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Kunstfehler in der Geburtshilfe sind kein Tabuthema mehr

11.06.2001  00:00 Uhr

SELBSTHILFEGRUPPEN

Kunstfehler in der Geburtshilfe sind kein Tabuthema mehr

von Christiane Berg, Hamburg

Körperliche und geistige Behinderungen von Kindern durch mangelhafte Schwangerschaftsüberwachung, zweifelhafte Entbindungsversuche oder ungenügende postportale Nachsorge sind kein Einzelfall. Jahr für Jahr sind Tausende von Eltern betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch. Mütter und Väter suchen nach Ursache und Schuld. Die Ärzte bestreiten. Es kommt zu Prozessen. Gutachter nehmen Stellung, Juristen Partei - teils für die eine, teils für die andere Seite. Lediglich finanzielle Erleichterung kann auf diesem Weg erreicht werden. Denn die Kinder werden auch durch ein Gerichtsurteil nicht wieder gesund.

Unglaubliche Wut und große Trauer habe sie gefühlt, als sie erfahren musste, dass ihre Söhne Patrick und Meiko, heute 22 Jahre alt, schwerstbehindert sind und lebenslange Pflegefälle sein werden, sagt Jutta Rose, Ehrenvorsitzende des Arbeitskreises Kunstfehler in der Geburtshilfe e. V., AKG, Dortmund. Vor, während und nach der Niederkunft habe es eine Reihe von Komplikationen gegeben. So seien die Ärzte dem Verdacht auf Röteln in der Schwangerschaft nicht nachgegangen.

Als sich die Geburt der Zwillinge schließlich ankündigte und die werdende Mutter mit Blaulicht ins Krankenhaus kam, war die Aufnahme nicht besetzt. Viel Zeit verging, bis schließlich ein Kaiserschnitt eingeleitet wurde, und erneut, bis die Neugeborenen in eine Kinderklinik gelangten. Bei beiden Kindern wurde Wochen später eine schwere Hirnschädigung diagnostiziert.

Jutta Rose wollte das schwere Leid nicht auf sich beruhen lassen. Als die Jungen vier Jahre alt waren, trat die sechsfache Mutter den Kampf vor Gericht an. Das Verfahren, das sich bis zum August 2000 hinzog, hat sie schließlich gewonnen. Da es sich lediglich um einen Feststellungsprozess handelte, soll nunmehr in einem weiteren Anlauf die Höhe der Schadensersatzansprüche definiert werden.

Die AKG-Ehrenvorsitzende spricht von "zermürbenden Auseinandersetzungen", die sie immer wieder an den Rand ihrer Kraft gebracht hätten. Dennoch hat sich Jutta Rose über alle Jahre nicht nur für ihre eigenen Söhne, sondern auch für andere Eltern in ähnlichen Situationen eingesetzt. "Das hat mir geholfen, den nötigen Abstand zu meinem eigenen Schicksal zu finden", sagt die 53-Jährige, die 1999 für ihr Engagement mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik geehrt wurde.

Kein Kampfverband gegen Ärzte

Rund 800.000 Kinder werden jährlich in Deutschland geboren. Schätzungsweise 1000 bis 1500 kommen mit einer körperlichen oder geistigen Schädigung durch medizinisches Versagen zur Welt. Der Arbeitskreis betrachtet sich als Elternselbsthilfevereinigung an der Nahtstelle von Behindertenarbeit und Patientenschutz. 1982 gegründet, hat er heute weit über 2000 Mitglieder, zu denen Eltern geburtsgeschädigter Kinder, bei der Entbindung geschädigte Frauen, aber auch Witwer zählen, deren Frauen bei der Geburt zu Tode kamen.

"Wir sind kein Kampfverband gegen Ärzte", bestätigt der jetzige AKG-Vorsitzende, Armin Sievers, Vater der heute siebenjährigen Muriel, die seit ihrer Geburt an einer Cerebralparese mit Spastiken, Diplegie und Lernbehinderung leidet. Es war Silvester. Das Kind wurde, da die Dienst habende Stationsärztin nicht anwesend war, trotz eines plötzlich "katastrophalen" CTGs (Cardiotokogramm, Aufzeichnung der fetalen Herzschlagfrequenz und Wehentätigkeit) 70 Minuten zu spät zur Welt geholt. Auch die Eltern von Muriel haben geklagt, nachdem eine außergerichtliche Einigung vom zuständigen Versicherungsträger mehrfach abgelehnt wurde.

"Es ist unmöglich, nach der Geburt eines Kindes einfach zur Tagesordnung überzugehen, wenn dieses eine Behinderung hat, die hätte vermieden werden können", betont der freiberufliche Sinologe und Hausmann. "Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht, auch in der Medizin. Niemand wird dies bestreiten. Einige Fehler weisen jedoch Gesetzmäßigkeiten auf, die auf strukturellen, apparativen, organisatorischen oder auch personellen Vorgaben beruhen. Hier hakt der AKG ein, indem er Zusammenhänge aufzeigt."

Geburtsschäden verhindern

Der AKG, Münsterstraße 261, 44145 Dortmund, Telefon (02 31) 52 58 72, suche die sachliche Auseinandersetzung. "Es geht nicht darum, irgend jemanden an den Pranger zu stellen. Geben wir Betroffenen und ihren Anwälten Hilfestellung bei Prozessen, so ist unser vorrangiges Ziel die Erlangung von Schadensersatz, denn die angemessene Betreuung eines behinderten Kindes kostet jede Menge Geld."

Der 57-Jährige verweist auf "unermüdliche Überzeugungsarbeit", die zu leisten ist, um Aufmerksamkeit für das hochsensible Thema zu wecken und die Zahl der Geburtsschäden zu senken. "Der Erfolg gibt uns recht. Der Arbeitskreis gilt heute als gefragter Gesprächspartner in sozial- und gesundheitspolitischen Fragen. Wir werden zu Kongressen geladen und stehen im ständigen Kontakt mit Ärzten, Gutachter- und Schlichtungsstellen sowie Krankenkassen", sagt Sievers. Als "unbefriedigend und überholt" hebt abschließend die versicherungsrechtliche Seite hervor. "Noch immer werden Schmerzensgelder nach Katalog gezahlt, die in keinem Verhältnis zum eingetretenen Schaden stehen. Außerdem bleibt die fragwürdige Praxis verzögerter Zahlungen ein großes Problem, das endlich offen zu diskutieren und zufriedenstellend zu lösen ist."

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