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Kinder ohne Gesicht

07.06.2004
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Noma

Kinder ohne Gesicht

von Anke Pfleger, Eschborn

„Kinder ohne Gesicht“ werden sie in Afrika genannt: Die zumeist unterernährten Mädchen und Jungen, die an Noma leiden. Wenn eine rechtzeitige Behandlung mit Antibiotika ausbleibt, zerstört die bakterielle Erkrankung einen Großteil des Gesichts. 70 bis 90 Prozent der erkrankten Kinder sterben sogar an Noma.

Der Begriff Noma stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Weide“ oder „Weideland“. Ähnlich schnell wie Schafe eine Weide abgrast, lässt Noma Weichgewebe im Mund und Gesicht schwinden bevor die Zerstörung sich an Kiefer- und Gesichtsknochen fortsetzt. Die Erkrankung ist unter der deutschen Bezeichnung Wangenbrand oder auch Wasserkrebs gebräuchlich. Wobei letzterer Begriff irreführend ist, da Noma nichts mit einem Tumor gemein hat. Vielmehr kommt es zu einer Infektion der Schleimhäute, ausgelöst durch eine Reihe von verschiedenen Bakterien. Durch sie entstehen Deformationen im Gesicht, die Kinder leiden an starken Schmerzen und sind im Essen, Sprechen, Riechen, Sehen und Hören beeinträchtigt.

Noma betrifft fast ausschließlich die Entwicklungsländer. Obwohl die Erkrankung überwiegend in Afrika, Asien oder Südamerika vorkommt, trat sie früher unter bestimmten Gegebenheiten auch in Europa auf. So war sie im letzten Jahrhundert in Deutschland anzutreffen und wurde in den Weltkriegen in Konzentrations- und Gefangenlagern beobachtet. Als Hauptverbreitungsgebiet gilt jedoch die Sahel-Zone in der Subsahara-Region. Unterernährung, schlechte Mundhygiene, sanitäre Missstände und Viruserkrankungen wie Masern sowie der enge räumliche Kontakt zu Haustieren gelten als Risikofaktoren.

Verlässliche Angaben zur Häufigkeit von Noma existieren nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass in einigen Regionen Afrikas 14 von 100.000 Kindern an der Infektion leiden. Meist sind Kinder zwischen zwei und fünf Jahren betroffen. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jedes Jahr allein in Afrika etwa 100.000 Kinder an Noma. Dabei würde eine ausreichende Ernährung und die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse schon genügen, um die Krankheit zu verhindern.

Krankheitsverlauf

Bei der Erkrankung siedeln sich Bakterien in Mund- und Nasenschleimhäuten an und rufen Entzündungen hervor. Mundgeruch und Zahnfleischbluten sind die Folgen. In einer zweiten Phase breitet sich die Entzündung auf Lippen und Wangen aus. Das befallene Gewebe schwillt an, das Kind leidet unter hohem Fieber und starken Schmerzen. An Mund- und Wangenschleimhaut bilden sich Geschwüre, die nach und nach das betroffene Gewebe zerstören. Durch die gestörte Blutversorgung löst sich erkranktes Gewebe von den Gesichtsknochen ab und verfärbt sch schwarz.

Im fortgeschrittenen Stadium greift die Entzündung auf Kiefer- und Gesichtsknochen über und zerstört auch diese. Das Gesicht ist deformiert, entstellt. Nach Abklingen der akuten Infektion bilden sich in den Randregionen Narben, die häufig zu tonischen Krämpfen der Kaumuskeln führen bis hin zur Kieferklemme. Dadurch ist es den kleinen Patienten kaum möglich, Nahrung zu sich zu nehmen. Dies ist besonders dramatisch, da die meisten der betroffenen Kinder bereits unternährt sind. In dieser Phase verhungern viele Kinder.

Gefährliche Mischinfektion

Unterernährte Kinder weisen eine andere Mundflora auf als wohlgenährte. Während in der Mundflora gesunder Mädchen und Jungen Streptococcus die vorherrschende Bakteriengattung ist, überwiegt bei Noma-Patienten der schraubenförmige Keim Borrelia vincenti und das spindelförmige Fusobacterium fusiforme, die an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind. Da sie jedoch natürliche Bestandteile der Mundflora sind, ist Noma im Gegensatz zu Tuberkulose oder anderen Kinderkrankheiten keine ansteckende, exogene Infektion. Die Erkrankung tritt nie bei gesunden Personen auf. Noma befällt vor allem unterernährte Kinder mit geschwächtem Immunsystem. Zudem sind Mädchen und Jungen mit Virusinfekten (zum Beispiel mit Herpes- und Zytomegalieviren) sehr gefährdet.

Experten nehmen an, dass Borellien und Fusobakterien symbiotisch zusammenleben. Die genauen Auswirkungen dieses Zusammenlebens sind jedoch bis heute unklar. Einen weiteren Leitkeim, der bei Erkrankten vorkommt, ist Prevotella intermedia. Das Bakterium hat zersetzende Eigenschaften: Es kann Lipide abbauen und produziert proteolytische Enzyme wie Dipeptidylpeptidasen und Cysteinproteasen. Letztere sind in der Lage, Immunglobulin G zu zerstören.

Ein anderes Bakterium, das mit Noma in Zusammenhang gebracht wird, ist Fusobacterium necrophorum. Der Keim kommt gewöhnlich im Darm von Pflanzenfressern vor und ist an nekrotisierenden Lokalinfekten bei Haustieren beteiligt. Er produziert Endotoxine sowie Hämolysine, die zur Gewebsdestruktion führen. So hat das gebildete Leukotoxin eine rasche nekrotisierende Wirkung. Außerdem synthetisiert das Bakterium Wachstumsfaktoren für Prevotella intermedia, was zu dessen Vermehrung beiträgt.

Wie genau die Weichgewebsnekrose entsteht, ist jedoch weiterhin unklar. Ebenso sind die Mechanismen für den Knochenabbau bislang ungeklärt. Wissenschaftler konnten lediglich elektronenmikroskopisch die Besiedlung der Knochen mit grampositiven, langen filamentartigen Bakterien nachweisen, die mit hoher osteoklastischer Aktivität in den befallen Arealen einhergeht.

Therapie und Prävention

Bei den ersten Anzeichen der Erkrankung wie Mundgeruch und Zahnfleischbluten helfen antiseptische Mittel wie Rivanol- oder Wasserstoffperoxydlösungen. Begleitend müssen die Patienten Vitamine und ausreichend Nahrung erhalten. Die akute Infektion mit auftretendem Fieber lässt sich vergleichsweise leicht behandeln. Antibiotika, in der Regel Penicillinderivate, dämmen die Krankheit ein und führen zu einer raschen Heilung. Ist die Erkrankung jedoch so fortgeschritten, dass der Knochen bereits angegriffen ist, hilft in den meisten Fällen nur noch die Operation. Bei rechtzeitiger Therapie besteht eine Heilungschance von 90 Prozent. Ohne Therapie verläuft die Erkrankung meist tödlich.

Um Noma unter Kontrolle zu bekommen, hat die WHO eine Fünf-Punkte-Strategie entwickelt. An erster Stelle steht die Aufklärung und Früherkennung. Vor allem Mütter und schwangere Frauen sollen über die Anzeichen und Symptome von Noma informiert werden, damit sie die Erkrankung so früh wie möglich entdecken und die Kleinen rechtzeitig behandeln lassen können. Gleichzeitig setzt die WHO auf die Schulung von medizinischem Personal. Weiterhin organisiert und finanziert die Organisation Studien, die die Häufigkeit der Erkrankung ermitteln. Des Weiteren will sie die Forschung vorantreiben, um die kausalen Zusammenhänge bei der Entstehung von Noma aufzudecken.

Ein weiterer Ansatzpunkt beinhaltet das Aufbauen eines ersten Hilfeservices, um Noma-Patienten lokal behandeln zu können. Zudem setzt sich die WHO dafür ein, dass notwendige antiseptische Lösungen, Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel ausreichend verfügbar sind und bereits entstellte Kinder umfassende chirurgische Behandlungen erhalten. Die korrektiven Operationen ermöglichen es den Betroffenen, sich aus der sozialen Ausgrenzung zu befreien und am normalen Leben wieder teilzunehmen.

Außer der WHO haben sich viele weitere Hilfsorganisationen des Problems angenommen. Die AWD-Stiftung Kinderhilfe in Hannover und Interplast e. V, ein gemeinnütziger Verein für plastische Chirurgie in Entwicklungsländern, senden regelmäßig Ärzteteams nach Sokoto, Nigeria, wo das „Noma Children Hospital“ errichtet wurde. Die europäischen Teams unterstützen die ansässigen Ärzte mehrmals im Jahr und helfen bei der Weiterbildung nigerianischer Chirurgen.

Das Deutsche Medikamenten-Hilfswerk Action Medeor stattet Gesundheitsstationen mit Medikamenten und Aufbaupräparaten aus und versorgt Kliniken mit medizinischen Geräten, Instrumenten und Verbandsmaterial. Weiterhin unterstützt die Organisation die Arbeit von Medeor-Partnerin Ute Winkler-Stumpf in Niger. Die Regensburger Grundschullehrerin setzt sich für die Aufklärung, Früherkennung und schnelle Behandlung von Noma ein. In den Dörfern zeigen ausgebildete Helfer den Eltern, Lehrern und traditionellen Heilern, wie sie die ersten Anzeichen von Noma erkennen können. Kranke Kinder, die von ihren Eltern auf Grund ihrer Entstellung ausgestoßen wurden, finden in Kinderhäusern für die Zeit der Behandlung ein neues Zuhause und werden medizinisch versorgt. In der angeschlossenen Kinderklinik operieren Spezialisten entstellte Kinder.

 

Hilfsorganisationen
  • Deutsches Medikamenten-Hilfswerk action medior e. V., www.medeor.org., St. Töniser Straße 21, 47918 Tönisvorst, Telefon (0 21 56) 97 88 0, Fax 97 88 88.
  • AWD-Stiftung Kinderhilfe, www.awd-stiftung-kinderhilfe.de, AWD-Platz 1, 30659 Hannover, Telefon (05 11) 90 20 52 68, Fax 90 20 52 50.
  • Hilfsaktion Noma e. V, www.nomahilfe.de, Eichendorffstraße 39, 93051 Regensburg, Telefon/Fax (09 41) 9 36 84.
  • Facing Africa (Noma), www.facingafrica.org., Seend Park, Seend, Wiltshire, SN12 6NZ, United Kingdom, Telefon 00 44 (0)13 80 82 85 33.

 

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