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Schmerzverarbeitung außer Kontrolle

26.03.2001
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FIBROMYALGIE

Schmerzverarbeitung außer Kontrolle

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Die Fibromyalgie als eigenständiges myofasziales Schmerzsyndrom zu bezeichnen, ist nicht mehr aktuell. Vielmehr häufen sich die Indizien, dass es sich um eine generalisierte Störung der Schmerzverarbeitung handelt, deren Ursache im zentralen Nervensystem und nicht im Muskel selbst zu suchen ist. Was das für die Therapie bedeutet, war Thema während des Deutschen Schmerztags vergangene Woche in Frankfurt am Main.

In den USA bezeichnet man die Fibromyalgie salopp als "irritable everything syndrome", denn die Betroffenen haben über den gesamten Bewegungsapparat verteilt starke Schmerzen. Die Diagnose wird per definitionem dann gestellt, wenn die Patienten mindestens über drei Monate unter ausgedehnten Weichteilschmerzen leiden und wenn in allen vier Körperregionen mindestens 11 von 18 definierten Durckschmerzpunkten, so genannte "tender points", druckschmerzhaft sind. Selbst bei lang anhaltenden Beschwerden kommt es nicht zu Funktionseinbußen oder Behinderungen. "Die Patienten haben viele Symptome, aber objektiv messbar ist wenig", sagte Professor Dr. Gerald Aronoff vom Presbyterian Rehab Center for Pain Medicine in Charlotte/USA.

Eine ganze Palette von Symptomen wie Schlafstörungen, Magen-Darm-Bescherden, Gleichgewichtsstörungen oder depressive Verstimmungen begleiten die Schmerzen. Auffallend ist, dass eine Fibromyalgie oft Hand in Hand mit anderen Krankheiten geht. So leiden bis zu 40 Prozent der Menschen mit Lupus erythematodes und bis zu 30 Prozent der Menschen mit rheumatoider Arthritis an Fibromyalgie.

Die üblichen Laborwerte bleiben bei den Betroffenen ohne Befund, doch lassen sich Veränderungen bei den Neurotransmittern nachweisen, informierte Professor Dr. Walter Zieglgänsberger vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Im Blutplasma sowie in der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit von Fibromyalgie-Patienten ist das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Neurotransmittern und Stresshormonen verschoben. Erhöhte ACTH- und Cortisol-Werte lassen auf eine chronische Stressreaktion schließen; dem gegenüber stehen erniedrigte Serotonin-, GABA- oder Endorphin-Spiegel, Substanzen, die für die Schmerzhemmung zuständig sind. Zudem findet man deutlich erhöhte Konzentrationen von Substanz P im Liquor und in der Muskulatur, außerdem von Nerve Growth Factor (NGF) im Liquor.

Schmerzhemmung scheint erschöpft

Experten wie Aronoff interpretieren die "Fibromyalgie als gemeinsame Endstrecke verschiedener Erschöpfungssyndrome". Erschöpft sei besonders die Schmerzhemmung, wenn sie über lange Zeit ständigen Schmerzsignalen ausgesetzt ist. "Die körpereigenen Antichronifizierungsmechanismen, die normalerweise dafür sorgen, dass nicht alle Schmerzimpulse ins Gehirn gelangen und im ZNS eine Gedächtnisspur hinterlassen, können durch ständige Überforderung erschöpft werden", informierte Zieglgänsberger. Fibromyalgie-Patienten hätten entweder eine extrem niedrige Schmerzschwelle oder eine gestörte Schmerzverarbeitung. Schon der kleinste Stress löse bei diesen Patienten eine Schmerzadaptation aus. Das endogene Filtersystem arbeite fehlerhaft. Zieglgänsberger: "Eine weitere Hypothese ist, dass es sich beim typischen Schmerz bei Druck auf die 'tender points' um Schmerz handelt, der ähnlich wie Phantomschmerz entsteht."

Was die Behandlung betrifft, haben sich nach den Worten Aronoffs trizyklische Antidepressiva und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer bewährt. Analgetika seien bei diesen Patienten nicht Mittel der Wahl. Aber eine rein medikamentöse Therapie reicht nicht aus. Charakteristisch für die Patienten ist, dass sie mit Alltagsstress schlecht zurechtkommen, zum Beispiel sind Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz wesentliche Faktoren für die Beschwerden. Wichtiger Bestandteil der Behandlung sind deshalb psychologische Verfahren wie Entspannungsübungen, Stressbewältigung, Gesprächstherapie sowie vermehrte körperliche Aktivität. Muskelrelaxantien erleichterten die erforderlichen Bewegungsübungen. Die Patienten müssen aber lernen, ihre Kräfte einzuteilen und ihrem Körper nach größeren Anstrengungen auch Ruhephasen zu gönnen.

Fibromyalgie ist behandelbar

Wichtig ist nach den Ausführungen Aronoffs, den Patienten klar zu machen, dass Fibromyalgie kein Schicksal ist. Die Erkrankung sei behandelbar. Denn nur selten seien die Schmerzen therapieresistent. Ähnlich wie das Nervensystem den Schmerz gelernt hat, kann es den Schmerz auch wieder vergessen, indem die Übererregbarkeit der Nervenzellen gedämpft wird. Dabei ist die persönliche Ansprache mit viel Vertrauen zum Arzt das A und O. Denn laut Zieglgänsberger "ist die Sprache das beste Pharmakon".

Selbsthilfe-Gruppen hält Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums, für kontraproduktiv, es sei denn, sie würden professionell medizinisch begleitet. "Die Patienten neigen zum Katastrophisieren. Die Betroffenen werden in Fibromyalgie-Selbsthilfegruppen geradezu geklont." Müller-Schwefe riet Fibromyalgie-Patienten, einen Schmerztherapeuten aufzusuchen, anstatt einen Rheumatologen. Top

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