vielen Regionen der Erde nicht zu finanzieren.

Heimliche Verhütung

Mikrobizide sind eine weitere Methode, die Selbstbestimmung von Frauen zu stärken und sie vor Infektionen zu schützen. Diese Gele oder Cremes töten Viren. Da sie unsichtbar sowie geruch- und geschmacklos sind, können Frauen sie heimlich vor dem Geschlechtsverkehr anwenden. Sie stellen somit eine gute Präventionsmaßnahme für Frauen in ärmeren Ländern dar, die sich auf Grund ihres geringen Status nicht gegen Sex wehren können und deren Männer den Gebrauch von Kondomen ablehnen.

Obwohl bereits seit über zehn Jahren an Mikrobiziden geforscht wird, ist noch kein solches Produkt zugelassen. Von den möglichen inzwischen über 60 Kandidaten befinden sich elf in frühen klinischen Studien. Verglichen mit anderen pharmazeutischen Feldern ist die Entwicklung in diesem Bereich ungemein langsam. Obwohl Frauenorganisationen die Produkte als preiswert, sicher und einfach anzuwenden lobten, fehlt offenbar der Antrieb, die Mikrobizide durch die Entwicklungs-Pipeline zu schleusen. „Es gibt in den reichen Ländern keinen Markt dafür“, erklärt Stefano Vella, italienischer Mikrobizid-Forscher und Präsident der internationalen Aidsgesellschaft.

Daher ist es auch kein Wunder, dass der zurzeit viel versprechendste Kandidat, CarraguardTM, von der internationalen Non-Profit-Organisation „Population Council“ entwickelt wurde. Das Gel enthält die pharmazeutisch aktive Substanz Carrageen, ein sulfiertes Polysaccharid, das aus Algen gewonnen wird. Es verhindert sowohl in vivo als auch in vitro Infektionen mit HIV, Herpes-simplex-Virus 2, humanen Papillomviren und Neisseria gonorrhoeae. Studien der Phase II hat das Produkt bereits erfolgreich bestanden. Bis Anfang 2003 sollen nun Phase-III-Studien in Südafrika und Botswana beginnen, die voraussichtlich vier Jahre dauern werden. Das Produkt käme damit frühestens 2007 auf den Markt.

„Ein funktionierendes Mikrobizid wäre eine Revolution“, sagte Piot. Dabei stellen die Substanzen allein keine Lösung für die fortschreitende Pandemie dar, aber sie sind Teil einer Strategie, zu der Aufklärung, Kondomgebrauch, effektive Behandlung und vor allem die Entwicklung von Impfstoffen gehören.

 

Mikrobizide Der Begriff Mikrobizide fasst Substanzen zusammen, die in der Vagina appliziert das Eindringen von Viren verhindern sollen. Vier verschiedene Wirkweisen sind dabei denkbar: Durch Veränderung der Vaginalmilieus (zum Beispiel Ansäuern), als physikalische Barriere (das Gel selbst verhindert das Eindringen der Viren), als pharmakologische Barriere (durch Zusatz antiretroviraler Substanzen im Gel) oder als chemische Barriere.

 

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