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Gefährliche Infektionen bei Immunschwachen

15.03.2004  00:00 Uhr
Zytomegalieviren

Gefährliche Infektionen bei Immunschwachen

von Christina Hohmann, Frankfurt am Main

Infektionen mit den weit verbreiteten Zytomegalieviren verlaufen normalerweise harmlos. Nur für Immunsupprimierte, vor allem für Aidspatienten, stellen die zu den Herpesviren gehörenden Erreger eine Gefahr dar: Sie können schwere Komplikationen hervorrufen und mitunter sogar zum Tod führen.

Eine junge Morbus-Crohn-Patientin, die seit vier Jahren eine immunsupprimierende Therapie erhält, lässt sich wegen Kopfschmerzen, starkem Krankheitsgefühl und abendlichen Fieberschüben behandeln. Zusätzlich leidet sie unter Übelkeit, Erbrechen und Husten. Die Diagnose: Infektion mit Zytomegalieviren (CMV). „Die Patientin hatte eine latente Infektion, die durch die immunsupprimierende Therapie reaktiviert wurde“, sagte Privatdozentin Dr. Gudrun Just-Nübling vom Universitätsklinikum Frankfurt auf dem 3. Frankfurter Mykologie- und Infektiologie-Symposium.

Das Zytomegalievirus (siehe Kasten) ist einer der am weitesten verbreiteten Viren. „Seine Prävalenz steigt mit dem Lebensalter“, so die Referentin. „Im Alter von 80 Jahren hat man eine 80-prozentige Chance, seropositiv zu sein.“ In Deutschland tragen etwa 60 Prozent der Bevölkerung das Virus in sich. In Entwicklungsländern ist es deutlich stärker verbreitet – in manchen Teilen Südostasiens und Afrikas beträgt die Durchseuchung nahezu 100 Prozent.

 

Zytomegalieviren Das Zytomegalievirus (CMV) gehört zu den Herpesviren, zu denen neben dem Herpes-simplex-Virus auch das Epstein-Barr- und das Variecella-zoster-Virus zählen. Alle Erreger sind sich morphologisch sehr ähnlich, während sie zum Teil recht unterschiedliche Erkrankungen hervorrufen. Sie besitzen ein Genom aus doppelsträngiger DNA, das in ein Kapsid eingeschlossen ist. Dies ist wiederum von einer Phosphoproteinschicht, dem Tegument, und schließlich der Hülle aus Phospholipiden umgeben. Alle Herpesviren persistieren lebenslang in infizierten Menschen oder Tieren. Das Zytomegalievirus vermehrt sich ausgesprochen langsam und bildet dabei die für CMV-Infektionen charakteristischen Riesenzellen. Von diesen auch als „Eulenaugen“ bezeichneten Zellen im Gewebe leitet sich der Name des Erregers ab.

 

Die Erstinfektion im Säuglings- und Kindesalter verläuft meist asymptomatisch. Infizieren sich Erwachsene mit dem Erreger, können Symptome wie starke Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Augenbrennen und Gelenkbeschwerden auftreten. Typisch sind auch abendliche Schübe von hohem Fieber.

Die Infektion kann verschiedene Organe, vor allem die Lunge, die Leber, den Magen-Darm-Trakt und die Netzhaut, betreffen. „Die Erstinfektion ist meist eine gutartige, selbst limitierende Erkrankung, die ohne Behandlung von abklingt“, sagte Just-Nübling. „Eine antiretrovirale Therapie ist nur bei schweren Organkomplikationen notwendig.“

Nach einer Erstinfektion können die Zytomegalieviren – vermutlich in speziellen Blutzellen, den Monozyten – über Jahre persistieren. Ist die körpereigene Abwehr geschwächt, kann die Infektion erneut ausbrechen. Gefährdet sind vor allem Menschen mit Immunschwächesyndrom wie zum Beispiel Aids oder Patienten unter immunsupprimierender Therapie. Aber auch bei Tumorpatienten, Diabetikern und alten Menschen treten häufig Reaktivierungen auf, sagte Just-Nübling. „Bei Fieberschüben sollte daher sofort dem Verdacht auf CMV-Infektion nachgegangen werden“, sagte die Referentin. Denn bei Immunschwachen kann die normalerweise harmlos verlaufende Infektion lebensbedrohliche Komplikationen hervorrufen. Besonders häufig ist der Magen-Darm-Trakt betroffen – etwa 5 bis 10 Prozent der HIV-Patienten entwickeln Entzündungen und Ulzerationen, die bis zur Darmperforation führen können. Seit Einführung der hoch wirksamen antiretroviralen Therapie (HAART) ist die CMV-Infektion bei HIV-Positiven deutlich seltener geworden, berichtete Just-Nübling. Häufig betroffen ist bei Aids-Patienten auch die Netzhaut. Zum Teil kann eine durch Zytomegalieviren verursachte Retinitis der erste Hinweis auf eine Immunschwäche sein.

Direkter Erregernachweis bevorzugt

„Bei der Diagnose der CMV-Infektion ist das gesamte Repertoire der Virusdiagnostik anwendbar“, sagte Dr. Wolfgang Preiser vom Medizinische Virologie der Universitätsklinik Frankfurt. So lasse sich sowohl das Virus als auch die Immunreaktion auf den Erreger nachweisen. Ein positiver Test auf IgG zeige lediglich eine Exposition gegenüber dem Erreger an. Der Nachweis von CMV-spezifischen IgM- oder IgA-Antikörpern dagegen weise auf eine Primärinfektion oder eine Reaktivierung hin. Es sei allerdings äußerst schwierig, anhand von serologischen Tests einen Primärinfekt von einer Reaktivierung zu unterscheiden. Auch die Abgrenzung zur Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, das ebenfalls zu den Herpesviren gehört, sei problematisch. Daher würden die serologischen Tests durch modernere Verfahren abgelöst, sagte Preiser. Vor allem der direkte CMV-Nachweis mittels Virusisolierung würde häufig eingesetzt. Diese Methode hat den Vorteil, dass der Erregerstamm identifiziert und auf Resistenzen getestet werden kann. Allerdings liegt ein Ergebnis der Untersuchung erst nach etwa drei Wochen vor. Weniger Zeit beansprucht dagegen die moderne Schnellisolierung, die allerdings den Nachteil hat, dass sie stark zytotoxisch ist, sodass kein Isolat für weitere Untersuchungen wie Resistenztests zur Verfügung steht.

Alternativ können Mediziner auch Antigene des Zytomegalievirus im Blut nachweisen. Dieser Antigenämietest, der sich innerhalb von 24 Stunden durchführen lässt, weist das virale Protein pp65 in Leukozyten mithilfe von markierten Antikörpern nach. Die modernste Diagnostikmethode sei die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR), sagte Preiser. Mit ihr lässt sich das Virusgenom vervielfältigen und auch quantitativ bestimmen. Allerdings besteht bei dieser hoch empfindlichen Methode die Gefahr, dass sie auch persistierende Viren entdeckt und somit latente, nicht aktive Infektionen nachweist.

„Bei manifesten Erkrankungen mit schweren Komplikationen ist eine antiretrovirale Therapie notwendig“, sagte Preiser. Hierfür stehen zwei Wirkstoffe zur Verfügung: Foscarnet und Ganciclovir. Als Initialtherapie erhalten Patienten mit CMV-Infekten zweimal täglich 5 mg Ganciclovir pro Kilogramm Körpergewicht über sechs Wochen. Nach Absetzten der Behandlung verschlechtern sich manche Symptome wie die Retinitis häufig, weshalb eine sechsmonatige Erhaltungstherapie mit zweimal täglich 1 mg Ganciclovir pro Kilogramm Körpergewicht an drei Tagen in der Woche angeschlossen werden sollte. Neben Patienten mit CMV-Infekten und schweren Komplikationen könnten auch Risikopatienten prophylaktisch behandelt werden oder Patienten mit nachgewiesenen Infektionen eine suppressive Therapie erhalten, um Erkrankungen zu vermeiden, sagte der Mediziner. Top

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