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Antiseptisches Hydrogel in der Wundbehandlung

03.05.2004
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Antiseptisches Hydrogel in der Wundbehandlung

von Conny Becker, Berlin

In der feuchten Wundbehandlung gibt es eine weitere Option: Seit dem 1. Mai ist mit Repithel das erste iodhaltige Hydrogel auf dem deutschen Markt. Das Medizinprodukt sorgt nicht nur für ein feuchtes Wundmilieu, sondern wirkt auch antiseptisch.

In der Therapie von Wunden hat sich seit den 60er-Jahren die feuchte Wundbehandlung durchgesetzt, da Feuchtigkeit die Epithelisierung und damit die Wundheilung fördert. Unter diesen Bedingungen wachsen aber auch Bakterien besonders gut – das klassische Dilemma in der Wundheilung.

„Die Wunde ist wie eine Gewebekultur“, sagte Professor Dr. Peter M. Vogt, Hannover, während des 121. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin auf einem Pressegespräch der Firma Mundipharma. Vor allem Verbrennungswunden seien anfällig für Kolonialisierung mit Keimen wie Streptococcus aureus, Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli oder Candida albicans. Überschreiten sie die Grenze von 100.000 cfu (Kolonie bildenden Einheiten) pro Gramm Gewebe, sei praktisch keine Heilung mehr möglich. Daher müssen infizierte Wunden mit Antiseptika behandelt werden, wobei Gentianaviolett, Brilliantgrün, Alkohol oder Wasserstoffperoxid die Wundheilung stören.

Hydrosomen als Hauptakteure

„Nun sind wir auf dem Weg zum idealen Wundtherapeutikum einen Schritt weiter gekommen“, sagte der Chirurg. Denn Repithel gewähre eine feuchte Behandlung, stimuliere die Heilung und bekämpfe darüber hinaus die Wundinfektion. Die Grundsubstanz des neuen Medizinproduktes ist ein Polyacrylatgel, das neben Wasser so genannte Hydrosomen enthält. Wie herkömmliche Hydrogelformulierungen kann es Wasser abgeben und aufnehmen, schafft also eine Feuchtigkeitsbalance, und reinigt die Wunde, indem es auch Zelltrümmer in das Molekülgerüst zieht. Mithilfe dieser wasserhaltigen Liposomen werden bei der Behandlung zudem vorhandene Mikroorganismen abgetötet. Denn die zwiebelschalenförmig aus Phospholipid-Doppelschichten aufgebauten Liposomen enthalten neben einer großen Menge Wasser auch Polyvinylpyrrolidon-Iod (PVP-Iod) als niedrig dosiertes Antiseptikum.

Der Trick dieser Transportform: Da die Lipiddoppelschichten aus geladenen Phosphatidylcholin-Molekülen bestehen, verschmelzen sie gut mit den Membranen von Prokaryonten, die im Gegensatz zur menschlichen Zellmembran kein Phosphatidylcholin enthalten. Bestätigt wird diese hohe Affinität zu Mikroorganismen durch elektronenmikroskopische Aufnahmen und In-vitro-Suspensionstests, in denen eine 3-prozentige Repithelformulierung Keime deutlich schneller abtötete als eine 10-prozentige Betaisodona®-Salbe. Neben der Affinität zu Mikroorganismen spielen die Liposomen auch für eine verbesserte Wundheilung eine Rolle. Denn je tiefer sie in die Wunde gelangen, desto mehr lösen sie sich in ihre Bestandteile auf, so dass Phosphatidylcholin für die Reparatur zerstörter Membranen zur Verfügung steht.

Klinische Studien bestätigten die postulierten Wirkungen, sagte Vogt. So erhielten 167 Patienten in einer randomisierten, placebokontrollierten, untersuchergeblindeten Phase-III-Studie Hautgittertransplantate nach Verbrennungen, rekonstruktiven Eingriffen oder bei chronischen Wunden. Diese so genannten Meshgrafts wurden dann entweder mit Repithel und Wundgaze oder mit der fetthaltigen Wundgaze allein abgedeckt. Beurteilt wurden die Wunden nach dem ersten Verbandswechsel täglich durch eine klinische Untersuchung, wobei die Mediziner die Epithelisierung anhand standardisierter Kameraaufnahmen bewerteten. Weitere Hauptparameter waren die Höhe von Transplantatverlusten sowie Verträglichkeit und Sicherheit. Sekundär maßen die Mediziner auch die Feuchtigkeit der Wundoberfläche (Impedanz), die zusätzlich ein Maß für die Epithelisierung darstellt.

Deutlich schneller

Bereits nach einem Tag zeigte sich unter der Behandlung mit dem liposomalen Hydrogel eine deutlich schnellere Epithelisierung als in der Gazegruppe und auch der Impedanzwert näherte sich früher dem der unverwundeten Haut. Zwischen Tag sieben und neun lag die Rate der Neoepithelisierung unter Repithel signifikant höher (91 versus 82 Prozent) als in der Kontrollgruppe. „Die Zeit bis zur kompletten Heilung verkürzte sich um zwei bis drei Tage, das entspricht 25 Prozent“, so Vogt. Dabei seien die beobachteten Unterschiede sowohl bei akuten Wunden, Verbrennungen als auch bei chronischen Defekten signifikant gewesen. Deutliche Vorteile brachte die Kombinationsbehandlung bei den Patienten, die nicht systemisch Antibiotika erhielten oder Raucher waren (Rauchen vermindert die Hautdurchblutung und damit die Wundheilung). Darüber hinaus senkte die Kombination die Verlustfläche innerhalb des Transplantates um die Hälfte (7,5 versus 14,3 Prozent). Das bedeutet, dass weniger Transplantatfläche mit Krusten belegt war, die weiter behandelt werden mussten. Insgesamt verbesserte die Kombination auch die Narbenqualität und somit das kosmetische Ergebnis.

Wundheilungsstörungen sind nicht selten. „Zehn Millionen Deutsche leiden pro Jahr an Problemwunden“, berichtete Privatdozent Dr. Matthias Augustin von der Universitäts-Hautklinik Freiburg. Problemwunden wie chronische Wunden, Hautinfektionen oder -ekzeme behandele er täglich. Dabei zeigte Repithel etwa bei Ulcus-cruris-Patieten neben einer guten Wundreinigung auch eine schnelle, komplette Epithelisierung. Auch Atopiker mit Impetigo, stark nässenden und bakteriell belegten Wunden, profitierten von der zweiwöchigen Therapie. Das heißt, auch bei empfindlicher Haut heilten Wunden, zum Teil in Kombination mit einem Corticosteroid angewandt, gut ab. Darüber hinaus habe er auch gute Erfahrungen bei Akne vulgaris, sagte der Mediziner.

In eigenen Pilotstudien behandelte das Freiburger Team bereis 60 Patienten mit chronischen Wunden, und 70 Patienten, die an entzündlichen Dermatosen litten. Das liposomale Hydrokolloid wirke gut auf infizierten Wunden und Dermatosen und wurde zudem gut toleriert. Auch die empfindlichen Patienten hatten keine Unverträglichkeiten und zeigten auf Grund der pflegenden Eigenschaften eine hohe Akzeptanz, sagte Augustin. Positiv beurteilte der Mediziner zudem, dass das Antiseptikum keine Resistenzentwicklung und nur eine geringes Risiko für Irritationen und Kontaktallergien aufwies. Die Ergebnisse bestätigten nicht nur, dass Repithel die Wundheilung nicht störe, sondern sogar fördere.

 

Repithel ist seit dem 1. Mai auf dem Markt und in den Tubengrößen 12,5 und 50 g erhältlich (16,80 beziehungsweise 54,98 Euro Apothekenverkaufspreis). Beim Auftragen sollte man beachten, dass das Gel recht flüssig ist und die Wunde möglichst zusätzlich mit einem Pflaster oder Verband abdecken, um die Kleidung zu schützen. Nicht angewandt werden darf das iodhaltige Präparat bei Schilddrüsenüberfunktion oder an Schleimhäuten und Augen.

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