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Nicht jede Impfung ist sinnvoll

26.06.2000
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Nicht jede Impfung ist sinnvoll

von Ulrike Wagner, Mainz

Übernachten Sie auf Reisen gemeinsam mit Schweinen im Reisfeld und lassen sich von Moskitos stechen? Dann sollten Sie sich gegen die japanische Enzephalitis impfen lassen. Über Sinn und Unsinn von Impfungen informierten Experten während des 3. Forums Reisemedizin in Mainz. Bei der vom Impfzentrum der Johannes-Gutenberg-Universität in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachgesellschaften organisierten Veranstaltung ging es daneben auch um Gifttiere und die Behandlung von Reisedurchfällen.

"Wer sich nachts im Reisfeld zusammen mit Schweinen und Stechmücken aufhält, sollte sich gegen japanische Enzephalitis impfen lassen", sagte Dr. Klaus-J. Volkmer, Tropenmediziner aus Buchholz. Das Virus wird von Schweinen auf den Menschen übertragen. Gefährdet seien vor allem Trekkingreisende, die hier und da im Freien übernachten. Hoteltouristen sollten sich über die in Deutschland nicht zugelassene Impfung keine Gedanken machen.

Für die Impfung gegen Meningokokken-Meningitis sei eine Fernreise sogar fast eine Kontraindikation, erklärte Volkmer. Nach einer 1994 veröffentlichten Studie liege die Inzidenz für diese Infektion in Deutschland bei 0,9 Erkrankungen pro 100 000 Menschen, bei Interkontinental-Reisenden betrug sie nur 0,5. Klar indiziert ist die Impfung jedoch bei Pilgerreisen nach Mekka. Hier erkranken 2400 von 100 000 Reisenden. Allerdings solle man darauf achten, dass die Pilger den tetravalenten Impfstoff erhalten, der auch vor dem Serotyp W 135 schützt.

Die meisten Laien halten die Gelbfieberimpfung, die bei der Einreise in viele Länder Vorschrift ist, und für gefährdete Gebiete empfohlen wird, für besonders gefährlich, weil die Bescheinigung darüber ausschließlich in bestimmten Impfstellen ausgestellt werden darf. Die Bedenken sind unbegründet, erklärte Volkmer. Die Impfung sei gut verträglich und außerordentlich gut wirksam. Bisher sei noch nie berichtet worden, dass ein Immungesunder sich mit dem Virus infiziert habe, obwohl er geimpft war.

Im Zusammenhang mit Tetanus-, Diphtherie- und Polioimpfungen erinnerte Volkmer an das STIKO-Dogma "Jede Impfung zählt". Wenn ein Patient zum Beispiel vor Jahren die dritte Booster-Impfung verpasst habe, müsse man mit dem Impfschema nicht von vorne anfangen - selbst dann nicht, wenn die letzte Impfung schon 25 Jahre her ist.

Tollwut in Indien

"Das Bewusstsein für die Tollwutübertragung sinkt", beklagte Volkmer. Vor allem in Indien sollten Reisende damit rechnen. Und nicht nur die Erkrankung selbst ist lebensgefährlich, auch die Impfung kann in Drittweltländern zu Komplikationen führen. Wegen der langen Inkubationszeit der Tollwut ist eine postexpositionelle Impfprophylaxe möglich und die einzige Chance, dem Tod nach einer Infektion noch von der Schippe zu springen. Dazu gehört eine passive Immunisierung mit humanem Immunglobulin und eine aktive mit Totimpfstoff. In Indien verwenden Ärzte nach einem Biss durch ein verdächtiges Tier jedoch häufig die alten Impfstoffe, bei denen zu etwa 10 Prozent Komplikationen auftreten. Dazu gehören zum Beispiel allergische Enzephalitiden. Volkmer riet daher dringend, falls Reisende ohne Impfschutz von einem tollwütigen Tier gebissen werden, sich an das dortige deutsche Konsulat zu wenden. Dessen Vertragsarzt könne darüber informieren, wo man die neuen Impfstoffe erhalten kann.

Eine Impfung gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis ist nicht nur bei Reisen in exotische Gebiete indiziert, ein Ausflug in den Odenwald reicht bereits aus, erklärte Privatdozent Dr. Jochen Süss vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz in Berlin. Allerdings können bei Fernreisenden zusätzliche Schwierigkeiten auftreten. Denn auch das Virus der japanischen Enzephalitis, das Gelbfiebervirus und der Erreger des Dengue-Fiebers gehören zur Gruppe der Flaviviren und sind eng mit dem FSME-Virus verwandt. Bei Menschen, die zum Beispiel eine der Infektionen durchgemacht haben oder über eine Gelbfieberimpfung verfügen, seien oft vier bis sechs Impfungen nötig, um einen Impfschutz gegen FSME zu erreichen.

Wegen der engen Kreuzreaktivität produziert das Immunsystem dieser Menschen nach einer FSME-Impfung immer erst Antikörper gegen das ihm bereits bekannte Virus. Hier sei es sinnvoll, den Titer nach der Impfung zu kontrollieren. Dies könnte allerdings nur ein Speziallabor leisten, man müsse gezielt nach neutralisierenden Antikörpern suchen. Ein einfacher Antikörper-Test reiche hier nicht aus.

Mit Kleinkindern solle man prinzipiell nicht in FSME-Risikogebiete reisen. Denn eine Impfung ist hier derzeit nicht möglich. TicoVacâ von Baxter, das bisher für die Impfung von Kindern zugelassen war, ist nun bis zum Alter von drei Jahren ausgesetzt worden. Der Grund: Bei Kindern war es häufig zu Fieberreaktionen gekommen. Im Allgemeinen empfahl Süss allerdings großzügig zu impfen, da die Krankheit bisher nicht gezielt therapiert werden kann.

Einige afrikanische Länder verlangen bei Einreise eine Choleraimpfung, auch wenn der Impfstoff kaum vor einer Infektion schützt, berichtete Dr. Renate Kimbel vom Impfzentrum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. In Anbetracht der Gefahr, sich durch unsaubere Injektionsnadeln mit HIV oder Hepatitis B zu infizieren, "ist ein Bakschisch allemal besser als die Impfung vor Ort", gab Kimbel zu bedenken.

Schlangenbisse

Nicht nur unsichtbare Kranheitserreger können den Auslandsaufenthalt vermiesen. Auch Gifttiere können einem Urlaub - wenn auch selten - den Garaus machen. "Keine Pankik nach einem Schlangenbiss", riet Dr. Johannes Wantzen, Tropenmediziner der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit in Eschborn. Bei über 60 Prozent der Bisse gelinge es der Schlange nicht, nennenswerte Giftmengen in den Körper des Opfers zu übertragen. Da es zu solchen Zwischenfällen meist in heißen Regionen kommt, sollte man den Patienten im Schatten lagern und die entsprechende Körperregion immobilisieren, um eine weitere Ausbreitung des Giftes zu verhindern. Wenn der Betroffene transportiert werden muss, soll dies schonend geschehen. Und wenn irgend möglich, sollte man das Tier mitbringen, damit klar ist, welches Gegengift verabreicht werden muss. Von heldenmutigen Aktionen riet Wantzen jedoch ab.

Nicht sinnvoll oder gar gefährlich seien Maßnahmen wie Abbinden, Einschneiden, Aussaugen, Abschneiden, Erhitzen, Abkühlen, Alkohol oder Kaffee. Wantzen riet davon ab, Reisenden Schlangenseren mitzugeben, ein Antivenom sei nur eine Maßnahme von vielen und das Gegengift gehöre vor allem nicht in die Hand von Laien.

Antibiotika bei Reisedurchfällen?

In Ausnahmefällen sind Antibiotika bei Reisediarrhöe indiziert, erklärte Privatdozent Dr. Gerd-Dieter Burchhard vom Institut für Tropenmedizin in Berlin. Dazu gehören immunsupprimierte Patienten und Patienten mit fortgeschrittener HIV-Infektion, Menschen mit fehlender Magensaft-Barriere, Patienten mit Colitis ulcerosa, anderen schweren Krankheiten, Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, und Patienten mit postinfektiöser Arthritis.

Als Indikationen für eine antibiotische Selbsttherapie nannte er blutig schleimige Diarrhöen mit Fieber, wässrige Durchfälle nach Versagen anderer Therapiemaßnahmen und wenn kein Arzt erreichbar sei. Was gegen eine Einnahme von Antibiotika ohne ärztliche Aufsicht spricht:

* Es gibt vor allem in Drittweltländern häufig Resistenzen gegen viele Antibiotika,

* auch bei Malaria-Erkrankungen können Durchfälle auftreten,

* eine Amöbiasis könnte unentdeckt bleiben.

Ob ein Reisender dazu überhaupt in der Lage sei, sich selbst korrekt zu therapieren, müsse man im Gespräch klären.

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