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Immer mehr Mädchen greifen zur Flasche

26.04.2004
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Drogen- und Suchtbericht 2004

Immer mehr Mädchen greifen zur Flasche

von Conny Becker, Berlin

Das Konsumverhalten der Deutschen hinsichtlich legaler und illegaler Drogen hat sich entscheidend gewandelt. Dies zeigt der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung, den die Drogenbeauftragte Marion Caspers-Merk in Berlin vorstellte. Während die Zahl der Drogentoten beständig abnimmt und sich dieses Jahr auf dem niedrigsten Stand sei 1998 befindet, sind Maßnahmen zur Alkohol- und Tabakbekämpfung weiterhin dringend nötig.

Besonders auffällig ist, dass immer mehr Mädchen zu legalen Drogen greifen. Eine in sechs Bundesländern durchgeführte Studie, die Teil der „Europäischen Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen“ ist, ergab, dass inzwischen mehr Mädchen als Jungen rauchen. Dabei stieg die Zahl der rauchenden Jugendlichen insgesamt weiter an, wohingegen der Anteil der Erwachsenen von 37 Prozent in 1997 auf 34 Prozent im vergangenen Jahr abnahm. „Das Nichtrauchen muss zum Normalfall werden“, sagte Caspers-Merk. Rauchen sei nach wie vor die größte vermeidbare Gesundheitsgefahr, daher müsse das Konsumverhalten der Deutschen geändert werden.

Während auf Tabakkonsum über 110.000 Todesfälle pro Jahr zurückgehen, sterben in Deutschland etwa 40.000 Menschen jährlich an den Folgen des Alkoholmissbrauchs. Zwar trinken Erwachsene laut einer repräsentativen Erhebung derzeit weniger als in vergangenen Jahren, das Verhalten von Jugendlichen ist jedoch alarmierend. Wie die aktuelle Prognos-Untersuchung zeigt, ist die Zahl der Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen in den Jahren 2000 bis 2002 um 26 Prozent gestiegen. Vor allem Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren wurden 2002 aus diesem Grund häufiger ins Krankenhaus eingeliefert – ihr Anteil wuchs in den zwei Jahren von einem Drittel auf die Hälfte an. Das exzessive Trinkverhalten bezeichnete Caspers-Merk als bundesweiten Trend. „Das ist praktisch Trinken bis zum Koma.“

Süße Versuchung

Als Hauptgrund dafür, dass Jugendliche immer früher und heftiger zu trinken anfangen, nannte die Drogenbeauftragte die Verbreitung von so genannten Alcopops. Diese süßen, Spirituosen-haltigen Getränke haben mittlerweile das Bier als das beliebteste alkoholische Getränk verdrängt und gerade den Mädchen den Alkoholkonsum schmackhaft gemacht. Dieser Trend müsse wieder umgekehrt werden, sagte Caspers-Merk. Wie in Frankreich und der Schweiz soll nun auch hierzulande eine Sondersteuer auf Alcopops erhoben werden. Zudem müsse deutlich auf dem Etikett gekennzeichnet sein, dass der Kauf der Getränke laut dem Jugendschutzgesetz erst ab 18 Jahren erlaubt ist.

Dass die Maßnahmen im Kampf gegen den Missbrauch illegaler Drogen erfolgreich war, zeigt die Zahl der Todesfälle: Diese hat seit fünfzehn Jahren einen neuen Tiefstand erreicht. Nun gelte es, besonders jugendliche Aussiedler mit Kampagnen anzusprechen, so Caspers-Merk. Denn diese Gruppe ist mit etwa 10 Prozent der 1477 Drogentoten im Jahr 2003 deutlich überrepräsentiert. Ihr Anteil in der Bevölkerung beträgt nur 2 bis 3 Prozent. Die im Mittel sehr jungen männlichen Drogenabhängigen konsumieren meist sehr heftig eine Mischung aus Heroin und Alkohol. Jugendliche Aussiedler müssten stärker in die deutsche Gesellschaft integriert werden, denn Integration sei die beste Suchtprävention, sagte Caspers-Merk.

„Es ist falsch, wenn wir von weichen und harten Drogen sprechen“, sagte die Drogenbeauftragte. So seien mehr als 10.000 Jugendliche wegen des Konsums des vermeintlich harmlosen Cannabis in medizinischer Behandlung, zum Teil auf Grund von Schizophrenien oder Psychosen. Cannabis ist in Deutschland die meistkonsumierte illegale Droge – rund jeder Zweite der 18- bis 24-Jährigen hat sie zumindest ausprobiert. Caspers-Merk rief dazu auf, zu einer Gesellschaft des Hinsehens zu gelangen und den Konsum illegaler und legaler Drogen in der gesellschaftlichen Debatte nicht länger zu verharmlosen. Top

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