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Unbürokratische Hilfe für Querschnittgelähmte

07.05.2001
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SELBSTHILFEGRUPPEN

Unbürokratische Hilfe für Querschnittgelähmte

von Christiane Berg, Hamburg

In Deutschland leben zurzeit 100.000 Menschen mit einer Querschnittlähmung. Sie leiden unter einer Paraplegie, einer Lähmung der Rumpf- und Beinmuskulatur durch Schädigung des Rückenmarks oder unter einer Tetraplegie, einer zusätzlichen Lähmung auch der Arme. Jährlich kommen etwa 1000 Patienten hinzu. Unfälle mit einer Bruchverletzung der Wirbelsäule gelten neben einem medialen Bandscheibenvorfall, Multipler Sklerose oder spinalen Tumoren als Hauptursache.

Auf die große Verunsicherung, Mut- und Ratlosigkeit bei den Betroffenen und Angehörigen durch Unkenntnis und Vorurteile, die die positive Auseinandersetzung mit der Behinderung erschweren, verweist Franz Kniel von der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ) e. V., Mölsheim. Selbst betroffen und nach einem Arbeitsunfall seit 33 Jahren im Rollstuhl sitzend, weiß der Mitbegründer der Selbsthilfeinitiative, die 1980 ins Leben gerufen wurde, dass "Neuorientierung statt Resignation" gefragt ist.

Die FGQ hat sich daher nicht nur die Förderung von Forschung und Projekten, sondern auch Öffentlichkeitsarbeit zur Aufgabe gemacht. Vor allem aber hat sie sich die unbürokratische Einzelfallhilfe für Menschen, die trotz des sozialen Netzes nicht ausreichend versorgt werden, auf die Fahnen geschrieben. Überbrückungszahlungen, Regelung dringender Anschaffungen, Verkürzung schädigender Wartezeiten in Kliniken, Abschaffung unzumutbarer Wohnverhältnisse, zusätzliche Klinikbesuche von Eltern bei ihrem verunglückten Kind: "Es ist schwer zu verstehen, wie schnell die Grenzen des Sozialstaates erreicht und Kassen oder Sozialhilfeträger nicht fähig sind, die Notlage Querschnittgelähmter zu verhindern", so der heute 63-Jährige, der zu seinen Hobbys Basketball zählt.

Unterstützt bei ihrem Vorgehen wird die FGQ durch "Freundeskreise", Gemeinschaften fördernder Mitglieder, die, sollten sie selbst durch Unfall oder Krankheit querschnittgelähmt werden, mit einer Soforthilfe bis zu 100.000 DM rechnen können. Mit großem Engagement organisieren die heute circa 5000 Mitglieder nicht zuletzt Kongresse oder Geselligkeiten. Als weiteren Schwerpunkt der FGQ nennt Kniel derzeit vier Arbeitsgemeinschaften (ARGE), die Konzepte und Empfehlungen zu den Themen ambulante Dienste, Bauen und Umwelt, Schmerz bei Querschnittlähmung oder Urlaub erarbeitet haben: "Hier werden inhaltliche Anfragen aller Art beantwortet. Arbeitsgemeinschaften zu weiteren Themen sind im Aufbau."

Zentrale Anlaufstelle

Zur Information und Motivation gibt die FGQ das Magazin "Paraplegiker" heraus, das sich nicht scheut, auch Themen wie befriedigende Partnerschaft und Sexualität bei Querschnittlähmung, Angstfaktor Dekubitus, Fremdbestimmung und Bevormundung oder Störung der Intimsphäre zum Beispiel im Pflegeheim oder Krankenhaus aufzugreifen. Zur Wiedereingliederung Betroffener in den Alltag hat der Verein in Bayreuth, Berlin, Speyer, Karlsbad, Greifswald und Ulm so genannte "Startpunktwohnungen" eingerichtet. Zentrale Anlaufstelle der FGQ ist das Sekretariat in 67591 Mölsheim (Silcherstraße 15, Tel. (0 62 43) 52 56). Hier werden auch Kontakte zu einer der 26 Schwerpunktkliniken in ganz Deutschland vermittelt.

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