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Morbus Alzheimer früher erkennen

30.06.2003
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Preis für Hirnforschung

Morbus Alzheimer früher erkennen

von Conny Becker, Frankfurt am Main

Biochemische Marker sollen künftig schon eine präklinische Diagnose der Alzheimer-Krankheit ermöglichen. Mit dem Fund zweier spezifischer Eiweiße lässt sich diese Erkrankung nun besser gegen andere Demenzformen abgrenzen.

Hemmstoffe der Acetylcholinesterase und Memantin haben die medikamentösen Behandlungsansätze für Morbus Alzheimer zwar verbessert, sie kommen jedoch erst sehr spät zum Einsatz. Wenn sich die Krankheit manifestiert, sind bereits 60 bis 70 Prozent der Nervenzellen zu Grunde gegangen. Eine Diagnose sollte daher schon erfolgen, bevor klinische Symptome das Leben der Patienten unwiderruflich beeinträchtigen. Frühzeitig eingesetzt sind auch die Behandlungsansätze effektiver.

„Patienten mit Alzheimer-Demenz leiden an einer Protein- und Peptidfaltungskrankheit“, erklärte Professor Dr. Jens Wiltfang an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Er erhielt am 25. Juni einen der beiden mit 10.000 Euro dotierten Preise für Hirnforschung in der Geriatrie, die die Firma Merz Pharma seit zehn Jahren stiftet.

Tau-Proteine und β-Amyloid (Aβ) spielen bei Alzheimer eine zentrale Rolle, der Demenzgrad korreliert jedoch nicht immer mit der Konzentration dieser beiden biochemischen Marker. Das Tau-Protein ist zudem auch ein Marker für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) und somit zwar sensitiv, aber recht unspezifisch für Morbus Alzheimer.

Inzwischen ist bekannt, dass Tau-Proteine bei Alzheimer-Patienten durch Kinasen vermehrt phosphoryliert werden und dadurch aggregieren. Wiltfang verglich in einer Multicenterstudie die Konzentrationen von phosphoryliertem Tau-Protein im lumbalen Liquor von Patienten mit Alzheimer und einer Kontrollgruppe, in der auch andere Demenzpatienten eingeschlossen waren. Gegenüber CJD etwa lagen sowohl Sesitivität als auch Spezifität bei 85 Prozent, was die differenzielle Diagnostik der einzelnen Demenzerkrankungen deutlich verbessert.

Mithilfe des neuen Nachweisverfahren SELDI-TOF MS (Surface Enhanced Laser Desorption Ionisation Time-Of-Flight Mass Spectroscopy) – einer Kombination von Chromatographie und Massenspektroskopie – untersuchte Wiltfang auch β-Amyloid in Liquorproben. An eine derivatisierte Oberfläche koppelte er monoklonale Antikörper gegen Amyloidstrukturen und konnte so zehn Peptide mit einer Aβ-Immunreaktion unterscheiden. Zu dem „Quintett“ der zahlenmäßig überwiegenden Aβ-Peptide zählt der Neurologe neben den bekannten Aβ 1-40 und 1-42 (die Zahlen stehen für die Anzahl der Aminosäuren) auch Aβ 1-37, 1-38 und 1-39, wobei Aβ 1-42 bei Alzheimer-Patienten typischerweise erniedrigt ist. In Liquorproben der Patienten fand Wiltfang zudem eine neue Aβ-Peptidspezies, die carboxyterminal verlängert war. Hier handelt es sich vermutlich um Aβ 1-45, eventuell um Aβ 2-46, bei dem das Aminoende um eine Aminosäure verkürzt wäre. Dieses Peptid bezeichnet der Mediziner als einen „viel versprechenden neuen Biomarker“ für die präklinische Diagnostik. Zudem könnte er einen neuen Angriffspunkt in der Therapie der häufigsten Demenzform darstellen, das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche sei bereits interessiert. Top

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